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	<title>Predigt &#8211; Reformierte Stadtkirche Wien</title>
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	<title>Predigt &#8211; Reformierte Stadtkirche Wien</title>
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		<title>5. April 2026 Ostersonntag &#8222;Nun könnt ihr lernen, was glauben heißt&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Apr 2026 07:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
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					<description><![CDATA[Johannes 11, 1-44 Pfr. Harald Kluge 1 Ein Mann namens Lazarus, der in Betanien wohnte, war schwer erkrankt. Im selben Dorf wohnten auch seine Schwestern Maria und Marta. 2 Maria war es gewesen, [&#8230;]]]></description>
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<p class="has-small-font-size">Johannes 11, 1-44 Pfr. Harald Kluge</p>



<p class="has-small-font-size">1 Ein Mann namens Lazarus, der in Betanien wohnte, war schwer erkrankt. Im selben Dorf wohnten auch seine Schwestern Maria und Marta. 2 Maria war es gewesen, die mit kostbarem Salböl die Füße des Herrn übergossen und sie mit ihrem Haar getrocknet hatte. Weil ihr Bruder Lazarus so krank war, 3 ließen die beiden Schwestern Jesus mitteilen: »Herr, dein Freund Lazarus ist schwer erkrankt!« 4 Als Jesus das hörte, sagte er: »Diese Krankheit führt letztlich nicht zum Tod, sondern durch sie soll Gottes Macht und Herrlichkeit sichtbar werden, und auch der Sohn Gottes wird dadurch geehrt.« </p>



<p class="has-small-font-size">5 Jesus liebte Marta, ihre Schwester Maria und Lazarus. 6 Aber obwohl er nun wusste, dass Lazarus schwer krank war, wartete er noch zwei Tage. 7 Erst danach sagte er zu seinen Jüngern: »Wir wollen wieder nach Judäa gehen.« 8 Doch seine Jünger wandten ein: »Rabbi, vor kurzem haben die Leute in Judäa versucht, dich zu steinigen. Und jetzt willst du wieder dorthin?« 9 Jesus antwortete: »Ist es nicht zwölf Stunden am Tag hell? Wer sicher laufen will, muss diese Zeit nutzen; denn nur bei Tageslicht sieht er den Weg. 10 Wer nachts unterwegs ist, stolpert in der Dunkelheit, weil das Licht nicht bei ihm ist.« 11 Nachdem er das seinen Jüngern gesagt hatte, meinte er: »Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen, aber ich will hingehen und ihn aufwecken!« 12 Die Jünger erwiderten: »Herr, wenn er schläft, wird er bald wieder gesund sein.« 13 Sie meinten nämlich, Jesus hätte vom gewöhnlichen Schlaf gesprochen, aber er redete von Lazarus’ Tod. 14 Deshalb sagte Jesus ihnen ganz offen: »Lazarus ist gestorben! 15 Doch euretwegen bin ich froh, dass ich nicht bei ihm gewesen bin. Denn nun könnt ihr lernen, was Glauben heißt. Wir wollen jetzt gemeinsam zu ihm gehen!« 16 Thomas, den man auch den Zwilling nannte, sagte zu den anderen Jüngern: »Ja, lasst uns mit Jesus nach Judäa gehen und dort mit ihm sterben.« 17 Als sie in Betanien ankamen, erfuhr Jesus, dass Lazarus schon vier Tage im Grab lag. 18 Das Dorf ist nur etwa drei Kilometer von Jerusalem entfernt. 19 Deswegen waren viele Juden aus der Stadt zu Maria und Marta gekommen, um die beiden zu trösten. 20 Als Marta hörte, dass Jesus auf dem Weg zu ihnen war, ging sie ihm entgegen. Maria aber blieb zu Hause. </p>



<p class="has-small-font-size">21 Marta sagte zu Jesus: »Herr, wärst du hier gewesen, würde mein Bruder noch leben. 22 Aber auch jetzt weiß ich, dass Gott dir alles geben wird, worum du ihn bittest.« 23 »Dein Bruder wird auferstehen!«, gab Jesus ihr zur Antwort. 24 »Ja, ich weiß«, sagte Marta, »am letzten Tag, bei der Auferstehung der Toten.« 25 Darauf erwiderte ihr Jesus: »Ich bin die Auferstehung, und ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. 26 Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben. Glaubst du das?« 27 »Ja, Herr«, antwortete ihm Marta. »Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, auf den wir so lange gewartet haben.« 28 Jetzt lief Marta zu ihrer Schwester Maria. Ohne dass die übrigen Trauergäste es merkten, flüsterte sie ihr zu: »Unser Lehrer ist da und will dich sprechen!« 29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und lief ihm entgegen. 30 Jesus hatte das Dorf noch nicht erreicht, sondern war dortgeblieben, wo Marta ihn getroffen hatte. 31 Als Maria aufsprang und eilig das Haus verließ, meinten die Juden aus Jerusalem, die sie trösten wollten: »Sie will am Grab weinen.« Darum folgten sie ihr. 32 Aber Maria lief dorthin, wo Jesus auf sie wartete. Als sie ihn sah, fiel sie vor ihm nieder und rief: »Herr, wenn du da gewesen wärst, würde mein Bruder noch leben!« 33 Jesus sah, wie sie und auch die Trauergäste weinten. Da war er tief bewegt und erschüttert. 34 »Wo habt ihr ihn bestattet?«, fragte er. Sie antworteten: »Komm, Herr, wir zeigen es dir!« 35 Auch Jesus kamen die Tränen. 36 »Seht«, sagten die Juden, »er muss ihn sehr liebgehabt haben!« 37 Doch einige meinten: »Einen Blinden hat er sehend gemacht. Hätte er da nicht auch verhindern können, dass Lazarus starb?« 38 Von diesen Worten war Jesus erneut tief bewegt. Er trat an das Grab; es war eine Höhle, die man mit einem großen Stein verschlossen hatte. 39 »Schafft den Stein weg!«, befahl Jesus. Aber Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte: »Herr, der Geruch wird unerträglich sein! Er ist doch schon vier Tage tot!« 40 »Habe ich dir nicht gesagt«, entgegnete ihr Jesus, »du wirst die Macht und Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur glaubst?« 41 Sie schoben den Stein weg. Jesus sah zum Himmel auf und betete: »Vater, ich danke dir, dass du mein Gebet erhört hast! 42 Ich weiß, dass du mich immer erhörst, aber ich sage es wegen der vielen Menschen, die hier stehen. Sie sollen alles miterleben und glauben, dass du mich gesandt hast.« </p>



<p class="has-small-font-size">43&nbsp;Dann rief er laut: »Lazarus, komm heraus!« 44&nbsp;Und Lazarus kam heraus. Hände und Füße waren mit Grabtüchern umwickelt, und auch sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. »Nehmt ihm die Tücher ab«, forderte Jesus die Leute auf, »und lasst ihn gehen!« </p>



<p>Liebe Gemeinde!</p>



<p>Die Nachricht lautet: &#8222;Dein bester Freund ist krank! Komm schnell!“ Wer von uns würde da nicht gleich aufspringen, wenn so eine Nachricht von einer lieben Freundin am Handydisplay auftaucht? Rasch die Sachen packen und schauen, wie man helfen kann. Jesus tut nichts dergleichen. Er lässt sich einige Tage Zeit, bevor er sich aufmacht nach ihm zu sehen. Eigentlich nicht nachvollziehbar.</p>



<p>Aber wie lange lassen wir uns denn manchmal Zeit bis wir jemanden anrufen, von dem wir wissen, dass ein geliebter Freund oder eine Freundin oder der Bruder oder die Mutter gestorben ist? Was sagt man, um nicht respektlos zu wirken? Wie fängt man so eine Begegnung an?</p>



<p>Nach vier langen Tagen kommt Jesus dann mit seinen Jüngern in Betanien endlich an. Und eine der Schwestern Marta ist es, die sich bei einem früheren Besuch von Jesus bei ihnen so pflichtbewusst in der Küche abgeschuftet hatte, um ihrem Rabbi ein Essen zu bereiten. Währenddessen hatte ihre Schwester Maria bei Jesus gesessen und hatte seinen Worten gelauscht. Und wie hatte Jesus auf diese Ungerechtigkeit reagiert? „Marta, ach Marta, Maria macht`s richtig. Komm setz dich her.“ Und jetzt mitten in der Zeit der Trauer des Schwesternpaares, ihr Bruder Eleazar – latinisiert Lazarus – war schon vier Tage tot, kommt Jesus endlich wieder in Betanien an. Was hat ihn aufgehalten? Sie hatten ihm ja vor mehr als einer Woche bereits einen Boten geschickt. Marta stapft auf Jesus zu und sagt zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, würde mein Bruder noch leben.“ Hat Marta es vorwurfsvoll gesagt oder einfach nur mit unendlicher Traurigkeit in ihrer Stimme? „Ich weiß, dass GOTT dir alles geben wird, worum du ihn bittest.“ Du hättest ihn heilen können, wenn du rechtzeitig da gewesen wärst und GOTT gebeten hättest. Aber du hast es nicht getan. „Dein Bruder wird auferstehen!“</p>



<p>Liebe Gemeinde! Wer kennt das nicht? Das Gefühl, jemand ganz wichtiger ist einfach zu spät aufgetaucht. Wenn Gott da gewesen wäre, wäre es nicht passiert. Kann Gott im Stau stehen? Oder will Gott etwas nicht sehen? Wir beten, wir hoffen, und am Ende steht das Grab. Auch bei der Geschichte des Mannes namens Jeschua Ben Joschua aus Nazareth. An seinem Lebensende wird er vom Kreuz vorsichtig runtergenommen und in Grabtücher eingewickelt. Und seine Verwandten und engsten Freunde und Freundinnen begleiten seinen Leichnam in seine Grabhöhle. Zur Sicherung vor wilden Tieren und Grabräubern rollt man einen schweren Stein vor die Öffnung. Und wie bei Lazarus, Eleazar, geht die Trauergemeinschaft in ein Haus um zu essen und zu trinken, weil davor wird allen wenig dazu zumute gewesen sein. Und sie reden über ihre Erlebnisse mit Eleazar, bauen sich auf, weinen und nehmen sich gegenseitig in die Arme.</p>



<p>Ostern beginnt nicht mit einem Halleluja, sondern mit Tränen um einen geliebten Verstorbenen. Auch Jesus weint davor öfters. Er ist kein gefühlskalter Gottessohn. Er sieht den Schmerz von seinen Freundinnen Martha und Maria, die um ihren Bruder Eleazar trauern. Er ist tief bewegt und erschüttert, wie man es ist, wenn ein geliebter Freund oder eine Freundin stirbt. &nbsp;Es kommen ihm die Tränen.</p>



<p>Das ist einer der roten Fäden des Johannesevangeliums: Gott wird Mensch. Und Jesus fühlt, wie wir fühlen, spürt Schmerzen, wie wir sie empfinden, bricht in tiefer Traurigkeit und Ohnmacht zu Boden, wie es uns geschehen kann, wenn alles einfach zu viel wird.</p>



<p>Johannes erzählt uns von sieben „Zeichen“, Handlungen die Jesus ausführt. Und bei jeder einzelnen Handlung zeigt sich seine Besonderheit ein bisschen mehr. Es sind keine Zaubertricks, nicht bloß Wunder zum Bestaunen, sondern sie gelten für uns als Wegweiser. Das Zeichen weist wie ein Schild, wie ein Merkmal auf etwas dahinter hin. Da können wir anfangen zu grübeln und zu suchen und zu forschen. Bis heute. Am Beginn seines öffentlichen Auftretens feiert Jesus mit seiner Mutter und seinen ersten Jüngern bei einer <strong>Hochzeit in Kana</strong> das Leben und die Liebe. Er verhilft dem Bräutigam dazu sein Gesicht zu wahren, wenn er Wasser in Wein wandelt und so sein erstes Zeichen setzt.</p>



<p>Bei einem weiteren Zeichen heilt Jesus kurz darauf den todkranken <strong>Sohn eines königlichen Beamten in Kapernaum </strong>aus der Ferne und zeigt damit: Gottes Wort überwindet jede Distanz.</p>



<p>Am <strong>Teich Bethesda</strong>, in dem alle heiligen Zeiten ein Engel auftaucht, um das Wasser in Wallung zu bringen und dadurch den ersten Menschen heilt, der es zum Wasser schafft, dort heilt er einen Mann und zeigt allen: Selbst eine Lähmung und eine überkommene mystische Vorstellung kann mit Jesus durchbrochen werden.</p>



<p>Bei den <strong>5.000 Männern und dazu Frauen und Kindern</strong>, die gekommen waren, um Jesus predigen zu hören und von ihm geheilt zu werden, bringt Jesus alle dazu, miteinander zu teilen. Selbst großer Mangel kann durch Teilen von 5 Gerstenbroten und 2 Fischen und mit Vertrauen, und wenn ich mein Ego ein wenig hintanstelle, gestillt werden.</p>



<p>Als eines Nachts die Jünger vor Jesus mit einem Boot fliehen wollen, kommt er ihnen auf dem <strong>See Genezareth bei heftigem Unwetter</strong> auf dem Wasser wandelnd entgegen. Er besänftigt ihre Angst und rettet ihr Leben.</p>



<p>Sein sechstes Zeichen wirkt Jesus in Jerusalem. Als er und seine Jünger vor den Tempeldienern fliehen müssen, die ihn steinigen wollen, läuft er einem <strong>blinden Mann namens Uriya</strong> über den Weg.</p>



<p>Ganz ungewöhnlich spricht er nicht über den Mann, wie seine Jünger, sondern mit dem Mann und rührt einen Brei mit seiner Spucke an und heilt sein Augenlicht. Dabei möchte er den Mitmenschen damals und uns klar zeigen: Es soll uns vorrangig nicht darum gehen, wie jemand in eine schlimme Lage geraten ist. Gott möchte, dass wir uns überlegen, wie wir vorausblickend mit dem Menschen, dem wir begegnet sind, umgehen werden. In diesem sechsten Zeichen schenkt Jesus uns neue Perspektiven. In seinem siebenten Zeichen im Evangelium nach Johannes – und nur hier wird davon erzählt – da zeigt sich, dass bei Jesus der Tod nicht das letzte Wort haben wird.  Weder für ihn noch für die Menschen wird dies gelten.</p>



<p><strong>Das siebente Zeichen bei Lazarus ist das spektakulärste und gefährlichste.</strong> Es ist für Jesus wie eine Generalprobe für Ostern. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Er sagt nicht: „Ich habe Informationen darüber für euch dabei.“ Er <strong>ist</strong> es. Er ist für uns die Auferstehung und das Leben. Seine Freundin Marta hat es ihm geglaubt. Ihre Schwester, so lesen wir, Maria läuft anders als Marta ganz hektisch und aufgeregt aus dem Haus, wo sie zum Trauern zusammengekommen waren. Sie läuft auf Jesus zu und schleudert ihm entgegen:  „Herr, wenn du da gewesen wärst, würde mein Bruder noch leben!“ Sie gehen schließlich alle gemeinsam zum Grab von Eleazar. Marta versucht noch Jesus aufzuhalten, das Grab öffnen zu lassen. „Herr, der Geruch wird unerträglich sein! Er ist doch schon viert Tage tot!“</p>



<p>„Hab ich dir nicht gesagt, liebe Marta, du wirst die Macht und Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur glaubst?“ Auf den Geruch der Macht und Herrlichkeit ist er dabei nicht eingegangen. Und auf ein Wort, einen Satz von Jesus kommt Eleazar aus seinem Grab heraus.  Er ist noch in die Grabtücher eingewickelt. Er lebt, aber er trägt noch die Zeichen seines Todes. Befinden wir uns nicht auch manchmal in so einem Zustand? Wir denken, dass wir an Gott glauben, aber wir schleppen die alten Ängste, die alten Wickel noch mit uns herum. Jesus sagt zu den Umstehenden: <strong>„Nehmt ihm die Tücher ab und lasst ihn gehen!“</strong></p>



<p>Warum dürfen Maria und Marta ihren Bruder nicht in die Arme schließen?  Müssen sie ihn wirklich zuerst aus den Tüchern auswickeln, ihn entfesseln? Eines muss man hier anmerken. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Alles an der Szenerie erscheint irgendwie chaotisch und unordentlich. Auch im Religiösen und bei Wundern oder Zeichen braucht es doch eine Ordnung. Mit einem einbalsamierten Eleazar, um den man trauern kann, können die Menschen umgehen, irgendwie umgehen. Auch werden sie ihn da und dort in Erinnerungen und Ritualen festhalten wollen. Um unserer Trauer den größten Schmerz zu nehmen, lassen wir die Verstorbenen lieber nicht ganz gehen. Da bringt Eleazar, der plötzlich wieder lebendig vor ihnen steht alles und jeden durcheinander. Wir binden uns auch im Leben schon gerne gegenseitig fest mit unseren Erwartungen: „Du bleibst schön der oder die, als den ich dich kenne.“ Wir wickeln unsere Kinder in die Tücher unserer eigenen Ängste. Wir schnüren unsere Mitmenschen ein in die Tücher ihrer alten Fehler, damit sie ja nicht anfangen, sich frei zu bewegen. Wie Marta und Maria und die anderen Trauernden pflegen wir unsere Resignation wie einen Vorgarten. „Da kann man halt nichts machen“, ist so das Leichentuch unserer Zeit. „Lösen wir die Wickel!“ Hören wir doch auf, die Menschen auf ihre Vergangenheit festzunageln. Hören wir auf, das Neue mit dem Argument „Das haben wir noch nie so gemacht“ zu ersticken. Wenn Gott einen Menschen aus dem Grab holt, aus der Dunkelheit und dem Dreck zieht, dann haben wir nicht das Recht, ihn mit unseren Vorurteilen wieder zu fesseln.</p>



<p>Eleazar bedeutet Hebräisch „Gott hilft“ und er kommt durch Gottes Wirken heraus. Aber er ist in Gefahr, eingewickelt, unfrei zu bleiben, weil <em>wir</em> ihn noch festhalten. Lassen wir doch auch den Eleazar, den Lazarus, in unserem Nächsten endlich gehen! Beenden wir die Wickel. Oder haben wir Angst vor dem Leben, das dann zum Vorschein kommen könnte? Wenn wir glauben, werden wir es sehen.</p>



<p><strong>Übrigens nach diesem siebenten folgt noch das achte Zeichen. Es ist das leere Grab im Garten. </strong>Lazarus wurde auferweckt, aber er musste später doch noch einmal sterben. Er wurde zurück ins alte Leben geholt. Ostern ist das achte Zeichen – die Vollendung der Schöpfungswoche. Jesus kehrt dabei, nachdem er auch nach drei Tagen auferstanden ist, nicht in sein altes Leben zurück. Er bricht durch in eine völlig neue Dimension. Der Stein vor seiner Grabhöhle ist weg. Die Grabtücher liegen ordentlich zusammengelegt da.</p>



<p>Er braucht sie nicht mehr.</p>



<p>Er geht hindurch in ein völlig neues Leben.</p>



<p>Und das neue Leben steht auch uns offen.</p>



<p>Halleluja!</p>



<p>Christus ist auferstanden!</p>



<p>Er ist wahrhaftig auferstanden!</p>



<p>AMEN</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>4. April 2026 Osternacht: „Die Auferstehung bewegt“ Pfrn.Réka Juhász</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/04/04/4-april-2026-osternacht-die-auferstehung-bewegt-pfrn-reka-juhasz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Apr 2026 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=7205</guid>

					<description><![CDATA[Predigttext: Johannes 20, 1-10 11Am ersten Tag der Woche kommt Maria aus Magdala frühmorgens noch in der Dunkelheit zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist. 2Da [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Predigttext: Johannes 20, 1-10</strong></p>



<span id="more-7205"></span>



<p><strong><sub>1</sub></strong>1Am ersten Tag der Woche kommt Maria aus Magdala frühmorgens noch in der Dunkelheit zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist. 2Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 3Da brachen Petrus und der andere Jünger auf und gingen zum Grab. 4Die beiden liefen miteinander; doch der andere Jünger lief voraus, war schneller als Petrus und kam als Erster zum Grab. 5Und als er sich vorbeugt, sieht er die Leinenbinden daliegen; er ging aber nicht hinein. 6Nun kommt auch Simon Petrus, der ihm folgt, und er ging in das Grab hinein. Er sieht die Leinenbinden daliegen 7und das Schweisstuch, das auf seinem Haupt gelegen hatte; es lag nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengerollt an einem Ort für sich. 8Darauf ging nun auch der andere Jünger, der als Erster zum Grab gekommen war, hinein; und er sah, und darum glaubte er. 9Denn noch hatten sie die Schrift, dass er von den Toten auferstehen müsse, nicht verstanden. 10Dann kehrten die Jünger wieder zu den anderen zurück.</p>



<p>Liebe Gemeinde,</p>



<p>der Glaube an die Auferstehung ist ein sehr bewegender Glaube. Über kein anderes Thema rätseln wir so viel. Mit keinem anderen theologischen Thema beschäftigen wir uns so intensiv wie mit der Auferstehung. Ein Hauch Unendlichkeit schwingt dabei mit und dazu die große und starke Hoffnung: Mit dem Tod ist nicht alles aus. Wir bleiben miteinander auch über den Tod hinaus verbunden. Nichts geht verloren.</p>



<p>Wir wissen zwar nicht, wie Gott das gemacht hat mit der Auferweckung Jesu. Aber das müssen wir auch gar nicht wissen. Wir sehen ja die Jünger in Jerusalem, die Frauen und dazu die vielen Menschen, die voller Hoffnung sind; die nicht verzagt nur auf sich selbst schauen, sondern hoffnungsvoll nach vorne oder gar nach oben schauen und füreinander da sind.</p>



<p>Die Faszination der ersten Gemeinden</p>



<p>Da kann man schon ins Schwärmen kommen, wie eine meiner 14-jährigen Schülergruppen im Religionsunterricht: „Diese Urgemeinde war der Hammer“ — „Wenn ich vor 2000 Jahren gelebt hätte, hätte ich mich auch sicherlich einer der ersten Gemeinden angeschlossen“ — sagten sie begeistert. „Die waren so mutig und richtig sozial, ihre Tisch- und Gütergemeinschaft war einzigartig“ — „Und die Idee der Auferstehung — richtig krass …“</p>



<p>Na ja — es war mehr als eine Idee, musste ich kurz widersprechen. Aber ich glaube, sie haben etwas ganz Besonderes begriffen. Der Glaube an die Auferstehung ist ja letztendlich das Fundament der neuen religiösen Bewegung geworden. Keine andere Religion hat damals über die Auferstehung gesprochen.</p>



<p>Auferstehung bewegt — heute noch. Nur bewegt sie leider den modernen Menschen, im Gegensatz zu den ersten Christen, nicht in die Kirche, sondern eher aus der Kirche hinaus.</p>



<p>Als sie das hörten, liefen Petrus und vermutlich Johannes zum Grab. Aufgeregt, angespannt, voller Hoffnung. laufen sie also zum leeren Grab. Aber zunächst wird aus der Hoffnung noch keine Freude, sondern erst einmal ein Verdacht: Wer hat den Leichnam gestohlen? Erst am Abend, wenn sie wieder miteinander Tischgemeinschaft feiern und das Brot brechen und den Kelch trinken, erst dann begegnen sie dem auferstandenen Herrn.</p>



<p>Und diese Begegnungen bewegten und bewegen heute noch die Jünger und Jüngerinnen Jesu zueinander und nicht zuletzt zur Welt hin. Das leidvolle menschliche Leben wurde dadurch wieder mit Sinn, Kraft, Mut erfüllt. Und mit der Bereitschaft zur Gemeinschaft mit den anderen, mit der Bereitschaft, den Weg des Friedens zu suchen und diese Suche trotz allem nicht und niemals aufzugeben.</p>



<p>Wie können wir die Auferstehung verstehen?</p>



<p>Und gerade an diesem Punkt beginnt vielleicht auch unsere heutige Frage. Nicht unbedingt: Ob Auferstehung wichtig ist. Sondern eher: Wie wir sie verstehen.</p>



<p>Denn nicht die Auferstehung selbst ist problematisch, sondern die Art, wie sie verstanden wird.</p>



<p>Der reformierte Theologe Reinhold Bernhardt hat in einem Interview sehr zeitgemäß beschrieben, was der Auferstehungsglaube heute noch bedeutet. Einige seiner Gedanken möchte ich hier aufnehmen.</p>



<p>Wie kann man sich die Auferstehung Christi vorstellen? Vielleicht sollte man sie sich gar nicht so genau vorstellen. Ansonsten materialisiert man sie und nimmt ihr das Geheimnishafte. Wenn man sie als mirakulöses Ereignis versteht, in dem Gott Leichname wiederbelebt, dann ist es nicht verwunderlich, dass der moderne Mensch damit schwer etwas anfangen kann.</p>



<p>Jesus ist nicht in sein Leben zurückgekehrt, so wie es von Lazarus erzählt wird. Nach Paulus ist die Auferstehung ein Weg nach vorne in ein Leben in der Gegenwart Gottes. Paulus spricht nicht von einer körperlichen Auferstehung, sondern von der Auferstehung in einem Geistleib, ohne das genauer zu beschreiben.</p>



<p>Die Bibel spricht von der Auferstehung in einem viel tieferen Sinn. Dass der moderne Mensch damit Schwierigkeiten hat, zeigt eher, wie unsere westliche oder moderne Kultur geprägt ist. In Zentralafrika fällt es den Menschen leichter zu glauben, dass uns die Todesgrenze nicht von Gott trennt, denn diese Grenze wird dort nicht so scharf gezogen wie bei uns. Die Verstorbenen leben in einer anderen Sphäre der Wirklichkeit.</p>



<p>Was ist die Auferstehung? Die Auferstehung ist Eintritt in eine größere Realität. Diesen Glauben kann man nicht erzwingen — und man sollte es auch nicht. Die Auferstehung ist zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens. Paulus hat gesagt: Mit dem Glauben an die Auferstehung Christi steht und fällt der christliche Glaube.</p>



<p>Ja, denn Auferstehung hat mindestens so viel mit den Jüngern aller Zeiten zu tun wie mit Jesus selbst. Sie ist eine Erfahrung, die auch heutige Christen machen: Auferstehung bedeutet, dass aus dem Tod neues Leben, aus Verzweiflung neue Hoffnung und aus Hass neue Liebe entstehen kann, so wie Gott selbst „aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will“, wie Bonhoeffer einmal gesagt hat. Diese Realität können wir auch gegenwärtig erfahren.</p>



<p>Vielen Menschen ist die Frage wichtig, wie man im Angesicht des Todes lebt. Nach Paulus ist Jesus der Erstgeborene der Toten. Er geht voraus auf dem Weg in die Gegenwart Gottes. Ich muss diesen Weg nicht selbst bahnen. Darin liegt eine große Hoffnung.</p>



<p>Ein Stückerl Himmel offenlassen</p>



<p>Und genau diese Hoffnung, liebe Gemeinde, ist es, die unser Leben trägt. Vielleicht nicht immer laut. Vielleicht nicht immer triumphierend. Aber doch still, tief und verlässlich. Der Osterglaube ist für uns Christinnen und Christen wie ein Stückerl Himmel, das über unserem Leben frei bleibt.</p>



<p>Vielleicht kennen einige von Ihnen den Satz, beziehungsweise das Buch von Marcel Proust: „Halten Sie stets ein Stückchen Himmel frei über Ihrem Leben.“</p>



<p>Er war ein französischer Schriftsteller und ist 1922 gestorben. Berühmt ist er wegen seiner sieben Bücher mit dem Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erzählt wird über ihn, dass er oft schwermütig war und dann im Bett lag, Besuch bekam, Tee trank und mit seinen Gästen Kuchen aß. Wenn er aber allein war und bei Kräften, schrieb er an seinen Büchern. Gleich im ersten Band steht dieser wunderschöne Satz: „Halten Sie stets ein Stückchen Himmel frei über Ihrem Leben.“</p>



<p>Das ist ein kraftvoller Gedanke. Als sei irgendwo in meinem Kopf oder in meiner Seele immer ein kleines Fenster offen: Halten Sie stets ein Stückerl Himmel frei über Ihrem Leben.</p>



<p>Denn ich kann nicht alles wissen oder immer fest glauben. Niemand weiß in allem Bescheid und tut nur das Gute und Richtige. Kein Mensch hat immer die Liebe, die nötig ist. Oft sind wir nicht weise genug für die Welt — und auch nicht für die vielen Sorgen, die um uns sind oder die wir selber haben.</p>



<p>Da ist es klug, wenn ein Fenster offen bleibt Richtung Himmel. Es gibt ja noch mehr als mein Leben, mehr als diesen Tag und seine Sorgen. Es gibt ja auch noch die Hoffnung, dass der Himmel mich behütet, vielleicht sogar einmal eingreift zum Guten. Vor allem aber gibt es die Hoffnung, dass ich mit mir und meinen Sorgen nicht alleine bin.</p>



<p>Ostern bewegt</p>



<p>Vielleicht ist das ja das Bewegende am Osterglauben: dass auch die Jünger ein Stückerl Himmel offen gehalten haben über ihrem Leben. Nach dem grausamen Tod Jesu hätten sie sich verschließen können, in ihrer Angst bleiben können, in ihrer Enttäuschung und Trauer. Aber sie ließen sich ansprechen vom Auferstandenen. Und gerade dadurch kamen sie wieder in Bewegung: für ihn, für seine Lehre, für den Glauben an die Auferstehung und füreinander. So wurde aus Angst neue Kraft, aus Trauer neue Hoffnung und aus dem Ende ein neuer Anfang.</p>



<p>Darum ist der Osterglaube bis heute ein bewegender Glaube: weil er Menschen aufrichtet, weil er Herzen öffnet und weil er uns immer wieder neu in Bewegung setzt.</p>



<p>Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Amen</p>



<p>Ø Quelle zum Interview: https://reformiert.info/de/recherche/wie-halten-sie-es-mit-der-auferstehung-16796.html</p>



<p>Ø Gedanken zum Thema „Ein Stück Himmel“ entnommen:</p>



<p>Michsel Becker. Werksatt Liturgie und Predigt. S. 76. April 2025</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>3. April 2026 Karfreitag 17 Uhr</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/04/03/4-april-2026-karfreitag-17-uhr/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Apr 2026 18:14:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
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					<description><![CDATA[Karfreitag als Protest gegen alles Leid von Pfarrerin Réka Juhász „Was sollen wir noch mehr sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann sich dann noch gegen uns stellen? Er hat&#160;ja seinen&#160;eigenen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Karfreitag als Protest gegen alles Leid</strong> von Pfarrerin Réka Juhász</p>



<span id="more-7200"></span>



<p>„<em>Was sollen wir noch mehr sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann sich dann noch gegen uns stellen? Er hat&nbsp;ja seinen&nbsp;eigenen Sohn nicht verschont. Vielmehr hat er ihn für uns alle in den Tod gegeben. Wenn er uns aber seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns dann nicht auch alles andere schenken? Doch aus alldem gehen wir als strahlende Sieger hervor. Das haben wir dem zu verdanken, der uns so sehr geliebt hat. Ich bin zutiefst überzeugt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – nicht der Tod und auch nicht das Leben, keine Engel und keine weltlichen Mächte, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges und auch keine andere gottfeindliche Kraft. Nichts Über- oder Unterirdisches und auch nicht irgendetwas anderes, das Gott geschaffen hat – nichts von alledem kann uns von der Liebe Gottes trennen. In Christus Jesus, unserem Herrn, hat Gott uns diese Liebe geschenkt</em>.“&nbsp;</p>



<p>Römer 8, 31.32.37-39.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Liebe Gemeinde,&nbsp;</p>



<p>am Karfreitag tauchen wir in das Leid Jesu hinein. Wir erinnern uns an seinen grausamen Tod und fragen nach dem Sinn dieses Geschehens.&nbsp;</p>



<p>Doch wir tun das nicht, um uns in diesen tiefen Abgrund des Lebens hineinziehen zu lassen. Wir wollen nicht in Jesu Leiden und Schmerz verharren. Wir schauen auf all das im Licht des Glaubens: nicht, um zu erschrecken, sondern um gerade an diesem tiefsten Punkt des Lebens Jesu nach der Kraft zu fragen, die ihn bis ans Kreuz getragen hat.&nbsp;</p>



<p>Denn dazu sind wir an diesem Trauertag Jahr für Jahr eingeladen: zu fragen, was unser eigenes Leben trägt und hält. Was gibt mir Halt? Wie kann ich gerade am tiefsten Punkt meines Lebens Gottes tragende und kraftvolle Begleitung erfahren?&nbsp;</p>



<p>Unsere Suche nach Antworten beginnen wir mit dem Römerbrief. Kraftvoll erklingt aus dem Brief des Paulus die Botschaft des heutigen Karfreitags: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“&nbsp;</p>



<p>Das heißt: Karfreitag ist nicht der Beweis dafür, dass Gott im Leid fern ist. Karfreitag ist der radikale Ausdruck dafür, dass Gott für uns da ist. Er bleibt nicht Zuschauer des Leids, sondern stellt sich an die Seite der Menschen, die leiden, die an ihre Grenzen kommen und dem Tod ausgeliefert sind.&nbsp;</p>



<p>Somit ist das Kreuz Jesu ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben.&nbsp;</p>



<p>Wo also sollen wir die Suche nach Kraft und Sinn mitten in Leid und Schmerz beginnen? Wie dürfen wir uns diesem schweren Thema nähern? Mit Anteilnahme und zugleich mit einem gewissen Abstand? Oder sollten wir das Geschehen am Kreuz durch unsere eigenen Leiderfahrungen hindurch betrachten?&nbsp;</p>



<p>In der heutigen Predigt möchte ich mit Ihnen gemeinsam beides versuchen: den Tod Jesu sowohl aus dem eigenen persönlichen Blickwinkel als auch im Blickwinkel des Glaubens betrachten.&nbsp;</p>



<p>Lassen Sie uns zunächst mit unserem eigenen Blickwinkel beginnen. Aus dem Blickwinkel des eigenen Kreuzes, das jede und jeder von uns auf eigene Art und Weise zu tragen hat:&nbsp;</p>



<p><strong>I. „Um Trost war mir sehr bange“ …</strong>&nbsp;</p>



<p>Das Leid gehört zu unserem Leben. Traurig sein, Sterben aushalten, Abschied nehmen müssen – das alles begegnet uns nicht nur am Kreuz von Golgatha, sondern mitten in unserem Alltag. Da erinnere ich mich an eine Frau, die ihren alt gewordenen Vater pflegt. Da denke ich an den Mann, der nach langer Ehe seine Frau zur letzten Ruhe begleitet. Dabei denke ich an eine geflüchtete Familie in Wien, die aus der Ferne mit ansehen muss, wie ihre geliebte Heimat zum Schauplatz von Krieg und Zerstörung wird. Und dann erinnere ich mich an meine letzten Besuche im Senior*innenheim, an die Menschen, die verzweifelt nach Sinn und letztem Halt im Leben suchen. Die Reihe der eigenen Kreuzwege in der Familie oder im eigenen Leben können wir hier lange auflisten: Situationen, in denen wir mit den Worten des Psalmisten klagen: „Um Trost war mir sehr bange“ …&nbsp;</p>



<p>Menschen, die an Gott glauben, bleiben vom Leid auch nicht verschont. Das verspricht uns Jesus nicht. Wer glaubt, dem wird das Leben nicht sofort leicht. Aber eine andere Zusage spricht aus der Bibel: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Nicht der Tod, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges. Keine Macht der Welt und keine Tiefe der Angst. Das ist die große Gewissheit dieses Tages: Mitten im Leiden lässt Gott uns nicht los.&nbsp;</p>



<p>Davon spricht der Karfreitag: Das Kreuz Jesu ist ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben.&nbsp;</p>



<p>Ich denke, daraus können wir immer wieder Kraft gewinnen. So können wir neu hoffen lernen, auch in Krisenzeiten. So können wir Mut gewinnen durch den, der am Ende durch seinen Tod das Böse und den Tod besiegt hat.&nbsp;</p>



<p>Und der Römerbrief gibt diesem Protest seinen tiefsten Grund: Gott ist mit uns, Gott ist für uns. Darum können die Mächte, die das Leben bedrohen, nicht mehr endgültig über uns verfügen. Sie sind real. Sie verletzen. Sie zerstören. Aber sie haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört der Liebe Gottes.&nbsp;</p>



<p><strong>II. Wer ist dieser Gekreuzigte, auf den wir schauen?</strong>&nbsp;</p>



<p>Aber damit ist noch nicht alles gesagt.&nbsp;</p>



<p>Denn wenn wir so von Trost, Hoffnung und Gottes Nähe sprechen, dann müssen wir noch weiter fragen: Wer ist dieser Gekreuzigte, auf den wir schauen? Und was ist am Kreuz eigentlich geschehen?&nbsp;</p>



<p>Denn Karfreitag ist nicht nur eine Hilfe zur Bewältigung unseres eigenen Leides. Karfreitag führt uns zu einem geheimnisvollen Weg Gottes mit uns und für uns Menschen.&nbsp;</p>



<p>Darum lohnt es sich, bei einem alten Bild des Glaubens zu bleiben: Jesus als Lamm Gottes.&nbsp;</p>



<p>Die ersten Christen deuteten seinen Tod als Sühneopfer. Sie nannten ihn das Lamm Gottes. Für die ersten Christen und über viele Jahrhunderte der Kirche hinweg war diese Deutung verständlich und tragfähig. Aber heute stellen viele Menschen die Frage anders. Vielleicht so:&nbsp;Wofür gab Jesus sein Leben hin? Für welche Wahrheit, für welche Haltung war er bereit, sogar den Tod auf sich zu nehmen?&nbsp;</p>



<p>Die Evangelien erzählen von seinen Worten, seinen Taten und seiner Haltung – und auch davon, dass er gerade deshalb verurteilt wurde. Jesus vertrat eine Sicht auf das Leben, die zugleich revolutionär und kritisch war.&nbsp;</p>



<p>Es begann mit seiner Kritik an den sozialen Verhältnissen. Er scheute sich nicht, Kranken und sozial Benachteiligten am Rand der Gesellschaft zu begegnen. Damit forderte er Menschenwürde für jeden Menschen ein.&nbsp;</p>



<p>Dann folgten seine Kritik am religiösen System, seine Reformimpulse und nicht zuletzt seine Infragestellung eines verengten Gottesbildes. „In wessen Auftrag redest du, handelst du und forderst Veränderung?“ – so fragten ihn schon damals die Pharisäer und seine Zeitgenossen.&nbsp;</p>



<p>Schon früh sahen seine Anhänger in ihm nicht nur einen besonderen Menschen. Der Mut und die Kraft, mit denen er redete, heilte, lehrte und lebte, waren mehr als das, was man gewöhnlich von einem Menschen erwartet. So wuchs die Einsicht: In ihm zeigt sich Gott in besonderer Weise. Ja, in ihm ist Gott Mensch geworden. In Jesus zeigt und offenbart Gott den Menschen seinen Weg.&nbsp;</p>



<p>Und wenn es Gott selbst war, der sich für Menschenwürde, Wahrheit, Freiheit und Erneuerung einsetzte und dafür sogar den Tod in Kauf nahm, dann sind diese Dinge nicht nebensächlich. Dann sind sie lebenswichtig. Dann waren Jesu Worte nicht nur schöne Sätze, sondern Wahrheit. Und sein Handeln wurde zum Maßstab für die Gottesgläubigen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“&nbsp;</p>



<p><strong>III. Karfreitag will uns aufrütteln</strong>&nbsp;</p>



<p>Liebe Gemeinde,&nbsp;</p>



<p>wir denken heute nicht nur an den Tod eines jüdischen Reformers vor 2000 Jahren. Wir denken an das, was Gott in Christus für uns getan hat. Paulus fragt:&nbsp;</p>



<p>„Wenn Gott uns seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns mit ihm nicht alles schenken?“&nbsp;</p>



<p>Das heißt: nicht Entzug, sondern Hingabe; nicht Gottes Abwesenheit, sondern seine unbegreifliche Nähe.&nbsp;</p>



<p>Darum fordert Gott von uns zuerst nicht Leistung, sondern Vertrauen. Vertrauen auf ihn, auf seinen lebensschaffenden Geist. Und daraus wächst dann die Bewahrung dessen, was menschliches Leben ausmacht: Würde, Freiheit, Dankbarkeit und Frieden.&nbsp;</p>



<p>Karfreitag ist darum auch eine Einladung zum Widerspruch gegen alles, was das Leben zerstört: eine Einladung, einzustehen für den Wert des Lebens, für die Würde jedes einzelnen Menschen, für den Glauben und für den Frieden. Und&nbsp;das&nbsp;nun schon seit beinahe 2000 Jahren.&nbsp;</p>



<p>Karfreitag will uns aufrütteln. Es ist keine Nichtigkeit, wofür Christus getötet wurde. Es ist keine Nichtigkeit, wenn Menschen am christlichen Glauben festhalten. Es ist keine Nichtigkeit, was Menschen hier, in der Reformierten Stadtkirche, aber auch im Rahmen der weltweit verbundenen christlichen Kirchen bis heute zusammenbringt.&nbsp;</p>



<p><strong>IV. Die Maßstäbe der Welt</strong>&nbsp;</p>



<p>Zugleich zeigt Karfreitag, wie schwer es ist, auf dem Weg Gottes zu bleiben. Die Werte, die Jesus vorgelebt hat, sind immer wieder bedroht und werden unterdrückt, weil sie oft den Maßstäben dieser Welt widersprechen, den Maßstäben menschlicher Ordnungen und Interessen. Die Bibel nennt das Sünde: dass der Mensch nicht beständig fähig ist, in Würde, in Frieden und in der Kraft der Versöhnung zu leben.&nbsp;</p>



<p>Karfreitag sagt darum: Der Protest Jesu und sein Tod waren nicht umsonst. Gott will, dass wir dem Leben dienen und nicht den zerstörerischen Mächten dieser Welt. Im Tod Jesu am Kreuz zeigt er uns, dass diese Wahrheit nicht aufgegeben werden darf. Im Leiden Christi zeigt sich, dass weder Leid noch Tod größer sind als Gottes Macht und Gottes Liebe.&nbsp;</p>



<p>Und wir wissen: Die Geschichte geht weiter. Seine Wahrheit kann kein Mensch und keine Macht auslöschen. Denn Gott, der seinen Sohn nicht verschont hat, wird auch sein letztes Wort nicht dem Tod überlassen.&nbsp;</p>



<p>So bleibt Karfreitag ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben.&nbsp;</p>



<p>Und noch tiefer: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.&nbsp;</p>



<p>Amen.&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>3. April 2026    Karfreitag 10 h</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/04/03/3-april-2026-karfreitag-10-h/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Apr 2026 18:11:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=7198</guid>

					<description><![CDATA[Johannes 9, 1-16 &#8222;augenlos durch die Dunkelheit&#8220; von Pfarrer Harald Kluge youtube Unterwegs sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. »Rabbi«, fragten die Jünger, »wer ist schuld daran, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><em>Johannes 9, 1-16</em></strong> &#8222;augenlos durch die Dunkelheit&#8220; von Pfarrer Harald Kluge <a href="https://youtu.be/i0n3JEge0gU">youtube</a></p>



<span id="more-7198"></span>



<p><em>Unterwegs sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. »Rabbi«, fragten die Jünger, »wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?« </em></p>



<p><em>»Weder noch«, antwortete Jesus. »Vielmehr soll an ihm die Macht Gottes sichtbar werden. </em></p>



<p><em>Solange es Tag ist, müssen wir die Taten Gottes vollbringen, der mich gesandt hat. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. </em></p>



<p><em>Doch solange ich in der Welt bin, werde ich für die Menschen das Licht sein.« Dann spuckte er auf die Erde, rührte mit dem Speichel einen Brei an und strich ihn auf die Augen des Blinden. Dann forderte er ihn auf:</em></p>



<p><em>»Geh jetzt zum Teich Siloah und wasch dich dort.« Siloah heißt übersetzt: »der Gesandte«.</em></p>



<p><em>Der Blinde ging hin, wusch sich, und als er zurückkam, konnte er sehen.&nbsp;Seine Nachbarn und andere Leute, die ihn als blinden Bettler kannten, fragten erstaunt:</em></p>



<p><em>»Ist das nicht der Mann, der immer an der Straße saß und bettelte?« Einige meinten: »Er ist es.« Aber andere konnten es einfach nicht glauben und behaupteten: »Das ist unmöglich! Er sieht ihm nur sehr ähnlich.«</em></p>



<p><em>»Doch, ich bin es«, bestätigte der Mann selbst. Da fragten sie ihn: »Wie kommt es, dass du plötzlich sehen kannst?« </em></p>



<p><em>Er berichtete: »Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen. Dann schickte er mich zum Teich Siloah. Dort sollte ich den Brei abwaschen. Das habe ich getan, und jetzt kann ich sehen!« »Wo ist denn dieser Jesus?«, fragten sie weiter.</em></p>



<p><em>»Das weiß ich nicht«, gab er ihnen zur Antwort. </em></p>



<p>Liebe Gemeinde!</p>



<p>Schließen Sie einmal kurz die Augen- Und lassen Sie diesen Eindruck auf ihrer Netzhaut nachwirken. Jetzt stellen wir uns für einen Moment vor, wir würden nachher die Augen öffnen und es gäbe für uns kein Blau. Kein Grün. Kein blendendes Gelb der Morgensonne. Für den Mann in unserem heutigen Evangelium ist die Welt nicht bunt, sie ist ein Geflecht aus Geräuschen, Gerüchen und Berührungen. Er sieht die Welt mit anderen Augen und Sinnen.</p>



<p>Seit dem ersten Tag seines Lebens ist seine Welt: dunkel, nicht düster, aber er nimmt alles anders wahr.</p>



<p>Er sitzt am Straßenrand, Tag für Tag. Er hört das Schleifen von Sandalen auf dem Pflaster, das ferne Rufen der Händler, das Klimpern der Münzen, die in seine Schale fallen. Er ist ein Experte der Schatten.</p>



<p>Er weiß genau, wie sich die Hitze der Mittagssonne auf der Haut anfühlt, ohne jemals den Feuerball am Himmel gesehen zu haben.</p>



<p>Die Menschen um ihn herum diskutieren über ihn, als wäre er nicht da. Sie rätseln über seine Schuld, über die Sünden seiner Eltern, als wäre seine Blindheit ein schreckliches Siegel von Gott auf die Augen gedrückt. Er ist auch zum „Objekt“ einer religiösen Debatte geworden.</p>



<p>Doch dann tritt jemand aus der Menge der Schritte hervor. Jemand, der nicht über ihn spricht, sondern zu ihm. Er spürt die Kühle von feuchter Erde auf seinen Augenlidern. Er hört die Aufforderung: <em>„Geh hin zum Teich Siloah und wasche dich.“</em></p>



<p>Er tastet sich voran, das Wasser ist kalt an seinen Händen, er wäscht sich das Gesicht und plötzlich passiert das Unvorstellbare: Das Schwarz bricht auf.</p>



<p>Konturen schneiden in die Dunkelheit.</p>



<p>In seinem Kopf explodieren die Farben. Zum ersten Mal sieht er nicht nur das Licht. Er sieht die Welt. Und noch viel wichtiger: Er begreift, dass er von Gott nicht vergessen, sondern gefunden wurde.</p>



<p>Wir begleiten heute einen Mann auf seinem Weg aus dem staubigen Schatten hinein ins Licht, das mehr ist als nur Helligkeit. Wir fragen uns: Was sehen wir eigentlich, wenn wir glauben?“</p>



<p>Jesus befindet sich da gerade in Jerusalem. Er selbst hätte ja nicht in die Stadt hingehen wollen. Aber seine Jünger, Simon, Andreas, Jakobus, Johannes und die anderen waren trotzdem zu Sukkot, dem siebentägigen&nbsp; Laubhüttenfest, in die große Stadt Jerusalem gereist. Jesus war ihnen, wenn auch widerwillig, gefolgt.</p>



<p>Und Jesus kann es dann auch nicht lassen, sich im Tempel in Jerusalem umzuschauen, den Gruppen von Gelehrten zuzuhören.</p>



<p>So fängt er an, dort mit den Gelehrten zu diskutieren und schließlich einige Tage hintereinander zu predigen und seine Ansichten zum Glauben und der jüdischen Religion offen zu äußern.</p>



<p>Seine reformerischen Aussagen sind aber für einige dann doch zu steil und provokant.</p>



<p>Als die Priester und Gelehrten Jesus dann erkennen, wollen sie ihn festhalten und heben schon die Steine auf, um ihn dort auf der Stelle niederzustrecken.</p>



<p>Aber Jesus kann sich verstecken und flieht. Auf seiner Flucht aus dem Tempelgelände vor den wütenden mordlustigen Gelehrten und Geistlichen treffen er und seine Jünger nun auf einen blinden Mann, der ihr und unser aller Verständnis verändern wird.</p>



<p>Wir nennen ihn heute einmal einfach den blinden Mann Uriya. Ein typischer hebräischer Name. Er bedeutet „Gott ist mein Licht.“</p>



<p>Woran erkennt Jesus eigentlich, dass Uriya von Geburt an blind ist und nicht durch eine Krankheit oder einen Unfall blind geworden ist?</p>



<p>Angeblich sei das, so hab ich gelesen, an der Körperhaltung festzustellen, die öfters zu stereotypen Bewegungen wie Schaukeln oder Drehen des Oberkörpers tendiert.</p>



<p>Und es zeigt sich an der visuellen Neugier, dass Uriya sich nicht nachdem, was er sehen könnte, sondern hauptsächlich nach Gehör und Tastsinn orientiert.</p>



<p>Jesus bremst sich bei diesem Mann ein trotz der möglichen Gefahren durch die Verfolgenden.</p>



<p>Er geht zu Uriya. Und was tun die Umstehenden, sogar die Jünger Jesu? Sie stellen die einzige Frage, die ihnen durch den Kopf geistert:</p>



<p>»Rabbi, wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?«</p>



<p>Jesus hat es gleich erkannt. Uriya war von Geburt an blind, also kann er ja schwerlich Sünde auf sich geladen haben.</p>



<p>Die Jünger sind nie so aufmerksam und verhalten sich ein wenig begriffsstutzig wie Doktor Watson bei Sherlock Holmes. Und Jesus muss und kann es Watson, seinen Jüngern und uns erklären.</p>



<p>„Weder noch!“ „Weder er noch seine Eltern haben da irgendeine Schuld.“</p>



<p>Wir Menschen suchen oft krampfhaft nach Kausalitäten, fragen nach der Ursache und Wirkung, Henne und Ei.</p>



<p>Wenn mir was misslingt, frag ich mich: „Warum?“</p>



<p>Wenn ich krank werde, frag ich mich: „Warum?“</p>



<p>Wenn jemand aus der Kirche austritt, frag ich mich: „Warum? Was war der Grund? Hab ich was falsch gemacht?“</p>



<p>Wenn sich ein Liebespaar trennt, weil es nur mehr ein Paar aber ohne Liebe füreinander ist, in dem man sich nicht mehr liebevoll begegnet und keine Zärtlichkeit mehr an der Tagesordnung steht, suchen wir ebenso nach Erklärungen. „Wer hat Schuld?“</p>



<p>Und wir fragen uns das bei Krankheiten oder Unfällen. Wir fragen uns das bei Notlagen, wie wenn wer im Krieg aufwacht oder jemand in die Armutsfalle abrutscht.</p>



<p>Wer hat Schuld? Er oder sie selbst? Die Mitmenschen? Die Eltern? Gott?</p>



<p>Ich denke ja auch, wenn ich das Leid erklären kann, könnte ich es vielleicht auch kontrollieren. Und wenn ich den Grund für das Elend eines Menschen herausgefunden hab, kann ich irgendwem oder irgendeinem System die Schuld geben.</p>



<p>Aber diese Ansicht ist grundfalsch.</p>



<p>Da irren wir uns gewaltig.</p>



<p>Und weil wir nichts erklären können, werden wir leicht aggressiv und unleidig.</p>



<p>Und wir sind da wie die Jünger und sehen nur einen blinden Uriya und erklären es theologisch oder medizinisch oder gesellschaftlich.</p>



<p>Vielleicht lag es an der falschen Ernährung, den Chromosomen seiner Eltern, daran dass seine Urahnen Hexen oder Zauberer gewesen sind oder bei den Kreuzfahrern oder ökologisch gedacht Kreuzfahrten mitgereist sind.</p>



<p>Aber wir sehen nicht Uriya in seiner Not.</p>



<p>Obwohl es wird gar nicht gesagt, das Uriya sich mit seiner Blindheit so elendig fühlt.</p>



<p>Seine Eltern haben volles Vertrauen zu ihrem Sohn Uriya. Sie werden den Schriftgelehrten sagen, als die sie zu ihrem Sohn befragen wollen, fragt doch unseren Sohn, der ist erwachsen genug und kann euch selbst antworten.</p>



<p>Jesus bricht dieses Denkmuster von Schuld und Strafe radikal auf. Seine Antwort lautet:</p>



<p>»Es hat weder dieser blinde Mann gesündigt noch seine Eltern. Sondern, damit die Werke Gottes offenbar werden, müssen wir die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist.«</p>



<p>Jesus sagt damit nicht, dass Gott Krankheiten schickt, um sich später als Heiler zu profilieren.</p>



<p>Er sagt: Hört auf, in die Vergangenheit zu starren und nach Schuldigen zu suchen! Schaut nach vorne!</p>



<p>Die Frage ist nicht:</p>



<p><strong>„Woher kommt das?“</strong>, sondern:</p>



<p><strong>„Wozu führt es? Was macht Gott jetzt daraus? Was macht ihr daraus?“</strong></p>



<p>Gott ist für unser Elend nicht blind. Gott verschließt die Augen nicht vor der Dunkelheit, in der dieser Mann lebt.</p>



<p>Obwohl seine Dunkelheit nicht so schlimm gewertet wird, wie die Blindheit, das nicht sehen wollen oder nicht sehen können von uns Menschen. Wenn wir wie die berühmten Affen Schlimmes, nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen können oder wollen.</p>



<p>So gesehen heilt Jesus hier Uriya zwar von seiner angeborenen Blindheit.</p>



<p>Aber Jesus heilt mit Gottes Wort gleichzeitig unsere Verschlossenheit. Zumindest will Jesus sie heilen. Den Brei dazu hat er uns bereits auf die Augen gedrückt. Aber ob wir zum Teich gehen und uns waschen, ist noch unsere Entscheidung.</p>



<p>Die Heilung selbst ist im Johannesevangelium seltsam „irdisch“. &nbsp;Jesus spuckt auf die Erde, macht einen Brei daraus und streicht ihn Uriya auf die Augen.</p>



<p>Ein wenig erinnert es an die Schöpfungs-geschichte.</p>



<p>Als Gott uns Menschen aus dem Staub der Erde formt. Jesus vollzieht hier eine Neuschöpfung.</p>



<p>Er berührt den Schmutz des Lebens, um Licht hineinzubringen. Aber der noch blinde Uriya muss dann zusätzlich selbst aktiv werden. Er soll sich im Teich Siloah waschen.</p>



<p>Doch die Geschichte nimmt eine tragische Wendung. Sobald Uriya sehen kann, beginnt sein Verhör durch die Pharisäer.</p>



<p>Anstatt sich über das Wunder zu freuen, verbeißen sie sich in Paragrafen:</p>



<p><em>„Dieser Jesus ist nicht von Gott gesandt, weil er den Sabbat nicht hält.“</em></p>



<p>Hier zeigt sich die wahre Blindheit. Die religiösen Führer haben gesunde Augen, aber ihre Herzen sind hart, verstockt und sie sind Moralisten.</p>



<p>Sie sehen das Licht der Welt direkt vor sich stehen. Und sie erkennen es nicht, weil es nicht in ihr theologisches System passt.</p>



<p>Das ist die Warnung an uns:</p>



<p>Wir können noch so „sehend“ sein, noch so gebildet und glauben moralisch gefestigt zu sein, wenn wir die Not des Nächsten nicht mehr wahrnehmen und sehen und Gottes Wirken nur noch an unseren eigenen Regeln messen, dann sind wir es, die im Dunkeln tappen.</p>



<p>Und die Geschichte zeigt wie das gesamte Karfreitagsgeschehen auch:</p>



<p>Gott ist nicht blind.</p>



<p>Wenn wir glauben,</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>dass Gott nicht hört, wenn Menschen schreien und rufen,</li>



<li>dass Gott nicht sieht, wenn es Gewalt und Ausbeutung gibt,</li>



<li>dass Gott schweigt, wenn wir seine Worte am dringendsten brauchen, dann sind wir womöglich nur am falschen Ort.</li>
</ul>



<p>Jesus hat die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Verrat durch einen engen Freund.</p>



<p>Die Gehässigkeit und Häme und den Spott.</p>



<p>Die Verhaftung und Folter.</p>



<p>Die Verhandlung und den Urteilspruch bis zur schrecklichen Urteilsvollstreckung am Kreuz.</p>



<p>Wenn Jesus eine Frau gewesen wäre, hätte sie bestimmt weitere schlimme Erfahrungen gemacht, die Frauen und Mädchen heute leider noch immer erleben.&nbsp;</p>



<p>Gott kennt unsere Schmerzen. &nbsp;</p>



<p>Gott ist nicht blind für unsere Sorgen, die wir vielleicht heute mit in den Gottesdienst gebracht haben.</p>



<p>Gott ist nicht blind für die Ungerechtigkeit in dieser Welt, die uns nicht ruhig schlafen lässt.</p>



<p>Aber Gott sieht anders als wir.</p>



<p>Gott sieht uns nicht durch die Brille von Leistung oder Schuld an.</p>



<p>Gott sieht uns als seine Geschöpfe, an denen er sein gutes Werk tun will.</p>



<p>Jesus Christus will unsere „blinden Flecken“ erhellen, wo wir neidisch sind, bitter geworden sind oder bereits resignieren.</p>



<p>Wir leben nicht an einem Ort der Abrechnung, sondern an einem Ort, an dem Gottes Licht jederzeit durchbrechen kann.</p>



<p>Und wer von ihnen auch bei einer Augenuntersuchung war und in diesen dunklen Raum und der Kopf in eine halbrunde Schüssel gesteckt wurde, kennt dieses Spiel: Sie haben einen Drücker in der Hand, und immer wenn ein Licht zur Testung des Sehfeldes auftaucht, soll man den Knopf drücken, um zu sehen, wie weitwinkelig mein Sehfeld ist.</p>



<p>Mit diesem sechsten Zeichen von Jesus im Johannesevangelium will Gott uns anscheinend darauf stoßen: Weite dein Sehfeld. Und immer wenn du wo ein Licht entdeckst, freu dich dran und drück die Daumen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>22.3.2026 &#8222;Das vierte Zeichen&#8220; Johannes 6, 1-15</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/03/22/predigt-22-3-2026-das-vierte-zeichen-johannes-6-1-15-pfr-harald-kluge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=7109</guid>

					<description><![CDATA[Pfr. Harald Kluge Youtube Danach fuhr Jesus an das andere Ufer des Sees Genezareth, den man auch See von Tiberias nennt. Eine große Menschenmenge folgte ihm dorthin, weil sie die Wunder [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Pfr. Harald Kluge <a href="https://youtu.be/BobL19CuAIA">Youtube</a></p>



<span id="more-7109"></span>



<p>Danach fuhr Jesus an das andere Ufer des Sees Genezareth, den man auch See von Tiberias nennt. Eine große Menschenmenge folgte ihm dorthin, weil sie die Wunder gesehen hatten, mit denen er Kranke heilte. Zusammen mit seinen Jüngern ging Jesus auf einen Berg, und dort setzten sie sich. Das jüdische Passahfest stand kurz bevor. Als Jesus aufblickte, sah er die vielen Menschen, die zu ihm kamen. Darauf wandte er sich an Philippus: »Wo können wir für alle diese Leute Brot kaufen?« </p>



<p>Er fragte dies, um zu sehen, ob Philippus ihm vertraute; denn er wusste schon, wie er die Menschen versorgen würde. Philippus überlegte: »Wir müssten über 200 Silberstücke ausgeben, wenn wir für jeden auch nur ein wenig Brot kaufen wollten.« Da sagte ein anderer von seinen Jüngern zu Jesus – es war Andreas, der Bruder von Simon Petrus: »Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische dabei. Aber was ist das schon für so viele Menschen!« Jetzt forderte Jesus die Jünger auf: »Sagt den Leuten, dass sie sich hinsetzen sollen!« Etwa fünftausend Männer ließen sich auf dem Boden nieder, der dort von dichtem Gras bewachsen war, außerdem noch viele Frauen und Kinder. Dann nahm Jesus die fünf Gerstenbrote, dankte Gott dafür und ließ sie an die Menschen austeilen. Ebenso machte er es mit den Fischen. Jeder bekam so viel, wie er wollte. Als alle satt waren, sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Sammelt die Reste ein, damit nichts verdirbt!« Das taten sie und füllten noch zwölf Körbe mit den Resten. So viel war von den fünf Gerstenbroten übriggeblieben. Als die Leute begriffen, was für ein Wunder Jesus getan hatte, riefen sie begeistert: »Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll, so wie Mose es angekündigt hat!« Jesus merkte, dass die Leute kurz davorstanden, ihn festzuhalten und zu ihrem König auszurufen. Deshalb zog er sich wieder auf den Berg zurück, er ganz allein.</p>



<p>Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Amen.</p>



<p>Liebe Gemeinde!</p>



<p>Wenn ich Sie heute im Anschluss zum Mittagessen einladen möchte, was würden Sie dazu sagen? Und wenn ich Ihnen sage: Sie brauchen nichts zu bezahlen und sich keine Sorgen machen, dass ich arm davon werde. Weil ich hab für uns alle fünf Amicellis, diese leckeren Schokoröllchen mit Haselnussfüllung, und zwei butterweiche Minipinzen dabei. Und ich verspreche Ihnen, wir werden alle satt. Dazu wird mehr übrigbleiben, als wir vorher hatten. Das wird nicht nur für uns alle reichen, sondern auch noch andere mitversorgen, die es brauchen könnten. Klingt verrückt, wie diese Szene von Jesus und den 5.000 und mehr hungrigen Mäulern.</p>



<p>Oft greifen wir Menschen in der laufenden Geschichte ja auf vergangene gute Traditionen zurück. Und es war Tradition in der Antike in manchen Gegenden und Kulturen, dass nach einem Festmahl, wie hier von 5.000 Männern und wohl genauso viele Frauen und Kindern dazu, also 15.000 Menschen, die Reste gesammelt wurden. Diese Essensreste wurden wie heute von den lebensmittelrettenden Initiativen gesammelt und entsprechend der Bedürftigkeit verteilt. Es war damals bereits der Versuch vor 2.000 Jahren gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen vorzugehen. Diese Szene zeigt uns, dass sich mit der Bibel immer wieder eine ganz eigene Form von Mathematik ergibt. Beim Teilen ist es keine Frage der Logik und der anfangs scheinbar in geringer Menge vorhandenen Ressourcen. Wir teilen und es wird nicht nur nicht weniger, sondern es wird sogar noch mehr. Jesus erlaubt sich hier mit seinen Jüngern einen kleinen Spaß. Er fragt Philippus: <strong>»Wo können wir für alle diese Leute Brot kaufen?«</strong> </p>



<p>Na, was denkst du? Wir sind hier ja nicht am Anfang der Jesusgeschichte, sondern die Jünger und Anhänger von Jesus haben ihn bereits bei einigen Wunderhandlungen erlebt. So hat er bei der Hochzeit in Kana für ausreichend Weinnachschub gesorgt, als alle dachten, es sei nur noch Wasser da. Die Fernheilung des Jungen dieses einen Hauptmanns aus Kapernaum und die Heilung des Mannes am Teich von Bethesda hatten die Runde in Galiläa und Judäa gemacht. Die Menschen wollten Jesus sehen, berühren und sich anrühren lassen. Sie haben auf diesen Moment gewartet, und sie waren in Scharen gekommen. 5.000 Männer, also rund 15 bis 20 Tausend Menschen sollen sich hier versammelt haben. Das entsprach der üblichen Einwohnerzahl Jerusalems zu dieser Zeit.</p>



<p>Philippus merkt an, dass 200 Denare, sprich 200 Silberstücke, nicht ausreichen würde, alle zu verpflegen. Dieses riesige Megapicknick würde noch mehr Geld verschlingen. Eine Silbermünze reicht in etwa aus, eine Familie einen Tag lang zu ernähren. 200 Denare entsprechen dem Jahreseinkommen eines Arbeiters. Und wir müssen dazu sagen, dass es in der damaligen Zeit eine große Inflation gab, ähnlich wie heute  und es oft schwer war, mit einer Arbeit das Auslangen zu finden. „Na, wie wollen wir das machen, wenn wir alle mit Nahrung versorgen wollen, guter Philippus?“ Jesus scheint sich fast lustig machen zu wollen. Andreas nimmt die Herausforderung jedenfalls an und sucht und findet ein wenig Verpflegung: Ein Junge hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische bei sich und zeigt sie auch her. Stellen wir uns diesen Jungen vor.</p>



<p>Er steht da und hört Jesus und seine Schar darüber reden, dass sie überlegen, alle zu verpflegen. Der Junge, nennen wir ihn Aaron, hört schon das Knurren der fünfzehntausend hungrigen Mägen &#8211; ein Geräusch wie heraufziehender Donner. Aaron sieht die ratlosen Gesichter der Jünger, die ihre leeren Geldbeutel vorzeigen. „Zweihundert Silberstücke reichen da nicht!“, ruft Philippus verzweifelt.</p>



<p>Und mitten in diesem Chaos, wo alle herumrechnen und sich nur den Mangel vor Augen führen, nimmt sich der junge Aaron ein Herz und tritt mutig vor. Er ist ganz allein zu dem Hügel gekommen, um Jesus zu sehen und tritt jetzt mitten zwischen diese Jüngerschar und präsentiert, was er bei sich hat. Vielleicht hat er zuvor gezögert. Vielleicht hat er sein Bündel fest an sich gedrückt. Wer ist er denn schon. Er soll etwas anzubieten haben, um diesen Hunger zu stillen? Aaron hat nur das übliche „Arme-Leute-Essen“ dabei. Nicht mehr als fünf flache Fladen aus Gerste, trocken, hart und ungewürzt. Und dazu hat ihm seine Mutter zwei kleine, gesalzene Fische mitgegeben. Das reicht gerade mal für ein Zwutschgerl wie ihn selbst. Und es muss der junge Aaron sein, weil er noch nicht die Banalität des Egoismus so stark ausgebildet hat, wie wir das oft im Erwachsenenalter haben. Wenn du immer alles hergibst, bleibst du übrig und bist zum Schluss ein armer Schlucker. Zeig bloß nicht, was du hast, und teile weise – also im Zweifel lieber nicht.</p>



<p>Solche Gedanken wie: „Na hätten die Leute halt selbst schauen sollen, dass sie genug zu essen mitbringen.“ „Wieso soll ich was von meinem wenigen hergeben.“ Wenn er es teilt, wird er selbst hungrig bleiben, und die anderen werden immer noch nicht satt sein. Logisch wäre es zu sagen: „Behalt es lieber. Dein Bisschen, die paar Bissen ändern sowieso nichts am Elend der Welt.“ Doch dann geschieht das Unerwartete. Aaron gibt die Brote und Fische ab. Er legt sein Ein und Alles in die großen, schwieligen Hände von Jesus.</p>



<p>„Da, du kannst sie haben. Ich glaube dir. Du wirst was daraus schaffen können, auch wenn es niemand sonst glaubt.“ Was macht Jesus? Er schickt den Jungen nicht weg. Er lacht nicht über die kümmerliche Gabe. Er nimmt sie wie einen Schatz entgegen. Und die Jünger staunen und raunen und schauen in ihre Taschen und sehen dort auch die drei Gerstenbrote und die Stücke Trockenfleisch, die Trauen, Granatäpfel. Und so wie die Jünger, Philippus, Andreas Simon, Johannes und die anderen schauen sie alle bei sich nach und sie können nicht geiziger sein als dieser Junge. Und sie wollen nicht egoistisch sein. Sie sehen nicht mehr den Mangel allein, sondern sie finden den Reichtum, den sie gemeinsam haben. Als Jesus die Brote und Fische austeilt und herumtragen lässt, als allen klar wird, hier hat der Junge Aaron sein ganzes Essen hergegeben, weil er darauf vertraut, dass es am Ende für alle reichen wird und dann eben auch für ihn, als das geschieht, verschwimmt die Grenze zwischen „Meins“ und „Deins“.</p>



<p>Durch dieses Zeichen bereichert Jesus alle rund um ihn mit der Erfahrung von Geben und Teilen. Anstatt alles festhalten und bewahren zu wollen, nur auf den eigenen Vorteil, das eigene Essen und Trinken zu schauen, reicht es plötzlich für alle und zeigt die Fülle, die ja bereits davor schon da aber noch unsichtbar war. Als das Brot durch die Reihen gereicht wird, verbreitet sich diese Großzügigkeit von Aaron unter allen Anwesenden. Sicherlich war da auch ein bisschen psychologischer Druck dabei, wenn alle was geben, ja wenn alle alles geben, möchte man nicht schlechter dastehen. Aus dem Jungen, der eigentlich nur ein Zuschauer sein wollte, wird der Funke für eine Kettenreaktion der Großzügigkeit. Ich stelle mir vor, wie die Menschen im Gras sitzen und sehen, dass da jemand angefangen hat zu geben. Vielleicht hat der eine oder andere doch noch einige Datteln in der Tasche gefunden, einige Stück Käse, niemand wird ohne Schlauch Wein oder Wasser gekommen sein. Und plötzlich wurde, auch dem Anlass angemessen, denn es war kurz vor dem Passahfest, aus der kargen Ration ein Festmahl, ein unvergessliches Picknick.</p>



<p>An diesem Tag haben sie auf die Stimmen, die wir sonst oft im Hinterkopf hören, nicht geachtet.</p>



<p>„Ich hab doch selbst kaum was, was soll ich da noch anderen geben.“</p>



<p>„Ich habe doch kaum Zeit, was soll ich mich da noch engagieren?“</p>



<p>„Ich habe selbst kaum genug Geld, was bringt meine kleine Spende?“</p>



<p>„Ich bin nur ein einzelner Mensch, was kann ich schon gegen die Ungerechtigkeit tun?“</p>



<p>Jesus antwortet mir durch diesen Jungen Aaron: „Bring mir mal deine fünf Brote. Bring mir mal deine zwei Fische. Daraus wird schon was. Lass dich überraschen.“ So wie damals, als sich die Leute gewundert haben und es als das vierte Zeichen erkannten, mit dem sich Jesus als GOTTES Bote, als GOTTES Sohn zu erkennen gab. </p>



<p>Das Wunder, von dem wir hier bei Johannes 6 lesen, ist kein Zaubertrick. Dieses Wunder, wie es die Menschen „Semion“ damals schon genannt haben, entsteht durch die völlige Hingabe allen Besitzes eines Jungen. Es zeigt mir: Wenn ich aufhöre zu horten und anfange zu vertrauen, hebt Gott die Grenzen der Erschöpfung auf. Am Ende bleiben zwölf Körbe übrig. Genug, um es den Ärmsten in der Gegend, den Kranken und Verbannten zu bringen und sie damit zu versorgen. Wenn ich, was ich hab, teile, es GOTT in die Hände lege, kann Segensreiches daraus entstehen.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>1.3.2026 Pfrn. Réka Juhász</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/03/01/1-3-2026-pfrn-reka-juhasz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2026 18:41:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=7211</guid>

					<description><![CDATA[„Stimme, die Stein zerbricht“ Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen Liebe Gemeinde, manchmal spüren wir sehr unmittelbar, was Stimmen mit [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>„Stimme, die Stein zerbricht“</strong></p>



<span id="more-7211"></span>



<p>Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen</p>



<ol class="wp-block-list">
<li><strong>Stimmen, die uns treffen</strong></li>
</ol>



<p>Liebe Gemeinde,</p>



<p>manchmal spüren wir sehr unmittelbar, was Stimmen mit uns machen können – besonders nachts. Wenn Stimmen durch Wände dringen, wenn sie uns die Ruhe nehmen und sich nicht einfach ausblenden lassen, dann merken wir: Stimmen erreichen nicht nur unser Ohr, sondern unseren ganzen Menschen. Sie können uns anspannen, aufwühlen und verärgern, und sie können etwas in uns verhärten.</p>



<p>Vielleicht kennen Sie das auch: Nicht nur der Lärm ist belastend, sondern auch das, was er in uns auslöst – Ungeduld, Gereiztheit, Erschöpfung und manchmal das Gefühl, innerlich ganz hart zu werden. Darum ist es kein nebensächliches Bild, wenn die Bibel von Gottes Stimme spricht. Denn auch Gottes Wort ist nicht einfach Information, es ist nicht bloß ein Satz, sondern eine Stimme, die etwas bewirkt. Aber anders als die Stimmen, die uns bedrängen, ist Gottes Stimme eine Stimme, die nicht zerstört, sondern befreit, eine Stimme, die nicht noch mehr Druck macht, sondern das Verhärtete in uns aufbricht.</p>



<p><strong>So sagt es der Prophet Jeremia:</strong></p>



<p><strong>„Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR,<br>und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“<br>Jeremia 23,29</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Was eine Stimme verrät</strong></li>
</ul>



<p>Liebe Gemeinde,</p>



<p>Die Stimme eines Menschen verrät viel. Wer spricht, kann kaum verbergen, wie es ihm oder ihr geht: Freude klingt anders als Müdigkeit, Angst anders als Zuversicht, Bitterkeit anders als Hoffnung.</p>



<p>Manchmal genügt ein einziges „Hallo“ am Telefon, und wir wissen: Da stimmt etwas nicht. Oder: Da ist Erleichterung, da ist Weite, da ist Vertrauen. In einer Stimme liegt mehr als Information, in ihr liegt Beziehung.</p>



<p>Mit meiner Stimme kann ich ermutigen und trösten, aber ich kann mit meiner Stimme auch verletzen. Und ich kann mit meiner Stimme jemanden umarmen – ganz ohne Berührung. Stimmen haben Macht. Wer die Stimme erhebt, kann etwas bewegen. Worte können Türen öffnen oder verschließen, sie können Räume schaffen oder Mauern errichten.</p>



<p>Wenn wir auf unsere Welt schauen, merken wir, wie sehr Stimmen prägen. Lautstarke Stimmen bestimmen die Schlagzeilen, Stimmen, die polarisieren, verunsichern oder Angst schüren. Und zugleich erleben wir, wie leicht auch wir selbst innerlich härter werden – nicht aus Bosheit, sondern aus Schutz. Wenn Krisen sich häufen, wenn Unsicherheiten wachsen und wenn Vertrauen erschüttert wird, dann zieht man sich zurück, wird vorsichtiger, hütet sein Herz und schützt sich. Ein verhärtetes Herz entsteht selten aus Trotz, sondern eher aus Verletzlichkeit.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Gottes Stimme: gewaltig und leise</strong></li>
</ul>



<p>Auch die Bibel spricht von einer Stimme, von Gottes Stimme. Im Psalm 29 heißt es: „Die Stimme des Herrn donnert … sie lässt die Wüste beben.“ Da ist Wucht, da ist Autorität, da ist Durchbruch. Und doch ist das nur eine Seite.</p>



<p>Der Prophet Elija erlebt Gott ganz anders: nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“. Gottes Stimme ist nicht festgelegt auf Lautstärke, sie ist nicht abhängig von Dramaturgie. Sie kann gewaltig sein, und sie kann kaum hörbar sein – und doch tief wirksam. Diese Spannung greift unser Lied auf: eine Stimme, die Stein zerbricht, und zugleich eine Stimme, die im Finstern leise spricht.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Gottes Wort zerbricht Stein</strong></li>
</ul>



<p>Der Prophet Jeremia überliefert Gottes Wort:</p>



<p>„Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR,<br>und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“</p>



<p>Es ist ein starkes Bild: Feuer, Hammer, Felsen. Hier geht es nicht um sanfte Religiosität, sondern um Durchbruchskraft.</p>



<p>Stein steht in der Bibel oft für Verhärtung, für Unbeweglichkeit, für Verschlossenheit, für Herzen, die sich nicht mehr öffnen. Wir kennen das: wenn Enttäuschung sich festsetzt, wenn Angst uns starr macht, wenn Bitterkeit uns enger werden lässt und wenn Müdigkeit uns innerlich verschließt, dann fühlt sich das an wie Stein.</p>



<p>Und doch ist entscheidend: Gott spricht hier nicht davon, dass wir selbst den Hammer in die Hand nehmen sollen. Wir müssen nicht selbst Stein zerschlagen oder mit Härte reagieren, wir müssen nicht lauter werden, um uns durchzusetzen. Nicht unsere Kraft zerbricht den Stein, sondern Gottes Wort. Aber es wirkt anders, als wir oft denken, vielleicht weniger wie ein wuchtiger Schlag und vielleicht mehr wie Wasser, das beharrlich über Jahre hinweg Stein formt.</p>



<p>Und noch etwas Wichtiges schwingt dabei mit: Wenn Gottes Wort Stein zerbricht, dann nicht, um zu zerstören, sondern um Raum zu schaffen. Wo Stein aufbricht, wird Boden frei. Wo Härte Risse bekommt, kann Neues wachsen. Wo Gottes Stimme unser steinhart gewordenes Herz erreicht, dort kann sie es aufbrechen und ihm Lebendigkeit schenken.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Mitten im Sturm: „Ich bin da“</strong></li>
</ul>



<p>Vor der Predigt haben wir das Lied „Stimme, die Stein zerbricht“ gesungen. Der Autor, der schwedische Pfarrer Anders Frostenson, hatte bei diesem Lied die Geschichte vom Seesturm vor Augen.</p>



<p>Die Jünger sind im Boot. Es wird dunkel, der Wind wird stärker, die Wellen schlagen hoch, Jesus ist nicht da – so scheint es. Angst breitet sich aus. Dann sehen sie eine Gestalt auf dem Wasser, und sie erschrecken noch mehr. Und Jesus sagt: „Fasst Mut. Ich bin’s. Fürchtet euch nicht.“</p>



<p>Kein langer Diskurs, kein theologischer Vortrag, nur: Ich bin’s. Das genügt, nicht weil der Sturm sofort verschwindet, sondern weil die Gegenwart stärker ist als die Angst.</p>



<p>„Hab keine Angst. Ich bin da.“ Die Worte Jesu sind erstaunlich unspektakulär. Die ganze Szene mit Jesus mitten im Sturm ist eine bewegende szenische Darstellung dessen, was Gott uns und unserem Leben verspricht: Gott verspricht keine problemlose Welt, er garantiert nicht, dass Krisen ausbleiben, er erklärt nicht jedes Leid und löst nicht jede Spannung auf. Er sagt: Ich bin da. Vielleicht ist das die stärkste Form göttlicher Rede – nicht Analyse, nicht Erklärung, sondern Gegenwart.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Wenn Gottes Nähe nicht spürbar ist</strong></li>
</ul>



<p>Doch das Lied ist ehrlich. Es kennt auch die andere Seite. In der letzten Strophe heißt es: „Seh dich nicht, hör nichts mehr.“</p>



<p>Es gibt Zeiten, in denen Gottes Nähe nicht spürbar ist, Zeiten, in denen wir beten und es still bleibt, Zeiten, in denen wir rufen und nichts zurückzukommen scheint.</p>



<p>Glaube heißt nicht, immer etwas zu hören. Glaube heißt manchmal, sich an eine Stimme zu erinnern, sich zu erinnern an das Wort, das schon einmal getragen hat, an die Zusage, die schon einmal Halt gegeben hat, an das „Ich bin da“, das nicht an unsere Stimmung gebunden ist. Gottes Treue ist größer als unsere Empfindung. Das ist keine billige Vertröstung, sondern ein tiefes Vertrauen in Gottes Wirksamkeit. Sein Wort kommt nicht leer zurück, auch wenn wir seine Wirkung nicht sofort sehen.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Standhaftigkeit ohne Härte</strong></li>
</ul>



<p>Was heißt das für uns? Standhaftigkeit entsteht nicht aus innerer Unerschütterlichkeit, sondern aus Vertrauen. Wer weiß, dass Gottes Wort trägt, muss nicht versteinern. Wer sich in Gottes Gegenwart geborgen weiß, muss nicht hart werden.</p>



<p>Standhaft zu bleiben heißt nicht, sich zu verschließen. Es heißt, offen zu bleiben und das Gute weiterzutun, auch wenn Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind.</p>



<p>Vielleicht beginnt das Zerbrechen von Stein nicht in der Weltpolitik, nicht in großen Systemen und nicht in Schlagzeilen. Vielleicht beginnt es in uns. Wenn Gottes Wort dort in uns Raum gewinnt, wenn seine Zusage „Ich bin da“ in uns Wurzeln schlägt, dann wird Vertrauen möglich, dann kann Hoffnung wieder atmen, dann kann Standhaftigkeit wachsen – nicht als Härte, sondern als ruhige Festigkeit.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Ein leises Ende voller Vertrauen</strong></li>
</ul>



<p>Am Ende des Liedes steht kein triumphaler Sieg, kein lauter Durchbruch, kein religiöses Feuerwerk. Es steht ein leiser Satz: „Und bin nicht bang: Du bist hier.“</p>



<p>Das ist keine demonstrative Gewissheit, sondern ein stilles Vertrauen. Vielleicht ist das die tiefste Form von Standhaftigkeit: nicht die Welt beherrschen zu wollen, sondern im Vertrauen zu bleiben; nicht jede Antwort zu haben, sondern sich getragen zu wissen; nicht laut zu werden, sondern standzuhalten.</p>



<p>Die Stimme, die Stein zerbricht, ist Gottes Stimme. Sie kommt uns im Finstern nah. Sie zerbricht nicht, um zu vernichten, sondern um Leben freizusetzen. Und sie sagt – auch heute, auch hier: Hab keine Angst. Ich bin da.</p>



<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>15.2.2026 Harald Kluge</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/02/21/predigt-15-2-2026/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 11:13:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=6991</guid>

					<description><![CDATA[Johannes 4, 43-54 &#8222;zeichnen und wundern&#8220; Jesus blieb zwei Tage in Sychar, dann zog er weiter nach Galiläa. Er selbst hatte zwar einmal gesagt, dass ein Prophet in seiner Heimat nichts [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Johannes 4, 43-54</strong> &#8222;zeichnen und wundern&#8220;</p>



<span id="more-6991"></span>



<p>Jesus blieb zwei Tage in Sychar, dann zog er weiter nach Galiläa. Er selbst hatte zwar einmal gesagt, dass ein Prophet in seiner Heimat nichts gilt. Als er aber dort ankam, nahmen ihn die Galiläer freundlich auf. Sie waren nämlich während des Passahfestes in Jerusalem gewesen und hatten alles miterlebt, was er dort getan hatte. Auf seinem Weg durch Galiläa kam Jesus auch wieder nach Kana, wo er Wasser in Wein verwandelt hatte. In Kapernaum lebte damals ein königlicher Beamter, dessen Sohn sehr krank war. </p>



<p>Als dieser Mann hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa zurückgekehrt war, ging er zu ihm und flehte: »Komm schnell in mein Haus und heile meinen Sohn; er liegt im Sterben!«  »Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder zu sehen bekommt, glaubt ihr nie«, sagte Jesus zu ihm.  Der Beamte bat ihn: »Herr, komm bitte mit, bevor mein Kind stirbt!« »Du kannst beruhigt nach Hause gehen«, erwiderte Jesus, »dein Sohn ist gesund!« Der Mann glaubte, was Jesus ihm gesagt hatte, und ging nach Hause. Noch während er unterwegs war, kamen ihm einige seiner Diener entgegen. »Dein Kind ist gesund!«, riefen sie.  Der Vater erkundigte sich: »Seit wann geht es ihm besser?« Sie antworteten: »Gestern Mittag gegen ein Uhr hatte er plötzlich kein Fieber mehr.« Da wurde dem Vater klar, dass Jesus genau in dieser Stunde gesagt hatte: »Dein Sohn ist gesund!« Seitdem glaubte dieser Mann mit allen, die in seinem Haus lebten, an Jesus.  Dies war das zweite Wunder, das Jesus in Galiläa vollbrachte, nachdem er aus Judäa zurückgekehrt war.</p>



<p>Liebe Gemeinde!</p>



<p>„Das glauben sie mir nie!“, meinte damals Jesus. Und ich heute denk mir das auch. Das glauben Sie mir nicht, wenn ich ihnen das jetzt erzähle. In Äthiopien, einem Land, dass wir meist mit Hungersnot und Krisen und Elend verbinden, tut sich viel – Gutes mit enormer Auswirkung. In nur 5 Jahren wurden durch eine anfangs kleine lokale Initiative, die <strong>„Green Legacy Initiative“,</strong> nicht 1000, nicht 1 Million, auch nicht 50 Millionen Bäume gepflanzt. Es wurden in nicht einmal 60 Monaten ganze 30 Milliarden Bäume, sprich Setzlinge für Bäume gepflanzt. Und die ersten positiven Entwicklungen gibt es bereits. 30 Milliarden Setzlinge gegen die immer wieder auftretende Dürre und gegen die Erosion, die alles wegfegt. 30 Milliarden Setzlinge auch als ein Leuchtturmprojekt fürs Klima, für ein besseres Klima also für uns alle. Und im Zuge dieser Mega-Aufforstung entstehen viele viele Arbeitsplätze in den Baumschulen, und es gibt eine Menge an geschulten Personal, dass insgesamt die lokalen Wirtschaftssysteme vor Ort stärkt.</p>



<p>Es gibt die unglaublichen Aktivitäten. Wie dass im letzten Jahr 2025 an einer von vielen Forschungseinrichtungen in Kalifornien allein 72 neue Spezies und Tierarten entdeckt wurden. Dass sich Zoologen um die Zukunft des Darth Vader Gobyfisches kümmern können, der entdeckt wurde, auch Schwarzer Zwerggrundel genannt. Geschätzt ein Fünftel der Tierarten auf unserem Planeten haben wir bezeichnet. 80 % gilt es noch zu entdecken bevor sie womöglich ausgestorben sind. Unglaublich?!</p>



<p>Wenn wir Menschen einmal etwas Unglaubliches erlebt haben, fällt es uns dann nicht leichter daran zu glauben, dass es da noch mehr an Unglaublichem zu entdecken gibt? „Das glaubt ihr nie!“ Auch Jesus führt das Unglaubliche vor seiner Zuhörerschaft ins Feld, um seine Botschaft anschaulich zu machen. In der Szene, die im Johannesevangelium beschrieben wird, ist Jesus gerade wieder unterwegs. In diesem Evangelium reist Jesus scheinbar besonders viel. Eines Tages verschlägt es Jesus mit seinen Anhängern wieder in das Gebiet, in dem er sein erstes Aha-Ereignis gewirkt hatte. Im Örtchen Kana wurde auf einer Hochzeit eines sehr guten Bekannten oder auch Familienmitglieds von Jesus dem Ehegatten auf besondere Art und Weise aus der Patsche geholfen. Es soll der letzte Tropfen Wein beim üblicherweise tagelang andauernden Hochzeitsfest getrunken worden sein, schon regte sich Unmut. Da springt Jesus in die Presche und es verwandelt sich gewöhnliches Wasser in den allerbesten Wein. Bei diesem seinem nach Johannes ersten gewirkten Wunder und Zeichen hatten die Menschen um ihn herum ihr erstes Aha-Erlebnis. Und viele weitere Zeichen und Wunder von Jesus sollten noch folgen. Im Evangelium nach Johannes haben hier sieben Zeichen und Wunder eine besondere Note. Es sind jeweils Beschreibungen und Erzählungen durch das Johannesevangelium hindurch, die in Sprache, Stil und Dialekt und Wortwahl sich vom Rest des Textes unterscheiden.</p>



<p>Wir nennen sie heute die „Zeichenquelle“, die Semion-Quelle. Und hier also folgt das zweite als solches bezeichnete Zeichen. Jesus kommt nach Kana. Die Menschen in den Ortschaften rundum sind ebenfalls ganz aufgeregt, weil so eine Geschichte wie bei der Hochzeit in Kana macht einen Mann zur Legende. Auch in einem 40 Kilometer entfernten Städtchen, in Kapernaum oder auch Kafarnaum genannt, spricht sich das herum. Kapernaum ist zur Zeit Jesu ein&nbsp;größeres Fischereizentrum und Grenzdorf. Es liegt am Nordufer des Sees Genezareth. Jesus soll dort länger gewohnt haben und einige seiner Jünger stammen aus dem Ort und der näheren Umgebung. Simon, Andreas, Jakobus, Johannes und der Zöllner Matthäus stammen alle aus Kapernaum. Der Ort war geprägt von Fischerei und Landwirtschaft, viele besuchten dort die Synagoge und es gab eine römische Zollstation. Dort wohnt auch ein königlicher Beamter und dieser macht sich auf, von Kapernaum einen Tag weit ins Städtchen Kana zu reisen, um den Wunderrabbi Jesus zu treffen. Als königlicher Beamter untersteht er König Herodes Antipas und ist vielleicht sogar mit ihm verwandt. Denn nicht nur heute versorgen manche Amtsträger ihre Familienangehörige mit guten Posten. Auch damals schon blühte die Vetternwirtschaft, denn Verwandten meint man mehr trauen zu können.</p>



<p>Der Beamte ist nun ein Mann hoher Stellung und mit großem Einfluss, wie wir annehmen können. Geben wir ihm den Namen Philippos. Als Beamter des Hofes hat Philippos gewiss mit vielen schwierigen Anliegen der Bevölkerung, mit Rechtsbrüchen und Gerichtsfragen, mit Organisation und Planung der Wirtschaft vor Ort zu tun. Täglich ist der Hofbeamte Philippos umgeben von Beratern und mit den heikelsten Fällen befasst. Und er zerbricht sich täglich den Kopf zu den politischen, den gesellschaftlichen, den sozialen, den wirtschaftlichen, den religiösen, den rechtlichen Anliegen, die ihm zugetragen werden.</p>



<p>Er ist jemand wie Sie und ich. Philippos möchte und muss sich informieren, hat sich mit vielen auch weiter entfernt liegenden Geschehnissen zu beschäftigen. Aber inmitten all seiner großen Geschäftigkeit, so wie wir sie heute auch dann und wann erleben, passiert etwas wirklich wirklich wichtiges. Es geht diesmal nicht um Kaiser Augustus einen seiner neuen politischen Wahnsinnseinfälle, wobei er sich mit seinen Großmachtfantasien mit Militärspezialaktionen austoben möchte. Philippos wird auch nicht erschüttert von Meldungen über Dürre, über zurückgehende Fangquoten in der Fischerei, weil die Färberei ihre giftigen Farbrückstände in den See leitet. Es erschüttert Philippos diesmal auch nicht das Wehklagen der religiösen Kaste, der Pharisäer und Priester, die ihm mit ihren Anliegen die Tür einrennen und sich als das Wichtigste im Leben und den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses verstehen.</p>



<p>Der Sohn von Philippos ist schwer erkrankt. Er hat hohes Fieber und es plagen ihn die Fieberschübe, vielleicht hat er auch Hautekzeme oder Bauchkrämpfe, womöglich Schwindelanfälle, und windet sich vor Schmerzen im Bett. Philippos als Vater ist entsetzt, weint, heult, klagt, wird zornig, will es nicht wahrhaben, hofft das Beste, hofft und wartet auf Besserung. Aber er wird enttäuscht, denn die Erkrankung seines Sohnes wird Tag zu Tag schlimmer und es scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein, bis die Krankheit völlig über das Leben siegen wird. Da hört Philippos, dass der Mann, den man Jesus nennt, der Menschen geheilt haben soll, der Wunder wirken kann, der Menschen Hoffnung gegeben haben soll, dass Jesus nach Kana kommt. Und Philippos lässt alles liegen und stehen, die Amtsgeschäfte müssen warten. </p>



<p>Denn wenn es um die wirklich wichtigen Dinge geht im Leben, merken wir erst, wie sehr uns anderes abgelenkt hat, beschäftigt hat, dass schlussendlich doch nicht so wichtig gewesen sein kann. Philippos läuft oder reitet wohl nach Kana, 30 Kilometer sind es und er braucht etwa einen Tag, erreicht den Ort Kana gegen Vormittag, war die ganze Nacht hindurch geritten, hat nur wenige Pausen gemacht. Weil Jesus ist für Philippos und für seine Familie die letzte Hoffnung. Jesus ist für ihn der letzte Rettungsanker, den er auswerfen kann. Jesus ist der letzte Rettungsring für seinen Sohn. Was würden wir nicht alles tun, wenn wir das glaubten, wenn wir so glauben könnten wie Philippos es schon tut. Für Philippos braucht es keine Zeichen und keine Wunder, um glauben zu können. Philippos glaubt und weiß, der Rabbi, der Heiler, Jesus kann seinen Sohn retten. Bisher hatte Philippos nur davon gehört, es wurde auch in der Synagoge und selbst im Haus des Beamten darüber gesprochen. Da wandert ein Mann durchs Land, Jesus, ein Zimmermann, Sohn von Joseph und Maria aus Nazareth stammend. Und so wird erzählt, Jesus nimmt sich all derer an, die zu ihm kommen. Er geht an niemandem vorbei, der Hilfe braucht. Er geht auf alle ein, denen er begegnet, egal, woher jemand kommt, welche Sprache jemand spricht, ob Mann oder Frau oder Kind. Also setzt Philippos alles auf diese eine Karte, ja mehr noch, er glaubt fest daran, dass Jesus auch seinem Sohn helfen wird, wenn er davon hört, wie krank er gerade ist.</p>



<p>Man denkt sich ja auch heute, dass jeder Person geholfen wird, egal an welches Krankenhaus oder an welchen Arzt oder welche Ärztin man sich wendet. Aber selbst in unserer Zeit in Österreich kommt es vor, dass Hilfe verweigert wird. Eine Mühlviertlerin war Mitte Oktober im letzten Jahr mit einem Aorteneinriss ins Krankenhaus Rohrbach in Niederösterreich gekommen und hätte unverzüglich in eine Spezialklinik gebracht werden müssen. Aus mehreren Spitälern kamen aus Kapazitätsgründen aber Absagen. Die Frau starb im 55. Lebensjahr. Und es kommt scheinbar häufiger vor, dass Erkrankte von Spitälern abgewiesen werden, weil man sich nicht zuständig sieht. Philippos hingegen glaubte fest daran, dass er mit seinem Anliegen nicht abgewiesen wird. Jesus wird sich seine Sache anhören und mit mehr oder weniger Umständen schafft es Philippos sogar zu Jesus und fleht ihn an: »Komm schnell in mein Haus und heile meinen Sohn, er liegt im Sterben!« Und darauf erwidert Jesus: »Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder zu sehen bekommt, glaubt ihr nie.« Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass Jesus es zu Philippos sagt. Eher spricht er seine Jüngerschar und die anderen Umstehenden an. Denn sie erwarten sich ein Wunder, eine Zeichenhandlung, ein Hokuspokus. Simon und Andreas und Jakobus und wie sie alle heißen rechnen wohl damit, dass sich Jesus gleich nach Kapernaum aufmachen wird, um dort mit großem Tamtam sein Heilungswunder zu wirken.</p>



<p>Aber in den Evangelien ist Jesus kein solcher Wunderrabbi, der Zeichen und Wunder setzt, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Und Philippos glaubt ja bereits, er benötigt kein Wunder, um fest damit zu rechnen, dass Jesus hier im Namen des einen und einzigen Gottes handeln wird. Er sagt zu Jesus: »Herr, komm bitte mit, bevor mein Kind stirbt!« Alle werden rundum gespannt gewartet haben. Wie wird Jesus hier agieren und er macht s auf eine Art und Weise, die uns als Nachfolgende, als Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder Gottes auch gut anstehen würde. Bescheiden, ruhig, ohne Aufhebens, ohne einer Kampagne wie jetzt gerade wieder die Fastenaktionen medial beworben werden, ganz ohne Aufsehen spricht er dem Mann einige wenige Worte zu. »Du kannst beruhigt nach Hause gehen, dein Sohn ist gesund!«</p>



<p>Bei seiner ersten Zeichenhandlung hat Jesus Wasser in Wein verwandelt und nun heilt er das Kind eines liebenden Vaters. Damit erweist Jesus sich für manche aus der hellenistischen, griechischen Religion und Tradition kommende Menschen, die auch zahlreich in der Gegend gelebt haben werden, als ein Nachfolger oder Kind im Sinne des Gottes Dionysos. Der griechischen Gottheit Dionysos wurden neben dem Frönen der lukullischen Genüsse auch die Heilkunst zugeschrieben. So sollen Schalen und Amphoren mit Wasser sich in Tempeln des Dionysos in Behälter mit Wein verwandelt haben. Und Krankheiten sollen ebenfalls von den Priestern geheilt worden sein, wenn man den Berichten glauben will. Jedenfalls glaubt Philippos nicht an Dionysos sondern an Jesus und den Gott des Volkes Israel. Deshalb macht Philippos sich stracks auf nach Hause, mit einem Gefühl größter Vorfreude. Jesus hat mit ihm gesprochen und ihm zugesichert, sein Sohn sei gesund geworden. </p>



<p>Und er muss nicht einmal die gesamte Strecke nach Hause reisen, da kommen ihm einige seiner Diener entgegen und richten ihm aus: »Dein Kind ist gesund!«  Der Vater erkundigte sich: »Seit wann geht es ihm besser?« Sie antworteten: »Gestern Mittag gegen ein Uhr hatte er plötzlich kein Fieber mehr.« Da wurde dem Vater klar, dass Jesus genau in dieser Stunde gesagt hatte: »Dein Sohn ist gesund!« So glaubte dieser Mann mit allen, die in seinem Haus lebten, an Jesus. Mit dieser Heilung erleben wir eine der schönsten Stories aus der Bibel mit. Sie geht gut aus, hat jede Menge an Dramatik und wir staunen über den tiefen Glauben des Mannes und Vaters, der ihn erfüllt haben muss, noch bevor er dann das eigentliche Zeichen und Wunder erleben durfte. Für Philippos ist es nicht nur eine Art von Hoffnung, die er mit Jesus verbindet, so nach dem Motto: „Schau ma mal, ob der was kann und taugt.“</p>



<p>Gerade in unseren Tagen wird der Glauben gern mit so einer Larifari-Einstellung gleichgesetzt, nach der sich der Glaube mal zeigt und mal auch lieber still ist. Was kann Glauben denn schon bewirken? Wenn wir so fragen, gehen wir am Eigentlichen des Glaubens wohl eher vorbei. Philippos zeigt mit seiner Haltung, dass er vorbehaltlos alles, sein gesamtes Leben und seine Emotionen und Erwartungen in die Hände Gottes legt und in die Hände seines Sohnes Jesus. Er erwartet sich vorrangig kein Wunder, sondern er weiß, dass Gott und Jesus handeln werden, wenn es denn so sein soll. Es geht nicht um die Zeichen und Wunder. Denn diese können auch von anderen Kräften gewirkt werden, meint die Bibel an einigen Stellen. So rechnet der damalige jüdische Glauben damit, dass es Zeichen und Wunder geben wird, die uns verleiten darin allein den Glauben und die Hoheit Gottes zu suchen.</p>



<p>Jesus skizziert uns, wie Gottes Reich nach Gottes Plan ausschaut und wir werden uns wundern, positiv wundern, was GOTT alles für uns tun wird. Glauben können das auch vorher schon.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>8.2.2026 Dr. Ulrich Körtner</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/02/10/8-2-2026-ulrich-koertner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Brigitte Nestinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Feb 2026 08:18:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
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					<description><![CDATA[Keine leeren Worte Predigt zu Jes 55,6–13 Ulrich H.J. Körtner Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege [&#8230;]]]></description>
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<p><strong>Keine leeren Worte</strong></p>



<p><strong>Predigt zu Jes 55,6–13</strong></p>



<p><em>Ulrich H.J. Körtner</em></p>



<span id="more-6972"></span>



<p><strong>Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem HERRN soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird. </strong></p>



<p>(Lutherbibel 2017)</p>



<p>Worte, Worte, nichts als leere Worte! Alltäglich werden wir mit Phrasen abgespeist, mit Plastikworten und Nullaussagen, zum Beispiel auf Wahlplakaten. Überhaupt der Politikersprech: Wir schauen uns das ganz genau an. Wir lassen niemanden zurück. Wir haben verstanden. Wie heißt es doch so schön: Für Worte kann man sich nichts kaufen. Leere Versprechungen kennen wir zu Hauf, mündlich wie schriftlich. Auch Papier ist geduldig.</p>



<p>Nun also auch noch fromme Worte am Sonntagmorgen. In einer katholischen Messe gibt es wenigstens noch etwas Sinnlichkeit, Weihrauch zum Beispiel. Der reformierte Wortgottesdienst hingegen scheint ganz auf den Hörsinn reduziert. Gut, es gibt auch den Gesang und Orgelmusik, aber auch diese beiden richten sich an unseren Hörsinn. Aber was ist mit unseren übrigen Sinnen? Überhaupt: Was vermögen Worte im Gottesdienst schon auszurichten? Und wie steht es mit Gott? Werden wir auch von ihm mit frommen oder leeren Worten abgespeist?</p>



<p>Nein, sagt der Prophet in unserem Predigttext. Bei Gott gibt es keine leeren Worte. Es mag sein, dass auch in der Kirche manches Stroh gedroschen wird. Aber wenn Gott selbst spricht, dann zeigen seine Worte Wirkung. Wenn er spricht, wird sein Wort nicht leer zu ihm zurückkommen. Es bewirkt etwas in der Welt und im Leben derer, die es erreicht. Unsere Erfahrung scheint dem häufig zu widersprechen. Kehrt Gottes Wort nicht doch leer zu ihm zurück, ohne irgendetwas auszurichten?</p>



<p>Da heißt es zum Beispiel in unserem Predigttext: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“</p>



<p>Dieser Satz wird oft als Eingangswort zu Beginn einer Trauerfeier verlesen. Und nicht selten scheint er den Angehörigen, die um ihren Verstorbenen trauern, aus dem Herzen gesprochen zu sein. Sind wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, dessen Sinn wir nicht verstehen? Wie oft stellt sich uns die Frage, wenn jemand schwer krank ist oder nach schwerem Leiden stirbt: Warum? Und wie viele Menschen machen die Erfahrung, dass sie auf diese ihre Frage keine Antwort erhalten, so dass sie am Ende resignieren und sich in ihr dunkles und rätselhaftes Schicksal glauben ergeben zu müssen. Der Prophet Jesaja scheint uns darin zu bestärken. Und nichts anderes als Ergebung und Resignation scheint übrigzubleiben, wenn Gott sich trotz unserer verzweifelten Fragen in Schweigen hüllt.</p>



<p>Ist Gottes Wort nicht leer und kraftlos? So fragen sich heimlich viele engagierte Gemeindeglieder, Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Pfarrer. Ist die manchmal dürftige Resonanz ihres Engagements, sind ihre Misserfolge nicht auf die Kraftlosigkeit der Glaubensbotschaft zurückzuführen, die sie doch weitergeben möchten? Wird Gottes Wort in unserer heutigen Welt nicht weithin einfach überhört? Sind andere Botschaften, Lebensauffassung und Wertvorstellungen als die christliche nicht viel mächtiger?</p>



<p>Gewiss doch, in der Bibel finden sich viele schöne und große Worte. Aber sind es auch mehr als bloße Worte? Nächstenliebe: schön und gut, aber im Berufsleben und im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf kommt man mit ihr nicht sehr weit. Frieden und Gerechtigkeit: Wer wäre nicht dafür? Aber mit der Bergpredigt, so denken doch viele, kann man nun mal keine Politik machen. Sonntags in die Kirche gehen: gern zu Weihnachten und zu Ostern. Aber sich Sonntag für Sonntag eine Predigt anhören – noch dazu im nüchtern reformierten Ambiente – gibt mir nicht so viel. Kann ich nicht schöne Lebensweisheiten auch woanders finden? Zum Beispiel im <em>Kleinen Prinzen</em> von Antoine de Saint-Exupéry?</p>



<p>Ganz ähnlich dachten die Juden im Babylonischen Exil. Waren die alten Überlieferungen ihrer Religion nicht reichlich überholt? Gottes Verheißung des gelobten Landes, der Auszug aus Ägypten, das alles lag schon lange zurück. Das Land der Verheißung schien für immer verloren. Und in Babylon hatten andere Götter das Sagen, nicht Jahwe, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.</p>



<p>Da trat unter den deportierten Juden ein neuer Prophet auf – die Bibelwissenschaftler nennen diesen unbekannten Mann heutzutage Deuterojesaja, den zweiten Jesaja. Was dieser Propheten den Leuten erzählte, klang allerdings völlig illusorisch. Er sprach von der baldigen Rückkehr nach Israel, in die Heimat. Doch wer konnte unter den gegebenen Machtverhältnissen an ein Ende der Verbannung glauben? War diese angebliche Botschaft Gottes nicht völlig weltfremd? Unter den Zuhörern herrschten erhebliche Zweifel.</p>



<p>Der Deuterojesaja genannte Prophet, dessen Verkündigung später Aufnahme im Jesajabuch fand, ließ sich nicht beirren. Seiner Sache ganz gewiss versuchte er, die deprimierten Juden in der Verbannung zum Glauben zu ermutigen und ihnen neue Hoffnung zu geben. Den Zweiflern und den Abgestumpften unter seinen Hörer versicherte er ein ums andere Mal, dass der Tag ihrer Befreiung kommen würde und nicht mehr fern wäre. Dies sei Gottes Versprechen, das er gewiss halten und erfüllen werde. So aberwitzig es klingen mochte: Die Juden in der Verbannung sollten sich auf die Rückkehr ins Land ihrer Väter und Mütter vorbereiten.</p>



<p>„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“: Dieses Wort ist ganz anders gemeint als wir es vorhin hörten. Nämlich gar nicht als Aufforderung, sich in sein Schicksal zu ergeben, sondern ganz im Gegenteil als Ermutigung, neue Hoffnung zu schöpfen, als Aufforderung zum Umdenken.</p>



<p>Sich auf die Rückkehr vorbereiten, das hieß schon jetzt sein Leben – auch in der Fremde –nach Gottes Geboten auszurichten, welche die künftige Lebensordnung im gelobten Land bestimmen sollten. Hoffen, das heißt nun eben auch: Ihr sollt euer Leben ändern. Löst euch endlich von dem niederdrückenden Gedanken, alles sei aus und vorbei! Macht euch mit dem Gedanken vertraut, dass Gott euch nicht aufgegeben hat, sondern euch aus Babylon befreien wird.</p>



<p>Stand nicht auch im Buch des Propheten Jeremia im 28. Kapitel: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (V. 11). Diese Hoffnung wollte auch der zweite Jesaia in den Menschen wecken. Darum sagte er: „Sucht den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.“ Nehmt ihn beim Wort! Nehmt ernst, was ich euch in seinem Auftrag gesagt habe!</p>



<p>Auch uns, liebe Gemeinde, will Gott aus der Babylonischen Gefangenschaft befreien: aus der Gefangenschaft unserer Mutlosigkeit, aus der Gefangenschaft unserer Hoffnungslosigkeit, aus der Gefangenschaft unserer Resignation. Die Worte des Propheten sollen auch uns dazu ermutigen, Gott beim Wort zu nehmen, auf sein Wort zu vertrauen, sich auf die biblische Botschaft, auf das Evangelium einzulassen und Gottes Wort mehr zuzutrauen als wir es oft tun.</p>



<p>Dass Worte sehr wohl etwas ausrichten und bewirken können, kennen wir als alltägliche Erfahrung. Worte können verletzen, aber auch heilen. Sie können Menschen klein machen und vernichten, aber auch aufrichten, trösten und Menschen den Rücken stärken. Worte können befreiend wirken. Sie können Vertrauen schaffen und uns mit Hoffnung erfüllen, zum Beispiel, wenn uns jemand ein ernst gemeintes Versprechen gibt. Mit einem Versprechen, versprechen wir uns selbst.</p>



<p>Das ist allerdings eine doppeldeutige Aussage. Man könnte meinen, es bedeutet, dass es jemand nicht so gemeint hat und eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte. „Tut mir leid, ich habe mich versprochen“. Aber wir kennen die Redewendung auch in einer anderen Bedeutung. Wenn man nämlich sagt, dass zwei Menschen einander versprochen sind oder sich einander versprochen haben. Ganz so hat sich uns Gott versprochen, wenn er zu jedem von und in der Taufe sagt: Ich bin Dein und Du bist mein.</p>



<p>Könnte die scheinbare Wirkungslosigkeit oder Bedeutungslosigkeit des Wortes Gottes, der biblischen Botschaft, nicht auch daher rühren, dass wir selbst Gottes Wort und seinem Versprechen für unser eigenes Leben zu wenig Bedeutung beimessen? Dass wir ihm zu wenig zutrauen?</p>



<p>„Ich glaube“, so hat Dietrich Bonhoeffer, der vor 120 Jahren am 4. Februar 1906 geboren wurde, im Gefängnis geschrieben, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. […] Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ Das hieße doch, dass wir Gottes Macht und Kraft neu erfahren, wenn wir ganz persönlich bereit sind, uns auf sein biblisch bezeugtes Wort einzulassen. Und vielleicht erfahren wir dann auch, dass Gott eben nicht der Name für eine blinde Schicksalsmacht ist, sondern dass er auch über uns Gedanken des Friedens hat und auch uns Zukunft und Hoffnung schenken will. Aufrichtig beten und verantwortlich leben und handeln könnte dann für uns heißen: Gott zu suchen, solange er zu finden ist.</p>



<p>Wer Erfahrungen mit Gott und seinem Wort machen will, wird freilich auch Durststrecken und Zeiten des Zweifels erleben. Dass Gottes Wort nicht wirkungslos bleibt, will bisweilen gegen den Augenschein geglaubt werden. Gott spricht eben nicht einfach ein Machtwort, so als wenn jemand mit der Faust auf den Tisch hauen würde. Er spricht ein bisweilen schwaches und leises Wort, dessen Kraft gerade in seiner Schwachheit mächtig ist.</p>



<p>Deutlich wird das am Leben und Sterben Jesu. Redete und handelte er nicht im Namen Gottes? Ja, war er nicht geradezu Gottes Wort in Person? Aber er wurde angefeindet und ans Kreuz geschlagen. Gottes Wort erwies sich auf Golgatha als schwach, behaftet mit der Schwäche und Ohnmacht des Menschen Jesus.</p>



<p>Die Jünger aber durften die Erfahrung machen, dass Gottes Wort gerade in der Schwachheit des Gekreuzigten mächtig war. Die Botschaft des zweiten Jesaja, dass Gottes Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt, sondern Wirkung zeigt und Früchte trägt, hat sich doch gerade mit Jesus erfüllt. Im Johannesevangelium findet sich der Satz: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). In diesem Satz spricht sich die Erfahrung der Jünger aus, dass Jesu Worte und die Botschaft von ihm, von seinem Sterben und seiner Auferstehung, ihr Leben und das Leben vieler Menschen von Grund auf verändert und neu gemacht hat.</p>



<p>Vielleicht erweist Gottes Wort ja auch in unserem Leben seine Kraft und Bedeutung erst, nachdem es zunächst wie ein Weizenkorn in die Erde gefallen ist, um zu sterben. In Dostojewskis Roman <em>Die Brüder Karamasow</em> sagt der Starez Sossíma, ein russischer Einsiedlermönch, zu seinen Anhängern: „Es bedarf ja nur eines kleinen Samens, eines winzigen: möge [sc. ein Priester] solchen nur in die Seele des einfachen Mannes werfen, und der Same wird nicht sterben, er wird vielmehr in dessen Seele leben sein ganzes Leben hindurch, er wird sich in ihm bergen unter der Finsternis und unter dem Gestank seiner Sünden wie ein lichter Punkt, wie eine große Erinnerung.“</p>



<p>Auch heute können Menschen von solchen Erfahrungen berichten. Und vielleicht haben auch wir schon eine derartige Erfahrung gemacht. Menschen erzählen davon, wie ein Bibelwort, dass sie irgendwann einmal gehört oder gelesen haben, im späteren Leben unvermutet für sie eine tiefe Bedeutung gewonnen hat. Andere können erzählen, wie ein Wort aus der Bibel ihnen in einer Lebenskrise, zum Beispiel als sie sehr krank waren oder einen Angehörigen verloren haben, sie getröstet und ihnen neuen Lebensmut geschenkt hat. Wieder andere erinnern sich, wie ihnen Worte Jesu, zum Beispiel aus der Bergpredigt, Mut gemacht haben, sich für andere Menschen einzusetzen, auch wenn ihnen Gegenwind ins Gesicht geblasen ist.</p>



<p>Wenn Regen vom Himmel fällt, womit unser Bibeltext Gottes Wort vergleicht, geht die Saat nicht sofort auf. Das Wasser muss erst in den Boden sickern und ihn durchtränken. Die Saat braucht Zeit, um zu keimen. Aber eines Tages geht sie auf. Diese Gewissheit gibt mir Mut, wenn ich zum Beispiel, wie heute morgen, auf die Kanzel steige.</p>



<p>„Suchet den Herrn“, lautet die Einladung des Propheten, „solange er zu finden ist.“ Ich bin davon überzeugt, dass Gott sich auch heute in den Worten der Bibel und mit ihrer Hilfe in unserem Leben finden lassen will. Jesus sagt im Neuen Testament: „Suchet, so werdet ihr finden!“ Nehmen wir ihn beim Wort!</p>
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		<title>2.Februar 2026 &#8222;Vor Gott ohne Rang und Hut&#8220; Galater 3,26–28 Pfrn. Réka Juhász</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/02/02/2-februar-2026-vor-gott-ohne-rang-und-hut-galater-326-28-pfrn-reka-juhasz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Feb 2026 18:35:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
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					<description><![CDATA[„Denn ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<span id="more-7207"></span>



<p>„Denn ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ <strong>Galater 3,26–28</strong></p>



<p><strong>Welchen Hut ziehe ich an?</strong></p>



<p>Liebe Gemeinde, bei uns in der Gemeinde gibt es eine sehr ernste Frage, eine Frage, die jedes Jahr neu entschieden werden muss. Sie lautet: Welchen Hut ziehe ich an?</p>



<p>Unsere Seniorinnenrunde hat am vergangenen Donnerstag wieder das Hutfest gefeiert. Und wer einmal dabei war, weiß: Da geht es nicht um irgendeinen Hut. Da geht es um Stilfragen, um Mut zur Farbe und manchmal auch um die Frage, ob dieser Hut wirklich noch auf den Kopf gehört – oder vielleicht besser auf den Tisch. Aber genau das macht dieses Fest so schön. Denn bei allem Lachen wird eines ganz deutlich: Hüte machen gute Laune, aber sie machen keine Menschen.</p>



<p>Und doch wissen wir: Manchmal sagt das, was wir tragen, mehr als das, was wir sagen. Ein Hut zum Beispiel kann zeigen, wer ich bin oder wer ich sein möchte, welche Rolle ich habe oder welche Aufgabe mir zugeschrieben wird. Und doch gilt auch hier: Ein Hut allein macht noch keinen Menschen.</p>



<p>Dieses Spannungsfeld zwischen außen und innen, zwischen Rolle und Haltung, zwischen Wirkung und Wahrheit zieht sich durch unser Leben – und auch durch unseren Glauben.</p>



<p><strong>Der Katzohr-König</strong></p>



<p>Dazu habe ich heute eine meiner Lieblingsgeschichten mitgebracht: ein ungarisches Volksmärchen, eine Geschichte über einen Cousin – könnte man sagen – des gestiefelten Katers. Doch die beiden Kater unterscheiden sich in vielem, und die Aussage dieses ungarischen Märchens passt besser zu unserem heutigen Thema.</p>



<p>Es geht um einen Kater, einen vertriebenen Kater, der gerade auf der Flucht vor dem Besen seines Frauchens ist. Auf einer Brücke sitzend sieht er zum ersten Mal einen Fuchs. Nun – zum Glück des Katers sieht auch der Fuchs zum ersten Mal einen Kater.</p>



<p>„Wer bist du denn?“, fragt der Fuchs.</p>



<p>Der Kater spürt: Seine Stunde ist gekommen. Er kann jetzt ganz neu anfangen und sich Ehre und Würde aufbauen. Mit ernster Stimme antwortet er: „Weißt du denn nicht, wer vor dir steht? Ich bin der Katzohr-König. Ich kann jedes Tier zur Ordnung rufen.“</p>



<p>Als Entschuldigung für sein Unwissen lädt der Fuchs ihn zu einer Hühnersuppe ein. Nach dem Mittagessen legt sich der Kater hin und befiehlt dem Fuchs, für absolute Ruhe zu sorgen. Und der Fuchs tut dies auch: Er stellt sich als Wache vor die Fuchshöhle.</p>



<p>Ein Kaninchen hüpft vorbei. „Sei still!“, ruft der Fuchs es zur Ordnung. „Weißt du denn nicht, wer hier gerade ruht? Der Katzohr-König. Er kann jedes Tier in Schranken weisen.“</p>



<p>Das Kaninchen hüpft hastig weiter. Nicht viel später kommen zuerst der Bär, dann der Wolf und schließlich der Rabe vorbei. Auch sie werden vom Fuchs zur Ordnung gerufen, denn sie kennen den Katzohr-König nicht, und dieser braucht nun absolute Ruhe.</p>



<p>Die Tiere wollen dem mysteriösen Katzohr-König schließlich begegnen und ihm ihre Ehre erweisen. So laden sie ihn – über den Fuchs – zu einem Festessen ein.</p>



<p>Groß ist die Aufregung unter den Tieren, aber ebenso groß ist sie im Inneren des Katzohr-Königs. Je höher er steigt, desto größer wird seine Angst: die Angst, entdeckt zu werden, und die Angst, dass jemand merkt, dass hinter der Rolle Unsicherheit steckt.</p>



<p>Als schließlich alles bereit ist und die Tiere den Kater mit Hut, Stiefeln und Stock auf sich zukommen sehen, bricht Panik aus. Aus Versehen verbrennt sich das Kaninchen den Schwanz und springt auf den Wolf. Der panische Wolf kratzt reflexartig den Bären, und der Bär ohrfeigt den inzwischen angekommenen Katzohr-König derart, dass auch dieser panisch davonrennt.</p>



<p>Wer ist der Gewinner der Geschichte? Wohl der Fuchs, der Abstand und Ehre bewahrt – und sich am verlassenen Festtisch den Magen füllt.</p>



<p><strong>Rolle und Angst</strong></p>



<p>Diese Geschichte ist ehrlich. Der Kater trägt Hut, Stiefel und Stock, er wirkt selbstbewusst und steigt auf. Aber innerlich bleibt er voller Angst.</p>



<p>Kacor ist König – aber innerlich bleibt er verletzlich. Genau darin liegt die Tiefe dieser Geschichte. Denn sie sagt uns: Der Hut schützt nicht vor Angst, die Rolle schützt nicht vor Zweifel, und auch Erfolg schützt nicht davor, sich manchmal zu fragen: Bin ich wirklich genug?</p>



<p>Das Märchen verschweigt diese Angst nicht. Und gerade deshalb ist es wahr.</p>



<p><strong>Äußere Zeichen und innere Haltung</strong></p>



<p>Auch die Bibel kennt dieses Spannungsfeld.</p>



<p>Schon im Alten Testament tragen Priester Kopfbedeckungen. Nicht aus Eitelkeit, nicht aus Mode, sondern als Zeichen: Ich stehe in einem Auftrag, der größer ist als ich selbst. Das Äußere ordnet das Leben, sei es ein Amt, eine Amtskleidung oder ein Diensthut. Aber es ersetzt nicht das Innere.</p>



<p>Und das gilt auch für das christliche Leben: Glaube bedeutet nicht, unangreifbar zu werden. Glaube bedeutet, sich tragen zu lassen – auch mit Angst. Haltung heißt nicht, keine Angst zu haben. Haltung heißt, trotz Angst zu stehen.</p>



<p>Das ist eine wichtige Botschaft, gerade heute und gerade für uns, die wir unterschiedliche Verantwortungen tragen und unterschiedliche Rollen erfüllen müssen – einige von ihnen in der Gemeinde, andere in der Familie und in der Gesellschaft.</p>



<p><strong>Vor Gott ohne Rang und Hut</strong></p>



<p>An dieser Stelle fehlt noch ein wichtiger Gedanke, einer, der uns davor bewahrt, uns selbst höher zu stellen als andere.</p>



<p>Darauf wies auch Jesus hin in unserem heutigen Lesungstext. Diesen jesuanischen Gedanken griff die Praxis der Urgemeinde auf: Für die Männer galt keine Kopfbedeckung mehr. Der Mann soll mit unbedecktem Kopf vor Gott stehen, als Geschöpf vor dem Schöpfer, ohne Zeichen von Rang, ohne sichtbare Abgrenzung, ohne Hut.</p>



<p>Und diese Praxis war besonders in der Reformationszeit wieder sehr wichtig, um zu betonen: Vor Gott steht kein Amtsträger. Vor Gott steht kein Würdenträger. Vor Gott steht kein Mensch, der sich über andere erhebt. Vor Gott steht ein Mensch, als Geschöpf vor seinem Schöpfer.</p>



<p>Damit wird etwas Entscheidendes gesagt: Niemand kommt Gott näher durch seine Rolle. Niemand ist Gott wichtiger wegen seines Amtes. Niemand steht höher, weil er etwas darstellt. Christus selbst ist das Haupt der Gemeinde – nicht wir.</p>



<p>So wird der Hut der Hierarchie abgenommen, nicht um Ordnung aufzulösen, sondern um sie neu zu begründen: in der Gnade.</p>



<p><strong>Würdig ist der Mensch</strong></p>



<p>Ich möchte noch einmal zum König Kacor zurückkommen.</p>



<p>Noch etwas zeigt die Geschichte: Die Tiere lassen sich blenden. Sie fürchten nicht den Kater – sie fürchten seinen Titel. Der Name reicht, der Rang genügt, und die Angst entsteht.</p>



<p>Genau hier wird die Geschichte wichtig für uns. Denn die reformierte Tradition hat mit dieser Angst vor Rang gebrochen. Würdig ist nicht der Titel. Würdig ist der Mensch. Ehrfurcht gehört nicht Menschen. Ehrfurcht gehört Gott allein. Kein Mensch ist so hoch, dass wir ihn fürchten müssten. Kein Name, kein Amt, kein Rang darf unser Gewissen binden.</p>



<p>Darum sagt Jesus so klar im Markusevangelium:<br>„Wer unter euch der Erste sein will, soll den anderen dienen.“</p>



<p>Das ist der Gegenentwurf zur Welt des Katzohr-Königs. Nicht Angst macht Ordnung, nicht Titel schaffen Frieden, sondern Dienst, Verantwortung und Haltung.</p>



<p><strong>Verantwortung statt Schutzschild</strong></p>



<p>Die Geschichte zeigt uns zwei Dinge.</p>



<p>Erstens: Verantwortung verpflichtet. Wer eine Aufgabe übernimmt, wer eine Rolle trägt, wer für andere Verantwortung hat, soll nicht gefürchtet werden.</p>



<p>Amt ist kein Schutzschild, kein Hut, hinter dem man sich versteckt. Verantwortung heißt: für andere da zu sein, nicht sich über andere zu stellen.</p>



<p><strong>Ein Blick auf Josef II.</strong></p>



<p>Liebe Gemeinde,</p>



<p>vielleicht ist es kein Zufall, dass wir hier, in unserer Geschichte, auch einen anderen „König mit Hut“ kennen: Josef II.</p>



<p>Er verzichtete auf große Inszenierung. Er wollte Reformen, er wollte Verantwortung. Und letztlich verdanken auch wir ihm, dass evangelische Gemeinde hier Raum bekommen hat – bis heute in der Dorotheergasse.</p>



<p>Er war kein Heiliger. Aber er zeigt: Macht wird nicht glaubwürdig durch äußere Zeichen, sondern durch Haltung.</p>



<p><strong>Was uns trägt, wenn wir den Hut abnehmen</strong></p>



<p>Und damit sind wir wieder bei uns. Wir alle tragen Hüte, manche sichtbar, manche unsichtbar: Hüte der Verantwortung, Hüte der Erwartungen, Hüte der Rollen, die andere uns geben – oder die wir uns selbst aufsetzen.</p>



<p>Sie können wichtig sein. Aber sie dürfen nicht zur Maske werden.</p>



<p>Denn vor Gott zählt nicht, welchen Hut wir tragen, sondern was uns trägt, wenn wir ihn abnehmen. Und das ist nicht unsere Stärke, nicht unsere Rolle, nicht unser Rang, sondern allein die Gnade Gottes.</p>



<p>Amen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>25.1.2026 Pfrn. Réka Juhász</title>
		<link>https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/2026/01/25/25-1-2026-pfrn-reka-juhasz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Harald]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Jan 2026 18:39:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Predigt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.reformiertestadtkirche.wien/wp/?p=7209</guid>

					<description><![CDATA[Wenn biblische Geschichten uns nicht zur Ruhe kommen lassen: Stephanus Liebe Gemeinde,nicht jede biblische Geschichte erfüllt uns mit Wohlgefühl.Das merken wir schnell, wenn wir die Bibel nicht nur ausschnittweise lesen, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Wenn biblische Geschichten uns nicht zur Ruhe kommen lassen: Stephanus</strong></p>



<span id="more-7209"></span>



<p>Liebe Gemeinde,<br>nicht jede biblische Geschichte erfüllt uns mit Wohlgefühl.<br>Das merken wir schnell, wenn wir die Bibel nicht nur ausschnittweise lesen, sondern uns wirklich auf sie einlassen. Die Bibel ist kein Märchenbuch. Sie erzählt nicht nur Geschichten mit einem glücklichen Ende. Viele biblische Geschichten enden – aus menschlicher Sicht – offen, hart oder sogar tragisch.<br>Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir manche Texte lieber meiden.<br>Weil sie uns nicht sofort trösten. Weil sie uns nicht schnell beruhigen.<br>Weil sie Fragen offenlassen, statt sie zu schließen.</p>



<p>Und doch lebt der christliche Glaube von einer großen Hoffnung. Von der Hoffnung, worauf sogar in den letzten Kapiteln der Bibel hingewiesen wird. Das Buch der Offenbarung schließt mit dem Versprechen: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und als letzter Satz hören wir: „Ja, ich komme bald.“ Der christliche Glaube ist auf dieses Happy End ausgerichtet. Auf die Hoffnung der Erlösung vom menschlichen Leid.<br>Diese Hoffnung steht nicht am Anfang, sondern am Ende.<br>Und genau deshalb können die Geschichten dazwischen so schwer sein.<br>Aber diese Hoffnung bedeutet nicht, dass jede einzelne Geschichte gut ausgeht. Die Geschichte des Stephanus gehört zu den Geschichten, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ist keine Geschichte zum Wohlfühlen, sondern zur Klärung dessen, woran wir uns halten.</p>



<p>In diesem Sinne lesen wir den heutigen Predigttext:<br>Apostelgeschichte 6,8–15; 7,54–60</p>



<p><em><sub>8</sub></em><strong><em>Stephanus</em></strong><em>, erfüllt von Gnade und Kraft, tat grosse Wunder und Zeichen im Volk.&nbsp;<sub>9</sub>Es traten aber einige auf von der sogenannten Synagoge der Libertiner, Kyrener und Alexandriner und einige von denen aus Kilikien und der Provinz Asia, die diskutierten mit Stephanus,&nbsp;<sub>10</sub>vermochten aber der Weisheit und dem Geist, durch den er sprach, nichts entgegenzusetzen.</em></p>



<p><em><sub>11</sub></em><em>Da stifteten sie einige Männer an zu sagen: Wir haben gehört, wie er Lästerreden gegen Mose und gegen Gott geführt hat.&nbsp;<sub>12</sub>Und sie wiegelten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, machten sich an ihn heran, ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat.&nbsp;<sub>13</sub>Und sie liessen falsche Zeugen auftreten, die behaupteten: Dieser Mensch hört nicht auf, Reden zu führen gegen diesen heiligen Ort und gegen das Gesetz.&nbsp;<sub>14</sub>Wir haben nämlich gehört, wie er gesagt hat: Dieser Jesus von Nazaret wird diese Stätte zerstören und die Bräuche ändern, die Mose uns überliefert hat.</em></p>



<p><em><sub>15</sub></em><em>Da blickten alle, die im Hohen Rat sassen, gespannt auf ihn. Und sie sahen, dass sein Antlitz wie das eines Engels war […].</em></p>



<p><em><sub>1</sub></em><em>Der Hohe Priester fragte nun: Verhält es sich so?&nbsp;<sub>2</sub>Er aber sprach: […]</em></p>



<p><em><sub>51</sub></em><em>Ihr Halsstarrigen, die ihr unbeschnitten seid an Herz und Ohren, stets von neuem widersetzt ihr euch dem heiligen Geist, wie schon eure Väter, so auch ihr.&nbsp;<sub>52</sub>Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Getötet haben sie alle, die vom Kommen des Gerechten kündeten. Und an ihm seid&nbsp;ihr&nbsp;jetzt zu Verrätern und Mördern geworden,&nbsp;<sub>53</sub>ihr, die ihr das Gesetz durch Anordnungen von Engeln empfangen und euch nicht daran gehalten habt.</em></p>



<p><em><sub>54</sub></em><em>Als sie dies hörten, wurden sie rasend vor Zorn und knirschten mit den Zähnen.&nbsp;<sub>55</sub>Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.&nbsp;<sub>56</sub>Und er sprach: Ja, ich sehe die Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.&nbsp;<sub>57</sub>Sie aber überschrien ihn, hielten sich die Ohren zu und stürzten sich vereint auf ihn.&nbsp;<sub>58</sub>Sie stiessen ihn aus der Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab, zu Füssen eines jungen Mannes namens Saulus.&nbsp;<sub>59</sub>Sie steinigten den Stephanus, er aber rief den Herrn an und sprach: Herr, Jesus, nimm meinen Geist auf!&nbsp;<sub>60</sub>Er fiel auf die Knie und rief mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er dies gesagt hatte, verschied er.</em></p>



<p><strong>2. Stephanus – ein glaubwürdiger Mensch im Alltag</strong></p>



<p>Liebe Gemeinde,<br>wer war eigentlich dieser Stephanus?<br>Er war Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde. Gemeinsam mit sechs anderen war er für die Versorgung der Armen und Witwen der Gemeinde zuständig.<br>Stephanus war kein Apostel. Er gehört nicht zum engsten Kreis um Jesus. Er war kein Prediger im eigentlichen Sinn. Er war Diakon. Mehr erfahren wir über ihn aus der Bibel nicht.</p>



<p>Auch über die Hintergründe des Konflikts mit einigen Schriftgelehrten wird nicht viel berichtet. Nur ein einziger Satz deutet auf die innere Haltung dieses Mannes hin: Stephanus war „erfüllt von Glauben und heiligem Geist“.<br>Ein besonders engagiertes Mitglied also. Einer, der im Hintergrund arbeitet. Einer, der dafür sorgt, dass Menschen nicht übersehen werden. Arme, Witwen, Menschen am Rand.<br>Gerade darin liegt etwas Entscheidendes. Er lebt seinen Glauben im Alltag. Und genau das macht ihn angreifbar. Denn dort, wo Glaube sichtbar wird, ohne laut zu sein, dort wird er manchmal unerträglich.</p>



<p>Denn wer öffentlich zur Urgemeinde gehörte und sich so intensiv für sie einsetzte, riskierte viel.<br>Für die Römer war diese neue jesuanische Bewegung politisch verdächtig, weil sie den Kaiser nicht als höchste Autorität anerkannte. Für Teile der jüdischen Führung war sie religiös unerträglich. Stephanus geriet zwischen diese Fronten. Nicht, weil er provozierte, sondern weil er sich nicht zurückzog. Er suchte keinen Konflikt. Aber er wich auch nicht aus, wenn es um den Kern seines Glaubens ging.</p>



<p><strong>3. Wenn Argumente enden und Gewalt beginnt</strong></p>



<p>Der Text erzählt, dass Menschen mit ihm diskutieren. Es sind gebildete Leute, fromme Leute, Menschen, die sich auskennen. Und doch heißt es: Sie konnten der Weisheit und dem Geist, durch den er sprach, nichts entgegensetzen. Das ist ein wichtiger Satz. Stephanus gewinnt keine Debatte. Er triumphiert nicht. Aber etwas an ihm lässt sich nicht widerlegen.<br>Und dann kippt die Situation. Wo Argumente nicht mehr tragen, greifen andere Mittel. Es werden falsche Zeugen organisiert. Die Anklage klingt vertraut: Lästerung, Angriff auf das Gesetz, Bedrohung des Tempels. Religiöse Vorwürfe. Ernsthafte Vorwürfe. Und doch sind sie innerlich leer. Einen solchen Prozess kennen wir bereits – auch Jesus wurde so angeklagt.</p>



<p><strong>4. Die Kraft der inneren Klarheit</strong></p>



<p>Was mich besonders berührt, ist Vers 15. Dort heißt es: Alle, die im Hohen Rat saßen, blickten gespannt auf ihn, und sie sahen, dass sein Antlitz wie das eines Engels war. Das ist kein triumphales Bild. Kein strahlender Sieger. Es ist ein Bild von Ruhe. Von innerer Klarheit. Stephanus ist nicht verhärtet. Er ist gesammelt.</p>



<p>Vielleicht ist genau das schwer auszuhalten: ein Mensch, der nicht ausweicht, aber auch nicht zurückschlägt. Der nicht laut wird, aber auch nicht klein beigibt.</p>



<p><strong>5. Der Blick zum Himmel mitten in der Gewalt</strong></p>



<p>Dann kommt der Wendepunkt der Geschichte. Die Situation eskaliert. Die Zuhörenden werden rasend vor Zorn. Der Text beschreibt das sehr körperlich: Zähneknirschen, Schreien, Ohren zuhalten. Es ist, als würde etwas Unerträgliches hörbar.<br>Und mitten in dieser Gewalt geschieht etwas ganz anderes. Stephanus blickt zum Himmel. Nicht weg von der Wirklichkeit, sondern tiefer hinein. Er sieht die Herrlichkeit Gottes. Und er sieht Jesus zur Rechten Gottes stehen. Das ist kein Fluchtbild. Es ist ein Gegenbild zur Gewalt.<br>Während die einen schreien, schweigt er innerlich nicht. Während sie töten, betet er. Stephanus sieht nicht sie. Er sieht Gott. Und genau das verändert alles. Seine letzten Worte sind keine Anklage. Sie sind Gebet. Übergabe. Vergebung.</p>



<p>Hier hilft uns der Text aus dem Hebräerbrief weiter, den wir gehört haben. Dort heißt es, dass das Wort Gottes lebendig ist und schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Im Kommentar wird dieses Bild erklärt – nicht als Waffe, sondern wie ein chirurgisches Messer. Nicht, um zu töten, sondern um zu unterscheiden. Um freizulegen, was im Inneren verborgen ist.<br>Genau das geschieht hier. Das Wort Gottes richtet nicht Stephanus. Es legt offen, was in den Herzen der anderen ist. Und das ist schwer auszuhalten. Nicht Stephanus verurteilt. Die Wahrheit selbst wird unerträglich.<br>Stephanus stirbt. Aber er stirbt nicht im Hass. Nicht im Kampf. Er stirbt in Beziehung. Und vielleicht ist genau das der Ernst des Glaubens, von dem diese Geschichte spricht.</p>



<p><strong>6. Wie ernst nehmen wir unseren Glauben?</strong></p>



<p>Wenn wir diese Geschichte hören, spüren wir schnell eine Distanz zu unserem eigenen Leben. Wir leben heute in einer ganz anderen Situation. In Europa sind wir dankbar für Glaubensfreiheit. Dankbar dafür, dass niemand verfolgt wird, weil er oder sie Christ ist. Diese Dankbarkeit ist wichtig. Und doch müssen wir ehrlich sagen: Religion erfüllt heute oft einen anderen Zweck.<br>Christlicher Glaube ist für viele zu einer Art Wohlfühlsache geworden. Etwas, das gut tun soll. Etwas, das man auch wieder ablegen kann, wenn es unbequem wird. Etwas, wofür viele Menschen nicht einmal mehr bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – wie wir es an den Kirchenaustritten sehen.<br>Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung.<br>Und sie stellt uns eine Frage, der wir nicht ausweichen sollten:<br>Wie ernst nehmen wir unseren Glauben eigentlich noch?</p>



<p>Ein Schüler hat mich einmal unterbrochen:<br>„Wir müssen die Bibel ja nicht wortwörtlich nehmen – aber warum waren Menschen bereit, für diese Worte zu sterben?“<br>Diese Frage klingt vielleicht naiv. Aber sie trifft einen wunden Punkt.<br>Das ist eine unbequeme Frage.<br>Denn sie zwingt uns, genauer hinzusehen. Nicht wortwörtlich – aber ernst. Passt das zusammen? Oder haben wir uns daran gewöhnt, den Glauben nur dort ernst zu nehmen, wo er uns nicht fordert?<br>Die Geschichte des Stephanus drängt uns diese Frage nicht auf. Aber sie lässt uns ihr auch nicht ausweichen.</p>



<p><strong>7. Das Wort Gottes klärt und trägt</strong></p>



<p>Der Lesungstext aus dem Hebräerbrief hilft, das zu verstehen. Dort heißt es:<br>„Denn lebendig ist das Wort Gottes und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“<br>Dieser Satz hat viele Menschen erschreckt. Auch Predigende.<br>Man möchte dieses Bild gern entschärfen. Aber es geht hier nicht um Gewalt. Nicht um ein Richtschwert. Sondern um ein Wort, das unterscheidet. Das klärt. Das freilegt, woran wir uns wirklich halten – und was nur Gewohnheit oder Fassade ist.</p>



<p>Das Wort Gottes ist lebendig. Es lässt uns nicht unberührt.<br>Nicht, um uns zu verurteilen, sondern um uns zu stärken.<br>Damit unser Glaube nicht nur Fassade bleibt, sondern eine tragende, heilende Kraft, die uns besonders in herausfordernden Momenten hält und trägt.</p>



<p><strong>8. Zeugen des Glaubens bis in unsere Gegenwart</strong></p>



<p>Dass solche Geschichten keine Vergangenheit sind, zeigt ein Blick in unsere Gegenwart. Im Jahr 2015 wurden in Libyen einundzwanzig christliche Männer ermordet. Es waren einfache Arbeiter. Keine Theologen. Keine kirchlichen Amtsträger. Zwanzig von ihnen gehörten zur koptischen Kirche in Ägypten. Einer von ihnen war ein Mann aus Ghana. Er war ursprünglich kein Christ.<br>Alle waren gemeinsam gefangen. Als man sie vor die Wahl stellte, ihren Glauben zu verleugnen oder zu sterben, hätte dieser Mann aus Ghana gehen können. Doch er blieb. Er sagte sinngemäß: Ihr Gott ist mein Gott. Und er starb mit den anderen.<br>Auch diese Männer wollten leben, sie suchten nicht den Tod.<br>Aber sie hielten sich an etwas, das größer war als ihre Angst.</p>



<p>Diese Geschichte ist keine Aufforderung zum Märtyrertum. Sie ist auch kein Maßstab, an dem wir uns messen müssten. Sie ist eine Frage an uns:<br>Wie lebendig ist das Wort Gottes in uns? Kann uns unser Glaube wirklich tragen?</p>



<p><strong>9. Verantwortung für die Hoffnung</strong></p>



<p>Die Geschichte von Stephanus stellt uns genau diese Frage.<br>Er ist keine Geschichte zum Nachmachen. Er ist eine Geschichte zur Klärung. Er zeigt uns keinen Weg des Heldentums, sondern eine Haltung. Eine Haltung des Vertrauens.</p>



<p>Und damit kommen wir zum Schluss zu einem Satz aus dem 1. Petrusbrief:<br>„Seid allezeit bereit zur Verantwortung über die Hoffnung, die in euch ist – mit Sanftmut und Respekt.“<br>Es heißt nicht: Verteidigt euch; Setzt euch durch.<br>Es heißt: Seid bereit, Auskunft zu geben über die Hoffnung, die euch trägt.<br>Diese Verantwortung geschieht nicht laut und nicht hart. Sie geschieht mit Sanftmut und Respekt. Vielleicht ist das der deutlichste Schutz davor, den Glauben zu verharmlosen oder zu verhärten.</p>



<p><strong>10. Was uns im Glauben trägt</strong></p>



<p>Liebe Gemeinde,<br>christlicher Glaube wird nicht daran gemessen, wie viel wir aushalten,<br>sondern daran, ob uns unsere Hoffnung noch trägt – auch in Situationen, in denen es schwer ist.<br>Vielleicht ist das der Ernst des Glaubens:<br>nicht alles zu verstehen, aber sich tragen zu lassen.</p>



<p>Amen.</p>
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