„Wen Jesus glücklich nennt.“ Pfarrer Harald Kluge
LESUNG RÖMER 12, 17-21
17 Vergeltet niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Verhaltet euch gegenüber allen Menschen vorbildlich. 18 Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden. 19 Liebe Freunde, verschafft euch nicht selbst Recht. Überlasst vielmehr Gott das Urteil, denn er hat ja in der Heiligen Schrift gesagt: »Es ist meine Sache, Rache zu üben. Ich, der Herr, werde ihnen alles vergelten.« 20 Handelt so, wie es die Heilige Schrift von euch verlangt: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen; ist er durstig, gib ihm zu trinken. So wirst du ihn beschämen.« 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute.
MATTHÄUS 5, 1-16 „Wen Jesus glücklich nennt“
1 Als Jesus die Menschenmenge sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger versammelten sich um ihn. 2 Dann begann er, sie mit den folgenden Worten zu lehren: 3 »Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört sein himmlisches Reich. 4 Glücklich sind, die über diese Welt trauern, denn sie werden Trost finden. 5 Glücklich sind, die auf Frieden bedacht sind, denn sie werden die ganze Erde besitzen. 6 Glücklich sind, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn sie sollen satt werden. 7 Glücklich sind, die Barmherzigkeit üben, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.
8 Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen. 9 Glücklich sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen. 10 Glücklich sind, die verfolgt werden, weil sie nach Gottes Willen leben; denn ihnen gehört sein himmlisches Reich. 11 Glücklich könnt ihr euch schätzen, wenn ihr verachtet, verfolgt und verleumdet werdet, weil ihr mir nachfolgt. 12 Ja, freut euch und jubelt, denn im Himmel werdet ihr dafür reich belohnt werden! Genauso hat man die Propheten früher auch schon verfolgt.«
Liebe Gemeinde! Wenn Sie heute nach dem Gottesdienst die Dorotheergasse hinunterspazieren, vorbei an den Schaukästen, hinein in den Wiener Sonntagstrubel, dann fragen Sie sich doch einmal: „Bin ich selig“? „Bin ich glücklich?“ „Wann war ich das letzte Mal glücklich?“ Am besten fragen Sie sich das aber natürlich gegenseitig. Wann sind wir selig? Das kommt drauf an, wo ich bin und als was ich da bin. Als Tourist fühl ich mich selig, wenn ich nach langem Anstehen endlich einen Platz im Kaffeehaus oder Eisgeschäft ergattere und den ersten Schluck Melange oder einen Eiscafe oder einen Milchshake trinke. Die Studentin fühlt sich selig, die vorgestern Abend die letzte schwere Prüfung bestanden hat. Und wir alle fühlen uns selig, wenn der Alltag mal für ein paar Stunden Pause macht.
„Selig“ – das ist im Wienerischen ja fast ein bisschen Alltagsbesitz geworden. „Ich war gestern selig im Bett“, sagen wir, wenn wir einfach erschöpft und glücklich waren. Es ist dieses Gefühl von: Alles ist gut. Ich habe, was ich brauche. Ich bin wunschlos glücklich. Wir haben die Seligpreisungen aus der Bergpredigt gehört und die eindringlichen Worte des Paulus aus dem Römerbrief. Zwei Texte, die uns nicht abkühlen, sondern eher aufheizen. Sie sind eher so, dass sie uns mitten im hitzigen und aufgeheizten Leben zusätzlich anfeuern wollen. Sie fordern mich heraus. Sie fordern mich auf, meine Perspektive zu wechseln, radikal, bedingungslos und mitten im Hier und Jetzt.
Stellen wir uns die Szene bei Matthäus vor. Jesus sieht eine große Menschenmenge, die ihn sehen, berühren und hören will. Es war damals in Galiläa sicher weniger heiß als heute in Wien. Denn die Leute damals waren klug und schlau und wussten, in der Hitze des Tages sind nur Narren und Touristen draußen unterwegs. Jesus geht auf einen Berg, setzt sich, und die Leute drängen sich um ihn. Und dann – so wird es berichtet – spricht er von den wichtigen Dingen des Lebens, wie wir uns verhalten sollen. Jesus wackelt aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger vor unserer Nase. Sonst müsste es lauten: Verflucht und unglücklich seid ihr Fröhlichen! Unglücklich sind die Menschen, die einander übervorteilen! Unglücklich sind diejenigen, die arrogant und besserwisserisch mit ihrer Weisheit oder ihren Titeln prahlen.
Jesus spricht auch nicht von Gesetzen oder Geboten und ruft auch keine Drohungen aus. Und er sagt auch nicht das Offensichtliche. „Selig seid ihr, wenn euer Bankkonto voll ist und das Leben wie am Schnürchen läuft.“ * „Glücklich seid ihr, wenn ihr im Recht seid und alle euch zujubeln.“
Jesus beginnt mit einer Liebeserklärung. Geliebt von GOTT sind die Zu-Kurz-Gekommenen. Er dreht die Logik unserer Welt und der damaligen Welt komplett auf den Kopf: „Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört sein himmlisches Reich. Glücklich sind, die über diese Welt trauern, denn sie werden Trost finden. Glücklich sind, die auf Frieden bedacht sind, denn sie werden die ganze Erde besitzen. Glücklich sind, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn sie sollen satt werden. Glücklich sind, die Barmherzigkeit üben, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.“
In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, und erst recht an einem Tag, an dem uns die Hitze alle Kräfte raubt, klingt das zynisch. Wer will schon „arm“ sein? Wer will „Leid tragen“? Wer will sich freiwillig von „Hunger und Durst“ quälen lassen?
Unsere Welt belohnt die Starken, die Lauten, die Durchsetzungsfähigen. Wer sich auf dem Markt der Möglichkeiten behaupten will, darf nicht sanftmütig sein, sonst wird er überrollt. Wer Karriere machen will, darf nicht dauernd barmherzig sein, sondern muss meist den Ellenbogen ausfahren. Aber Jesus setzt hier einen Kontrapunkt. Er schafft ein neues Klima. Nicht ein Klima der glühenden Hitze des Konkurrenzkampfes, sondern ein Klima der göttlichen Erfrischung.
„Selig“ – das griechische Wort heißt makarioi. Es bedeutet: „Glücklich zu preisen sind sie.“ Aber es meint kein oberflächliches Wellness-Glück. Es meint eine tiefe, unerschütterliche Zusage: Ihr seid von Gott angesehen. Gerade ihr, die ihr am Ende eurer Kräfte seid. Gerade ihr, die ihr unter der Last des Lebens stöhnt; sei es die physische Hitze des Tages oder die existenzielle Hitze eurer Sorgen. Ihr seid gemeint. Jesus preist die Friedfertigen selig. Diejenigen, die Frieden stiften, wo andere zündeln. In einer Welt, die politisch, gesellschaftlich und oft auch im Privaten aufgeheizt ist, wo Debatten im Netz und auf der Straße oft mit einer Aggression geführt werden, die der heutigen Außentemperatur in nichts nachsteht. Da ruft uns diese Predigt am Berg zur Abkühlung auf. Sie will unsere Sanftmut hervorkitzeln. Sanftmut ist kein Zeichen von Schwäche. Sanftmut ist eine enorme Kraft, die eigene Stärke so zu zügeln, dass der andere Raum zum Atmen hat.
Wie „Sanftmut“ konkret aussieht, das buchstabiert Paulus im Römerbrief aus. Und ich gebe zu, diese Zeilen können einem den Schweiß erst recht auf die Stirn treiben: „Vergelte niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Verhalte dich gegenüber allen Menschen vorbildlich. 18 Soweit es irgend möglich ist und von dir abhängt, lebe mit allen Menschen in Frieden!“
Paulus war kein Träumer. Er war Realist. Er schreibt nicht: „Ihr müsst mit allen im Reinen sein.“ Er schreibt: „Ist es möglich, und wenn es an dir liegt …“ Frieden zu schließen oder zu halten scheitert oft, weil mein Gegenüber anderes im Sinn hat, weil er aus ist auf Streit, Kampf, Zwist, Krieg. Aber der Auftrag an uns bleibt eindeutig: Von unserer Seite aus darf ich kein Öl ins Feuer gießen. Und dann kommt der härteste Satz, die absolute Provokation für unser natürliches Gerechtigkeitsempfinden: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute.“
Wenn mir jemand Unrecht zufügt, mich betrügt, belügt, beraubt, verletzt, beleidigt, dann kocht es in mir hoch. Wir alle haben unsere Zornesfalten. Und der männliche Instinkt ruft: Schlag zurück. Zeig es ihm oder ihr. Lass dir nichts gefallen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber Paulus sagt: Wenn du zurückschlägst, hat das Böse gewonnen. Warum? Dann hat es dich infiziert. Und du spielst nun nach denselben Regeln wie all diejenigen, die dich verletzt haben. Dann hab ich mich vom Bösen überwinden lassen, indem ich selbst böse geworden bin. Das Böse mit Gutem zu überwinden, bedeutet, wenn ich den Teufelskreis durchbrechen lerne. Es bedeutet, den glühenden Kohlen des Hasses das Löschwasser der Liebe entgegenzusetzen.
Paulus zitiert hier ein altes Sprichwort: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen; ist er durstig, gib ihm zu trinken. So wirst du ihn beschämen – du wirst feurige Kohlen auf seni Haupt sammeln.«
Das klingt im ersten Moment nach einer subtilen Rachemethode. Wir machen anderen ein schlechtes Gewissen, bis deren Kopf glüht. Aber im antiken Orient war das Bild der feurigen Kohlen auf dem Kopf auch ein Symbol der Reinigung und der Buße. Und es war schlicht eine Geste der Scham, die zur Umkehr, zur Besinnung führt. „Wie blöd war ich da bloß!“ Indem wir einem Menschen, der uns angreift oder mit Worten verletzen will oder uns verdrängen möchte, wenn wir ihm oder ihr oder ihnen mit Güte, mit Sanftmut begegnen, entwaffnen wir sie nicht. Aber wir bleiben unserer eignen Überzeugung und Haltung treu. Wir lassen nicht zu, dass andere mit ihrem blöden Verhalten uns und unseren Charakter verändern. Im besten Fall der Fälle kann ich die brenzlige hitzige Situation abkühlen.
Wir feiern heute hier in der Inneren Stadt, im Herzen von Wien, nicht nur unsere Gottesdienste, sondern danach auch ein Straßenfest. Ein Fest, bei dem die Dorotheergasse belebt wird, bei dem wir zusammenkommen, essen, trinken und miteinander reden. Als reformierte Gemeinde stehen wir in einer Tradition, die den Glauben nie nur im stillen Kämmerlein oder hinter dicken Kirchenmauern versteckt hat. Für Johannes Calvin und die Reformatoren war klar: Die Ehre Gottes erweist sich mitten im Alltag, im Zusammenleben der Stadt, in der Gestaltung der Gesellschaft. Die Welt ist der Schauplatz dieser Herrlichkeit Gottes – auch diese erhitzte, erschöpfte Welt des Jahres 2026. Das Straßenfest nach dem Gottesdienst ist deshalb kein weltliches Zusatzprogramm. Es ist die Verlängerung, die Overtime des Gottesdienstes. Es ist die Praxis der Bergpredigt.
Wenn wir gleich hinausgehen, in die Hitze des Hofes, dann bringen wir etwas mit. Wir bringen die Zusage der Seligpreisungen mit nach draußen. Wir bringen den Auftrag des Paulus mit auf die Straße, der meint: „Achtet aufeinander!“ Ein Straßenfest bei über 40 Grad fordert uns heraus, aufeinander Acht zu geben. Wer braucht Wasser? Wer braucht einen Platz im Schatten? Wer ist einsam und sitzt abseits? Es sind die kleinen, unscheinbaren Gesten, in denen das Reich Gottes mitten unter uns aufleuchtet.
Amen