Johannes 11, 1-44 Pfr. Harald Kluge
1 Ein Mann namens Lazarus, der in Betanien wohnte, war schwer erkrankt. Im selben Dorf wohnten auch seine Schwestern Maria und Marta. 2 Maria war es gewesen, die mit kostbarem Salböl die Füße des Herrn übergossen und sie mit ihrem Haar getrocknet hatte. Weil ihr Bruder Lazarus so krank war, 3 ließen die beiden Schwestern Jesus mitteilen: »Herr, dein Freund Lazarus ist schwer erkrankt!« 4 Als Jesus das hörte, sagte er: »Diese Krankheit führt letztlich nicht zum Tod, sondern durch sie soll Gottes Macht und Herrlichkeit sichtbar werden, und auch der Sohn Gottes wird dadurch geehrt.«
5 Jesus liebte Marta, ihre Schwester Maria und Lazarus. 6 Aber obwohl er nun wusste, dass Lazarus schwer krank war, wartete er noch zwei Tage. 7 Erst danach sagte er zu seinen Jüngern: »Wir wollen wieder nach Judäa gehen.« 8 Doch seine Jünger wandten ein: »Rabbi, vor kurzem haben die Leute in Judäa versucht, dich zu steinigen. Und jetzt willst du wieder dorthin?« 9 Jesus antwortete: »Ist es nicht zwölf Stunden am Tag hell? Wer sicher laufen will, muss diese Zeit nutzen; denn nur bei Tageslicht sieht er den Weg. 10 Wer nachts unterwegs ist, stolpert in der Dunkelheit, weil das Licht nicht bei ihm ist.« 11 Nachdem er das seinen Jüngern gesagt hatte, meinte er: »Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen, aber ich will hingehen und ihn aufwecken!« 12 Die Jünger erwiderten: »Herr, wenn er schläft, wird er bald wieder gesund sein.« 13 Sie meinten nämlich, Jesus hätte vom gewöhnlichen Schlaf gesprochen, aber er redete von Lazarus’ Tod. 14 Deshalb sagte Jesus ihnen ganz offen: »Lazarus ist gestorben! 15 Doch euretwegen bin ich froh, dass ich nicht bei ihm gewesen bin. Denn nun könnt ihr lernen, was Glauben heißt. Wir wollen jetzt gemeinsam zu ihm gehen!« 16 Thomas, den man auch den Zwilling nannte, sagte zu den anderen Jüngern: »Ja, lasst uns mit Jesus nach Judäa gehen und dort mit ihm sterben.« 17 Als sie in Betanien ankamen, erfuhr Jesus, dass Lazarus schon vier Tage im Grab lag. 18 Das Dorf ist nur etwa drei Kilometer von Jerusalem entfernt. 19 Deswegen waren viele Juden aus der Stadt zu Maria und Marta gekommen, um die beiden zu trösten. 20 Als Marta hörte, dass Jesus auf dem Weg zu ihnen war, ging sie ihm entgegen. Maria aber blieb zu Hause.
21 Marta sagte zu Jesus: »Herr, wärst du hier gewesen, würde mein Bruder noch leben. 22 Aber auch jetzt weiß ich, dass Gott dir alles geben wird, worum du ihn bittest.« 23 »Dein Bruder wird auferstehen!«, gab Jesus ihr zur Antwort. 24 »Ja, ich weiß«, sagte Marta, »am letzten Tag, bei der Auferstehung der Toten.« 25 Darauf erwiderte ihr Jesus: »Ich bin die Auferstehung, und ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. 26 Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben. Glaubst du das?« 27 »Ja, Herr«, antwortete ihm Marta. »Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, auf den wir so lange gewartet haben.« 28 Jetzt lief Marta zu ihrer Schwester Maria. Ohne dass die übrigen Trauergäste es merkten, flüsterte sie ihr zu: »Unser Lehrer ist da und will dich sprechen!« 29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und lief ihm entgegen. 30 Jesus hatte das Dorf noch nicht erreicht, sondern war dortgeblieben, wo Marta ihn getroffen hatte. 31 Als Maria aufsprang und eilig das Haus verließ, meinten die Juden aus Jerusalem, die sie trösten wollten: »Sie will am Grab weinen.« Darum folgten sie ihr. 32 Aber Maria lief dorthin, wo Jesus auf sie wartete. Als sie ihn sah, fiel sie vor ihm nieder und rief: »Herr, wenn du da gewesen wärst, würde mein Bruder noch leben!« 33 Jesus sah, wie sie und auch die Trauergäste weinten. Da war er tief bewegt und erschüttert. 34 »Wo habt ihr ihn bestattet?«, fragte er. Sie antworteten: »Komm, Herr, wir zeigen es dir!« 35 Auch Jesus kamen die Tränen. 36 »Seht«, sagten die Juden, »er muss ihn sehr liebgehabt haben!« 37 Doch einige meinten: »Einen Blinden hat er sehend gemacht. Hätte er da nicht auch verhindern können, dass Lazarus starb?« 38 Von diesen Worten war Jesus erneut tief bewegt. Er trat an das Grab; es war eine Höhle, die man mit einem großen Stein verschlossen hatte. 39 »Schafft den Stein weg!«, befahl Jesus. Aber Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte: »Herr, der Geruch wird unerträglich sein! Er ist doch schon vier Tage tot!« 40 »Habe ich dir nicht gesagt«, entgegnete ihr Jesus, »du wirst die Macht und Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur glaubst?« 41 Sie schoben den Stein weg. Jesus sah zum Himmel auf und betete: »Vater, ich danke dir, dass du mein Gebet erhört hast! 42 Ich weiß, dass du mich immer erhörst, aber ich sage es wegen der vielen Menschen, die hier stehen. Sie sollen alles miterleben und glauben, dass du mich gesandt hast.«
43 Dann rief er laut: »Lazarus, komm heraus!« 44 Und Lazarus kam heraus. Hände und Füße waren mit Grabtüchern umwickelt, und auch sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. »Nehmt ihm die Tücher ab«, forderte Jesus die Leute auf, »und lasst ihn gehen!«
Liebe Gemeinde!
Die Nachricht lautet: „Dein bester Freund ist krank! Komm schnell!“ Wer von uns würde da nicht gleich aufspringen, wenn so eine Nachricht von einer lieben Freundin am Handydisplay auftaucht? Rasch die Sachen packen und schauen, wie man helfen kann. Jesus tut nichts dergleichen. Er lässt sich einige Tage Zeit, bevor er sich aufmacht nach ihm zu sehen. Eigentlich nicht nachvollziehbar.
Aber wie lange lassen wir uns denn manchmal Zeit bis wir jemanden anrufen, von dem wir wissen, dass ein geliebter Freund oder eine Freundin oder der Bruder oder die Mutter gestorben ist? Was sagt man, um nicht respektlos zu wirken? Wie fängt man so eine Begegnung an?
Nach vier langen Tagen kommt Jesus dann mit seinen Jüngern in Betanien endlich an. Und eine der Schwestern Marta ist es, die sich bei einem früheren Besuch von Jesus bei ihnen so pflichtbewusst in der Küche abgeschuftet hatte, um ihrem Rabbi ein Essen zu bereiten. Währenddessen hatte ihre Schwester Maria bei Jesus gesessen und hatte seinen Worten gelauscht. Und wie hatte Jesus auf diese Ungerechtigkeit reagiert? „Marta, ach Marta, Maria macht`s richtig. Komm setz dich her.“ Und jetzt mitten in der Zeit der Trauer des Schwesternpaares, ihr Bruder Eleazar – latinisiert Lazarus – war schon vier Tage tot, kommt Jesus endlich wieder in Betanien an. Was hat ihn aufgehalten? Sie hatten ihm ja vor mehr als einer Woche bereits einen Boten geschickt. Marta stapft auf Jesus zu und sagt zu ihm: „Herr, wärst du hier gewesen, würde mein Bruder noch leben.“ Hat Marta es vorwurfsvoll gesagt oder einfach nur mit unendlicher Traurigkeit in ihrer Stimme? „Ich weiß, dass GOTT dir alles geben wird, worum du ihn bittest.“ Du hättest ihn heilen können, wenn du rechtzeitig da gewesen wärst und GOTT gebeten hättest. Aber du hast es nicht getan. „Dein Bruder wird auferstehen!“
Liebe Gemeinde! Wer kennt das nicht? Das Gefühl, jemand ganz wichtiger ist einfach zu spät aufgetaucht. Wenn Gott da gewesen wäre, wäre es nicht passiert. Kann Gott im Stau stehen? Oder will Gott etwas nicht sehen? Wir beten, wir hoffen, und am Ende steht das Grab. Auch bei der Geschichte des Mannes namens Jeschua Ben Joschua aus Nazareth. An seinem Lebensende wird er vom Kreuz vorsichtig runtergenommen und in Grabtücher eingewickelt. Und seine Verwandten und engsten Freunde und Freundinnen begleiten seinen Leichnam in seine Grabhöhle. Zur Sicherung vor wilden Tieren und Grabräubern rollt man einen schweren Stein vor die Öffnung. Und wie bei Lazarus, Eleazar, geht die Trauergemeinschaft in ein Haus um zu essen und zu trinken, weil davor wird allen wenig dazu zumute gewesen sein. Und sie reden über ihre Erlebnisse mit Eleazar, bauen sich auf, weinen und nehmen sich gegenseitig in die Arme.
Ostern beginnt nicht mit einem Halleluja, sondern mit Tränen um einen geliebten Verstorbenen. Auch Jesus weint davor öfters. Er ist kein gefühlskalter Gottessohn. Er sieht den Schmerz von seinen Freundinnen Martha und Maria, die um ihren Bruder Eleazar trauern. Er ist tief bewegt und erschüttert, wie man es ist, wenn ein geliebter Freund oder eine Freundin stirbt. Es kommen ihm die Tränen.
Das ist einer der roten Fäden des Johannesevangeliums: Gott wird Mensch. Und Jesus fühlt, wie wir fühlen, spürt Schmerzen, wie wir sie empfinden, bricht in tiefer Traurigkeit und Ohnmacht zu Boden, wie es uns geschehen kann, wenn alles einfach zu viel wird.
Johannes erzählt uns von sieben „Zeichen“, Handlungen die Jesus ausführt. Und bei jeder einzelnen Handlung zeigt sich seine Besonderheit ein bisschen mehr. Es sind keine Zaubertricks, nicht bloß Wunder zum Bestaunen, sondern sie gelten für uns als Wegweiser. Das Zeichen weist wie ein Schild, wie ein Merkmal auf etwas dahinter hin. Da können wir anfangen zu grübeln und zu suchen und zu forschen. Bis heute. Am Beginn seines öffentlichen Auftretens feiert Jesus mit seiner Mutter und seinen ersten Jüngern bei einer Hochzeit in Kana das Leben und die Liebe. Er verhilft dem Bräutigam dazu sein Gesicht zu wahren, wenn er Wasser in Wein wandelt und so sein erstes Zeichen setzt.
Bei einem weiteren Zeichen heilt Jesus kurz darauf den todkranken Sohn eines königlichen Beamten in Kapernaum aus der Ferne und zeigt damit: Gottes Wort überwindet jede Distanz.
Am Teich Bethesda, in dem alle heiligen Zeiten ein Engel auftaucht, um das Wasser in Wallung zu bringen und dadurch den ersten Menschen heilt, der es zum Wasser schafft, dort heilt er einen Mann und zeigt allen: Selbst eine Lähmung und eine überkommene mystische Vorstellung kann mit Jesus durchbrochen werden.
Bei den 5.000 Männern und dazu Frauen und Kindern, die gekommen waren, um Jesus predigen zu hören und von ihm geheilt zu werden, bringt Jesus alle dazu, miteinander zu teilen. Selbst großer Mangel kann durch Teilen von 5 Gerstenbroten und 2 Fischen und mit Vertrauen, und wenn ich mein Ego ein wenig hintanstelle, gestillt werden.
Als eines Nachts die Jünger vor Jesus mit einem Boot fliehen wollen, kommt er ihnen auf dem See Genezareth bei heftigem Unwetter auf dem Wasser wandelnd entgegen. Er besänftigt ihre Angst und rettet ihr Leben.
Sein sechstes Zeichen wirkt Jesus in Jerusalem. Als er und seine Jünger vor den Tempeldienern fliehen müssen, die ihn steinigen wollen, läuft er einem blinden Mann namens Uriya über den Weg.
Ganz ungewöhnlich spricht er nicht über den Mann, wie seine Jünger, sondern mit dem Mann und rührt einen Brei mit seiner Spucke an und heilt sein Augenlicht. Dabei möchte er den Mitmenschen damals und uns klar zeigen: Es soll uns vorrangig nicht darum gehen, wie jemand in eine schlimme Lage geraten ist. Gott möchte, dass wir uns überlegen, wie wir vorausblickend mit dem Menschen, dem wir begegnet sind, umgehen werden. In diesem sechsten Zeichen schenkt Jesus uns neue Perspektiven. In seinem siebenten Zeichen im Evangelium nach Johannes – und nur hier wird davon erzählt – da zeigt sich, dass bei Jesus der Tod nicht das letzte Wort haben wird. Weder für ihn noch für die Menschen wird dies gelten.
Das siebente Zeichen bei Lazarus ist das spektakulärste und gefährlichste. Es ist für Jesus wie eine Generalprobe für Ostern. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Er sagt nicht: „Ich habe Informationen darüber für euch dabei.“ Er ist es. Er ist für uns die Auferstehung und das Leben. Seine Freundin Marta hat es ihm geglaubt. Ihre Schwester, so lesen wir, Maria läuft anders als Marta ganz hektisch und aufgeregt aus dem Haus, wo sie zum Trauern zusammengekommen waren. Sie läuft auf Jesus zu und schleudert ihm entgegen: „Herr, wenn du da gewesen wärst, würde mein Bruder noch leben!“ Sie gehen schließlich alle gemeinsam zum Grab von Eleazar. Marta versucht noch Jesus aufzuhalten, das Grab öffnen zu lassen. „Herr, der Geruch wird unerträglich sein! Er ist doch schon viert Tage tot!“
„Hab ich dir nicht gesagt, liebe Marta, du wirst die Macht und Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur glaubst?“ Auf den Geruch der Macht und Herrlichkeit ist er dabei nicht eingegangen. Und auf ein Wort, einen Satz von Jesus kommt Eleazar aus seinem Grab heraus. Er ist noch in die Grabtücher eingewickelt. Er lebt, aber er trägt noch die Zeichen seines Todes. Befinden wir uns nicht auch manchmal in so einem Zustand? Wir denken, dass wir an Gott glauben, aber wir schleppen die alten Ängste, die alten Wickel noch mit uns herum. Jesus sagt zu den Umstehenden: „Nehmt ihm die Tücher ab und lasst ihn gehen!“
Warum dürfen Maria und Marta ihren Bruder nicht in die Arme schließen? Müssen sie ihn wirklich zuerst aus den Tüchern auswickeln, ihn entfesseln? Eines muss man hier anmerken. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Alles an der Szenerie erscheint irgendwie chaotisch und unordentlich. Auch im Religiösen und bei Wundern oder Zeichen braucht es doch eine Ordnung. Mit einem einbalsamierten Eleazar, um den man trauern kann, können die Menschen umgehen, irgendwie umgehen. Auch werden sie ihn da und dort in Erinnerungen und Ritualen festhalten wollen. Um unserer Trauer den größten Schmerz zu nehmen, lassen wir die Verstorbenen lieber nicht ganz gehen. Da bringt Eleazar, der plötzlich wieder lebendig vor ihnen steht alles und jeden durcheinander. Wir binden uns auch im Leben schon gerne gegenseitig fest mit unseren Erwartungen: „Du bleibst schön der oder die, als den ich dich kenne.“ Wir wickeln unsere Kinder in die Tücher unserer eigenen Ängste. Wir schnüren unsere Mitmenschen ein in die Tücher ihrer alten Fehler, damit sie ja nicht anfangen, sich frei zu bewegen. Wie Marta und Maria und die anderen Trauernden pflegen wir unsere Resignation wie einen Vorgarten. „Da kann man halt nichts machen“, ist so das Leichentuch unserer Zeit. „Lösen wir die Wickel!“ Hören wir doch auf, die Menschen auf ihre Vergangenheit festzunageln. Hören wir auf, das Neue mit dem Argument „Das haben wir noch nie so gemacht“ zu ersticken. Wenn Gott einen Menschen aus dem Grab holt, aus der Dunkelheit und dem Dreck zieht, dann haben wir nicht das Recht, ihn mit unseren Vorurteilen wieder zu fesseln.
Eleazar bedeutet Hebräisch „Gott hilft“ und er kommt durch Gottes Wirken heraus. Aber er ist in Gefahr, eingewickelt, unfrei zu bleiben, weil wir ihn noch festhalten. Lassen wir doch auch den Eleazar, den Lazarus, in unserem Nächsten endlich gehen! Beenden wir die Wickel. Oder haben wir Angst vor dem Leben, das dann zum Vorschein kommen könnte? Wenn wir glauben, werden wir es sehen.
Übrigens nach diesem siebenten folgt noch das achte Zeichen. Es ist das leere Grab im Garten. Lazarus wurde auferweckt, aber er musste später doch noch einmal sterben. Er wurde zurück ins alte Leben geholt. Ostern ist das achte Zeichen – die Vollendung der Schöpfungswoche. Jesus kehrt dabei, nachdem er auch nach drei Tagen auferstanden ist, nicht in sein altes Leben zurück. Er bricht durch in eine völlig neue Dimension. Der Stein vor seiner Grabhöhle ist weg. Die Grabtücher liegen ordentlich zusammengelegt da.
Er braucht sie nicht mehr.
Er geht hindurch in ein völlig neues Leben.
Und das neue Leben steht auch uns offen.
Halleluja!
Christus ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!
AMEN