Predigttext: Johannes 20, 1-10
11Am ersten Tag der Woche kommt Maria aus Magdala frühmorgens noch in der Dunkelheit zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist. 2Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 3Da brachen Petrus und der andere Jünger auf und gingen zum Grab. 4Die beiden liefen miteinander; doch der andere Jünger lief voraus, war schneller als Petrus und kam als Erster zum Grab. 5Und als er sich vorbeugt, sieht er die Leinenbinden daliegen; er ging aber nicht hinein. 6Nun kommt auch Simon Petrus, der ihm folgt, und er ging in das Grab hinein. Er sieht die Leinenbinden daliegen 7und das Schweisstuch, das auf seinem Haupt gelegen hatte; es lag nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengerollt an einem Ort für sich. 8Darauf ging nun auch der andere Jünger, der als Erster zum Grab gekommen war, hinein; und er sah, und darum glaubte er. 9Denn noch hatten sie die Schrift, dass er von den Toten auferstehen müsse, nicht verstanden. 10Dann kehrten die Jünger wieder zu den anderen zurück.
Liebe Gemeinde,
der Glaube an die Auferstehung ist ein sehr bewegender Glaube. Über kein anderes Thema rätseln wir so viel. Mit keinem anderen theologischen Thema beschäftigen wir uns so intensiv wie mit der Auferstehung. Ein Hauch Unendlichkeit schwingt dabei mit und dazu die große und starke Hoffnung: Mit dem Tod ist nicht alles aus. Wir bleiben miteinander auch über den Tod hinaus verbunden. Nichts geht verloren.
Wir wissen zwar nicht, wie Gott das gemacht hat mit der Auferweckung Jesu. Aber das müssen wir auch gar nicht wissen. Wir sehen ja die Jünger in Jerusalem, die Frauen und dazu die vielen Menschen, die voller Hoffnung sind; die nicht verzagt nur auf sich selbst schauen, sondern hoffnungsvoll nach vorne oder gar nach oben schauen und füreinander da sind.
Die Faszination der ersten Gemeinden
Da kann man schon ins Schwärmen kommen, wie eine meiner 14-jährigen Schülergruppen im Religionsunterricht: „Diese Urgemeinde war der Hammer“ — „Wenn ich vor 2000 Jahren gelebt hätte, hätte ich mich auch sicherlich einer der ersten Gemeinden angeschlossen“ — sagten sie begeistert. „Die waren so mutig und richtig sozial, ihre Tisch- und Gütergemeinschaft war einzigartig“ — „Und die Idee der Auferstehung — richtig krass …“
Na ja — es war mehr als eine Idee, musste ich kurz widersprechen. Aber ich glaube, sie haben etwas ganz Besonderes begriffen. Der Glaube an die Auferstehung ist ja letztendlich das Fundament der neuen religiösen Bewegung geworden. Keine andere Religion hat damals über die Auferstehung gesprochen.
Auferstehung bewegt — heute noch. Nur bewegt sie leider den modernen Menschen, im Gegensatz zu den ersten Christen, nicht in die Kirche, sondern eher aus der Kirche hinaus.
Als sie das hörten, liefen Petrus und vermutlich Johannes zum Grab. Aufgeregt, angespannt, voller Hoffnung. laufen sie also zum leeren Grab. Aber zunächst wird aus der Hoffnung noch keine Freude, sondern erst einmal ein Verdacht: Wer hat den Leichnam gestohlen? Erst am Abend, wenn sie wieder miteinander Tischgemeinschaft feiern und das Brot brechen und den Kelch trinken, erst dann begegnen sie dem auferstandenen Herrn.
Und diese Begegnungen bewegten und bewegen heute noch die Jünger und Jüngerinnen Jesu zueinander und nicht zuletzt zur Welt hin. Das leidvolle menschliche Leben wurde dadurch wieder mit Sinn, Kraft, Mut erfüllt. Und mit der Bereitschaft zur Gemeinschaft mit den anderen, mit der Bereitschaft, den Weg des Friedens zu suchen und diese Suche trotz allem nicht und niemals aufzugeben.
Wie können wir die Auferstehung verstehen?
Und gerade an diesem Punkt beginnt vielleicht auch unsere heutige Frage. Nicht unbedingt: Ob Auferstehung wichtig ist. Sondern eher: Wie wir sie verstehen.
Denn nicht die Auferstehung selbst ist problematisch, sondern die Art, wie sie verstanden wird.
Der reformierte Theologe Reinhold Bernhardt hat in einem Interview sehr zeitgemäß beschrieben, was der Auferstehungsglaube heute noch bedeutet. Einige seiner Gedanken möchte ich hier aufnehmen.
Wie kann man sich die Auferstehung Christi vorstellen? Vielleicht sollte man sie sich gar nicht so genau vorstellen. Ansonsten materialisiert man sie und nimmt ihr das Geheimnishafte. Wenn man sie als mirakulöses Ereignis versteht, in dem Gott Leichname wiederbelebt, dann ist es nicht verwunderlich, dass der moderne Mensch damit schwer etwas anfangen kann.
Jesus ist nicht in sein Leben zurückgekehrt, so wie es von Lazarus erzählt wird. Nach Paulus ist die Auferstehung ein Weg nach vorne in ein Leben in der Gegenwart Gottes. Paulus spricht nicht von einer körperlichen Auferstehung, sondern von der Auferstehung in einem Geistleib, ohne das genauer zu beschreiben.
Die Bibel spricht von der Auferstehung in einem viel tieferen Sinn. Dass der moderne Mensch damit Schwierigkeiten hat, zeigt eher, wie unsere westliche oder moderne Kultur geprägt ist. In Zentralafrika fällt es den Menschen leichter zu glauben, dass uns die Todesgrenze nicht von Gott trennt, denn diese Grenze wird dort nicht so scharf gezogen wie bei uns. Die Verstorbenen leben in einer anderen Sphäre der Wirklichkeit.
Was ist die Auferstehung? Die Auferstehung ist Eintritt in eine größere Realität. Diesen Glauben kann man nicht erzwingen — und man sollte es auch nicht. Die Auferstehung ist zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens. Paulus hat gesagt: Mit dem Glauben an die Auferstehung Christi steht und fällt der christliche Glaube.
Ja, denn Auferstehung hat mindestens so viel mit den Jüngern aller Zeiten zu tun wie mit Jesus selbst. Sie ist eine Erfahrung, die auch heutige Christen machen: Auferstehung bedeutet, dass aus dem Tod neues Leben, aus Verzweiflung neue Hoffnung und aus Hass neue Liebe entstehen kann, so wie Gott selbst „aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will“, wie Bonhoeffer einmal gesagt hat. Diese Realität können wir auch gegenwärtig erfahren.
Vielen Menschen ist die Frage wichtig, wie man im Angesicht des Todes lebt. Nach Paulus ist Jesus der Erstgeborene der Toten. Er geht voraus auf dem Weg in die Gegenwart Gottes. Ich muss diesen Weg nicht selbst bahnen. Darin liegt eine große Hoffnung.
Ein Stückerl Himmel offenlassen
Und genau diese Hoffnung, liebe Gemeinde, ist es, die unser Leben trägt. Vielleicht nicht immer laut. Vielleicht nicht immer triumphierend. Aber doch still, tief und verlässlich. Der Osterglaube ist für uns Christinnen und Christen wie ein Stückerl Himmel, das über unserem Leben frei bleibt.
Vielleicht kennen einige von Ihnen den Satz, beziehungsweise das Buch von Marcel Proust: „Halten Sie stets ein Stückchen Himmel frei über Ihrem Leben.“
Er war ein französischer Schriftsteller und ist 1922 gestorben. Berühmt ist er wegen seiner sieben Bücher mit dem Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erzählt wird über ihn, dass er oft schwermütig war und dann im Bett lag, Besuch bekam, Tee trank und mit seinen Gästen Kuchen aß. Wenn er aber allein war und bei Kräften, schrieb er an seinen Büchern. Gleich im ersten Band steht dieser wunderschöne Satz: „Halten Sie stets ein Stückchen Himmel frei über Ihrem Leben.“
Das ist ein kraftvoller Gedanke. Als sei irgendwo in meinem Kopf oder in meiner Seele immer ein kleines Fenster offen: Halten Sie stets ein Stückerl Himmel frei über Ihrem Leben.
Denn ich kann nicht alles wissen oder immer fest glauben. Niemand weiß in allem Bescheid und tut nur das Gute und Richtige. Kein Mensch hat immer die Liebe, die nötig ist. Oft sind wir nicht weise genug für die Welt — und auch nicht für die vielen Sorgen, die um uns sind oder die wir selber haben.
Da ist es klug, wenn ein Fenster offen bleibt Richtung Himmel. Es gibt ja noch mehr als mein Leben, mehr als diesen Tag und seine Sorgen. Es gibt ja auch noch die Hoffnung, dass der Himmel mich behütet, vielleicht sogar einmal eingreift zum Guten. Vor allem aber gibt es die Hoffnung, dass ich mit mir und meinen Sorgen nicht alleine bin.
Ostern bewegt
Vielleicht ist das ja das Bewegende am Osterglauben: dass auch die Jünger ein Stückerl Himmel offen gehalten haben über ihrem Leben. Nach dem grausamen Tod Jesu hätten sie sich verschließen können, in ihrer Angst bleiben können, in ihrer Enttäuschung und Trauer. Aber sie ließen sich ansprechen vom Auferstandenen. Und gerade dadurch kamen sie wieder in Bewegung: für ihn, für seine Lehre, für den Glauben an die Auferstehung und füreinander. So wurde aus Angst neue Kraft, aus Trauer neue Hoffnung und aus dem Ende ein neuer Anfang.
Darum ist der Osterglaube bis heute ein bewegender Glaube: weil er Menschen aufrichtet, weil er Herzen öffnet und weil er uns immer wieder neu in Bewegung setzt.
Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Amen
Ø Quelle zum Interview: https://reformiert.info/de/recherche/wie-halten-sie-es-mit-der-auferstehung-16796.html
Ø Gedanken zum Thema „Ein Stück Himmel“ entnommen:
Michsel Becker. Werksatt Liturgie und Predigt. S. 76. April 2025