Predigttext: Römer 12,1–2.9–18
1Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! 2Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. 9Die Liebe sei ohne Heuchelei! Das Böse wollen wir verabscheuen, dem Guten hangen wir an. 10In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. 11In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. 12In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest. 13Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns, von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab.
14Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht! 15Freuen wollen wir uns mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. 16Seid allen gegenüber gleich gesinnt; richtet euren Sinn nicht auf Hohes, seid vielmehr den Geringen zugetan. Haltet euch nicht selbst für klug! 17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! 18Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht: Haltet Frieden mit allen Menschen! 19Übt nicht selber Rache, meine Geliebten, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum! Denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich werde Vergeltung üben, spricht der Herr. 20Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 21Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.
Liebe Gemeinde, liebe Jugendliche!
Am 30. November 1524 geschieht in Zürich etwas Außergewöhnliches. Eine Frau tritt vor den Rat der Stadt und erklärt, dass sie bereit ist, ihren gesamten Klosterbesitz mit allen Rechten und Einkünften der Stadt zu übergeben.
Es ist Katharina von Zimmern, die Äbtissin des Zürcher Fraumünsters.
Fast drei Jahrzehnte lang hat sie dieses Kloster geleitet. Sie war eine der mächtigsten Frauen Zürichs, verfügte über große Besitzungen, hatte politischen Einfluss und genoss hohes gesellschaftliches Ansehen. Und nun gibt sie all das auf.
Warum tut sie das?
Heute feiern wir den Reformationstag.
Wir erinnern uns an eine Zeit des Umbruchs, an den Bruch mit jahrhundertealten kirchlichen Traditionen. Und natürlich denken wir dabei an die großen Namen: Martin Luther, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin. Mutige Theologen, die Geschichte geschrieben haben.
Aber ich glaube, es wäre nicht einmal im Sinne dieser Männer, wenn wir heute nostalgisch, pathetisch oder gar triumphierend an sie erinnern würden. Als wären sie die Helden, die endlich die Wahrheit erkannt hätten. Nein. Die Reformation war niemals das Werk einzelner großer Männer. Zahlreiche Frauen haben diese Zeit mitgestaltet. Heute möchte ich von einer dieser Frauen erzählen.
Bleiben wir also in Zürich, bei Katharina von Zimmern.
Kloster
Klosterauflösung – das klingt aus heutiger evangelischer Sicht vielleicht nach einem großen Fortschritt. Endlich keine Klöster mehr! Endlich Freiheit!
Doch so einfach war es nicht.
Klöster waren nicht nur Orte des Gebets, sondern auch bedeutende Bildungsstätten.
Luther bekam im Augustinerkloster eine eigene Bibel in die Hand. Hier hatte er Raum, Zeit und Aufmerksamkeit gefunden, sich intensiv mit der Bibel und theologischen Fragen auseinanderzusetzen. Ohne seine klösterliche Ausbildung wäre sein späterer Weg kaum denkbar.
Und auch für Frauen eröffneten Klöster Möglichkeiten, die ihnen außerhalb oft verschlossen blieben.
Im Zürcher Fraumünster lebten adelige Frauen, die Bildung erhielten, eigenen Besitz hatten und sogar eine gewisse Freiheit genossen.
Und wenn jemand versuchte, diese Freiheiten einzuschränken, dann wehrten sie sich, die Nonnen des Fraumünsters. Sogar gegenüber dem mächtigen Zürcher Rat!
Heute kaum vorstellbar, dass es im Mittelalter möglich war: Frauen, die ihre Rechte gegenüber den mächtigen Männern einer Stadt verteidigten.
Das war die Welt, in die Katharina von Zimmern als junges Mädchen aufgenommen wurde.
Doch wie kam dieses Mädchen überhaupt ins Kloster?
Liebe Gemeinde, liebe Jugendliche, stellt euch vor:
Ihr seid ungefähr neun oder zehn Jahre alt. Ihr wohnt in einem Schloss, eure Familie gehört zum Adel. Euch fehlt es an nichts. Ihr habt alles, was euer Herz begehrt.
Und dazu bekommt ihr eine gute Bildung, lernt Sprachen und Musik. Euer Vater ist ein Humanist, ein gebildeter und einflussreicher Mann.
Und dann passiert ein Schicksalsschlag: von einem Tag auf den anderen ist alles vorbei.
Denn Katharinas Vater, geriet durch politische Auseinandersetzungen in Ungnade. Er wurde für rechtlos erklärt, sein Besitz wurde ihm weggenommen, und er musste aus seiner Heimat fliehen. Und diese Vertreibung war alles andere als friedlich.
Katharinas Mutter versuchte, sich mit ihren sieben Kindern in einem Zimmer des Schlosses einzuschließen. Vergeblich. Bewaffnete Männer drangen ein. Möbel und Hausrat wurden aus den Fenstern geworfen, das Schloss verwüstet.
Dass die Familie diese Vertreibung überlebte, war keineswegs selbstverständlich.
Bei den Eidgenossen fand die Familie schließlich Zuflucht. Die Zeiten des Wohlstands waren vorbei.
Und einige Jahre später stellte sich nun die Frage: Was sollte aus den Kindern werden? Vor allem aus den Töchtern?
Denn damals kostete auch das Heiraten Geld.
Wenn eine adelige Tochter heiratete, musste ihre Familie in der Regel eine entsprechende Mitgift bereitstellen. Und dazu fehlte nun das Geld.
So kamen Katharina und ihre Schwester Anna 1491 in das Zürcher Fraumünster.
Katharina war ungefähr dreizehn Jahre alt.
Liebe Jugendliche, stellt euch vor: Mit dreizehn Jahren in ein Kloster!
Das klingt zunächst ziemlich bitter.
Aber mit der Hoffnung auf Bildung, auf Gemeinschaft, auf gesellschaftliche Kontakte und auf eine gewisse Freiheit – vielleicht war das gar nicht die schlechteste Zukunft, die man sich damals vorstellen konnte.
Viel bitterer war vermutlich, dass Katharina und ihre Schwester überhaupt nicht frei über ihre Zukunft entscheiden konnten.
Ein interessanter Nachbarsjunge
Und noch ein interessantes Detail aus Katharinas Kindheit möchte ich erzählen.
Während die Familie im Schweizer Ort Weesen Zuflucht fand, lebte dort zeitweise auch ein Junge im Pfarrhaus seines Onkels.
Sein Vater war Landammann, also ein bedeutender politischer Amtsträger, und der Junge erhielt eine ausgezeichnete Bildung.
Er war musikalisch besonders begabt und spielte mehrere Instrumente.
Ob Katharina und dieser Junge einander begegneten, ob sie vielleicht miteinander spielten oder gemeinsam einen Gottesdienst besuchten, wissen wir nicht.
Aber möglich wäre es gewesen.
Denn viele Jahre später sollten beide in Zürich eine wichtige Rolle spielen.
Der Junge hieß Ulrich.
Ja, genau jener Zwingli, der später zum Reformator von Zürich wurde.
Aber zurück zum Klosterleben Katharinas:
Langweilig war das Leben im Fraumünster für Katharina jedenfalls nicht.
Katharina war gerade achtzehn Jahre alt, als die die bisherige Äbtissin starb. Und nun musste eine Nachfolgerin gewählt werden.
Und Katharina stellte sich zur Wahl und wurde zur Äbtissin gewählt.
Achtzehn Jahre!
Aber ihre Wahl war umstritten. Kirchliche und politische Interessen standen auf dem Spiel, Juristen wurden eingeschaltet, und ganz Zürich beschäftigte sich mit dieser jungen Frau.
Katharina setzte sich durch.
Und damit begann für sie ein Leben mit großer Macht, aber auch großer Verantwortung.
Sie verwaltete Besitzungen, führte Verhandlungen, pflegte politische Kontakte und ließ Gebäude erneuern.
Und ihr Privatleben?
Bei den Feierlichkeiten rund um Katharinas Amtsantritt begegnet uns auch der Name eines Mannes: Eberhard von Reischach.
Ein Söldnerführer, ein Mann aus adeligen Kreisen, der Katharina vermutlich schon lange kannte und in ihrem Leben noch eine wichtige Rolle spielen sollte.
Und vielleicht waren sie einander auch persönlich näher, als es für eine Äbtissin eigentlich erlaubt gewesen wäre.
Neuere Forschungen gehen davon aus, dass Katharina möglicherweise bereits während ihrer Zeit als Äbtissin eine Tochter hatte.
Was für eine Vorstellung!
Eine Äbtissin, die nicht nur große Besitzungen verwaltet, politische Entscheidungen trifft und um ihre Stellung kämpft, sondern möglicherweise auch ein verborgenes Privatleben führt.
Wie konnte sie all das miteinander vereinbaren?
Wir kennen die Einzelheiten nicht. Doch ihre spätere Verbindung zu Reischach ist belegt: Nach der Auflösung der Abtei heirateten die beiden.
Katharinas Lebensgeschichte ist jedenfalls voller Dramen, ein Wechsel zwischen Freude, Erfolg, Verlusten, persönlichen Beziehungen und Machtkämpfen. Katharinas
Nur sechs Jahre dauerte ihre Ehe mit Eberhard von Reischach. 1531 fiel ihr Mann in der Schlacht bei Kappel – an der Seite von Ulrich Zwingli.
Ausgerechnet jenem Zwingli, dem Katharina möglicherweise schon als Mädchen begegnet war und dessen reformatorische Gedanken ihr Leben so grundlegend verändert hatten.
Die neuen Gedanken der Reformation
In Katharinas Bibliothek befanden sich Schriften von Luther und Zwingli, sogar mit persönlichen Widmungen an die Äbtissin!
Stellen Sie sich das vor:
Eine katholische Äbtissin beschäftigt sich mit den Gedanken jener Männer, die gerade ihre ganze bisherige Lebenswelt infrage stellen.
Wir wissen natürlich nicht, welche Argumente sie überzeugten. Aber sie war bereit, sich mit den neuen Gedanken auseinanderzusetzen.
Und wenige Jahre später gab sie ihre Abtei auf.
Zurück zum Jahr 1524
Die Frau, die jahrzehntelang für die Rechte ihres Klosters gekämpft hatte, stand nun vor der Frage, ob es überhaupt noch eine Zukunft für diese Einrichtung gab.
Die Reformation brachte nicht nur Befreiung. Sie brachte für viele Menschen auch Unsicherheit, Angst und den Verlust ihrer vertrauten Lebenswelt.
Und Katharina musste sich entscheiden.
Sie erklärte ausdrücklich, diese Entscheidung vor ihrem Gewissen und aus freiem Willen getroffen zu haben. Wie hat sie sich danach wohl gefühlt?
Erleichtert? Befreit? Traurig?
Vielleicht alles zugleich.
Denn sie gab nicht nur ein Gebäude und ein Vermögen ab.
Sie verabschiedete sich von einer Lebensform, die sie seit ihrer Jugend geprägt hatte.
Von einer Stellung, die sie sich unter großen Schwierigkeiten erkämpft hatte.
War das eine Niederlage?
Oder vielleicht eine ganz andere Form von Freiheit?
Paulus schreibt in seinem Römerbrief:
„Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
„Prüfen“. Manchmal bedeutet das auch, unsere bisherigen Überzeugungen infrage zu stellen. Genau vor dieser Herausforderung stand Katharina von Zimmern.
Aber wenn wir auf Katharinas ganzes Leben schauen, können wir eines feststellen:
Ihr Leben trug Früchte des Glaubens.
Trotz aller Verluste und Fremdbestimmung bewahrte sie ihre Würde. Sie prüfte alles und ließ sich auf neue Gedanken ein, sie hinterfragte die bisherigen Ordnungen und übernahm Verantwortung – auch dort, wo sie dafür auf eigene Rechte und Macht verzichten musste.
Und was lernen wir daraus?
Aber auch unsere Welt verändert sich. Und nicht jede Veränderung macht uns Freude. Manches verunsichert uns, manches bedroht unsere bisherige Lebensweise.
Katharina hätte gute Gründe gehabt, an ihrer Macht und an ihren bisherigen Rechten festzuhalten. Doch sie war bereit, ihre Situation neu zu überdenken.
Und genau darin sehe ich ihre Botschaft an uns heute:
Wir können nicht jede Veränderung aufhalten. Aber wir können mitentscheiden, in welche Richtung sie geht.
Wir müssen nicht nur Zuschauer oder Betroffene der Veränderungen unserer Zeit sein.
Wir können sie mitgestalten.
Und dabei gibt uns Paulus einen Maßstab: Prüft, was gut ist!
Nicht nur, was für uns selbst gut ist. Sondern auch, was anderen Menschen dient.
Dazu sind wir auch heute berufen: mit Vernunft und Menschlichkeit die Welt, in der wir leben, mitzugestalten.
Nicht um uns Gottes Liebe zu verdienen, sondern weil wir aus dieser Liebe leben dürfen.
Amen.