Karfreitag als Protest gegen alles Leid von Pfarrerin Réka Juhász

Was sollen wir noch mehr sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann sich dann noch gegen uns stellen? Er hat ja seinen eigenen Sohn nicht verschont. Vielmehr hat er ihn für uns alle in den Tod gegeben. Wenn er uns aber seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns dann nicht auch alles andere schenken? Doch aus alldem gehen wir als strahlende Sieger hervor. Das haben wir dem zu verdanken, der uns so sehr geliebt hat. Ich bin zutiefst überzeugt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – nicht der Tod und auch nicht das Leben, keine Engel und keine weltlichen Mächte, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges und auch keine andere gottfeindliche Kraft. Nichts Über- oder Unterirdisches und auch nicht irgendetwas anderes, das Gott geschaffen hat – nichts von alledem kann uns von der Liebe Gottes trennen. In Christus Jesus, unserem Herrn, hat Gott uns diese Liebe geschenkt.“ 

Römer 8, 31.32.37-39.  

Liebe Gemeinde, 

am Karfreitag tauchen wir in das Leid Jesu hinein. Wir erinnern uns an seinen grausamen Tod und fragen nach dem Sinn dieses Geschehens. 

Doch wir tun das nicht, um uns in diesen tiefen Abgrund des Lebens hineinziehen zu lassen. Wir wollen nicht in Jesu Leiden und Schmerz verharren. Wir schauen auf all das im Licht des Glaubens: nicht, um zu erschrecken, sondern um gerade an diesem tiefsten Punkt des Lebens Jesu nach der Kraft zu fragen, die ihn bis ans Kreuz getragen hat. 

Denn dazu sind wir an diesem Trauertag Jahr für Jahr eingeladen: zu fragen, was unser eigenes Leben trägt und hält. Was gibt mir Halt? Wie kann ich gerade am tiefsten Punkt meines Lebens Gottes tragende und kraftvolle Begleitung erfahren? 

Unsere Suche nach Antworten beginnen wir mit dem Römerbrief. Kraftvoll erklingt aus dem Brief des Paulus die Botschaft des heutigen Karfreitags: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ 

Das heißt: Karfreitag ist nicht der Beweis dafür, dass Gott im Leid fern ist. Karfreitag ist der radikale Ausdruck dafür, dass Gott für uns da ist. Er bleibt nicht Zuschauer des Leids, sondern stellt sich an die Seite der Menschen, die leiden, die an ihre Grenzen kommen und dem Tod ausgeliefert sind. 

Somit ist das Kreuz Jesu ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben. 

Wo also sollen wir die Suche nach Kraft und Sinn mitten in Leid und Schmerz beginnen? Wie dürfen wir uns diesem schweren Thema nähern? Mit Anteilnahme und zugleich mit einem gewissen Abstand? Oder sollten wir das Geschehen am Kreuz durch unsere eigenen Leiderfahrungen hindurch betrachten? 

In der heutigen Predigt möchte ich mit Ihnen gemeinsam beides versuchen: den Tod Jesu sowohl aus dem eigenen persönlichen Blickwinkel als auch im Blickwinkel des Glaubens betrachten. 

Lassen Sie uns zunächst mit unserem eigenen Blickwinkel beginnen. Aus dem Blickwinkel des eigenen Kreuzes, das jede und jeder von uns auf eigene Art und Weise zu tragen hat: 

I. „Um Trost war mir sehr bange“ … 

Das Leid gehört zu unserem Leben. Traurig sein, Sterben aushalten, Abschied nehmen müssen – das alles begegnet uns nicht nur am Kreuz von Golgatha, sondern mitten in unserem Alltag. Da erinnere ich mich an eine Frau, die ihren alt gewordenen Vater pflegt. Da denke ich an den Mann, der nach langer Ehe seine Frau zur letzten Ruhe begleitet. Dabei denke ich an eine geflüchtete Familie in Wien, die aus der Ferne mit ansehen muss, wie ihre geliebte Heimat zum Schauplatz von Krieg und Zerstörung wird. Und dann erinnere ich mich an meine letzten Besuche im Senior*innenheim, an die Menschen, die verzweifelt nach Sinn und letztem Halt im Leben suchen. Die Reihe der eigenen Kreuzwege in der Familie oder im eigenen Leben können wir hier lange auflisten: Situationen, in denen wir mit den Worten des Psalmisten klagen: „Um Trost war mir sehr bange“ … 

Menschen, die an Gott glauben, bleiben vom Leid auch nicht verschont. Das verspricht uns Jesus nicht. Wer glaubt, dem wird das Leben nicht sofort leicht. Aber eine andere Zusage spricht aus der Bibel: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Nicht der Tod, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges. Keine Macht der Welt und keine Tiefe der Angst. Das ist die große Gewissheit dieses Tages: Mitten im Leiden lässt Gott uns nicht los. 

Davon spricht der Karfreitag: Das Kreuz Jesu ist ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben. 

Ich denke, daraus können wir immer wieder Kraft gewinnen. So können wir neu hoffen lernen, auch in Krisenzeiten. So können wir Mut gewinnen durch den, der am Ende durch seinen Tod das Böse und den Tod besiegt hat. 

Und der Römerbrief gibt diesem Protest seinen tiefsten Grund: Gott ist mit uns, Gott ist für uns. Darum können die Mächte, die das Leben bedrohen, nicht mehr endgültig über uns verfügen. Sie sind real. Sie verletzen. Sie zerstören. Aber sie haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört der Liebe Gottes. 

II. Wer ist dieser Gekreuzigte, auf den wir schauen? 

Aber damit ist noch nicht alles gesagt. 

Denn wenn wir so von Trost, Hoffnung und Gottes Nähe sprechen, dann müssen wir noch weiter fragen: Wer ist dieser Gekreuzigte, auf den wir schauen? Und was ist am Kreuz eigentlich geschehen? 

Denn Karfreitag ist nicht nur eine Hilfe zur Bewältigung unseres eigenen Leides. Karfreitag führt uns zu einem geheimnisvollen Weg Gottes mit uns und für uns Menschen. 

Darum lohnt es sich, bei einem alten Bild des Glaubens zu bleiben: Jesus als Lamm Gottes. 

Die ersten Christen deuteten seinen Tod als Sühneopfer. Sie nannten ihn das Lamm Gottes. Für die ersten Christen und über viele Jahrhunderte der Kirche hinweg war diese Deutung verständlich und tragfähig. Aber heute stellen viele Menschen die Frage anders. Vielleicht so: Wofür gab Jesus sein Leben hin? Für welche Wahrheit, für welche Haltung war er bereit, sogar den Tod auf sich zu nehmen? 

Die Evangelien erzählen von seinen Worten, seinen Taten und seiner Haltung – und auch davon, dass er gerade deshalb verurteilt wurde. Jesus vertrat eine Sicht auf das Leben, die zugleich revolutionär und kritisch war. 

Es begann mit seiner Kritik an den sozialen Verhältnissen. Er scheute sich nicht, Kranken und sozial Benachteiligten am Rand der Gesellschaft zu begegnen. Damit forderte er Menschenwürde für jeden Menschen ein. 

Dann folgten seine Kritik am religiösen System, seine Reformimpulse und nicht zuletzt seine Infragestellung eines verengten Gottesbildes. „In wessen Auftrag redest du, handelst du und forderst Veränderung?“ – so fragten ihn schon damals die Pharisäer und seine Zeitgenossen. 

Schon früh sahen seine Anhänger in ihm nicht nur einen besonderen Menschen. Der Mut und die Kraft, mit denen er redete, heilte, lehrte und lebte, waren mehr als das, was man gewöhnlich von einem Menschen erwartet. So wuchs die Einsicht: In ihm zeigt sich Gott in besonderer Weise. Ja, in ihm ist Gott Mensch geworden. In Jesus zeigt und offenbart Gott den Menschen seinen Weg. 

Und wenn es Gott selbst war, der sich für Menschenwürde, Wahrheit, Freiheit und Erneuerung einsetzte und dafür sogar den Tod in Kauf nahm, dann sind diese Dinge nicht nebensächlich. Dann sind sie lebenswichtig. Dann waren Jesu Worte nicht nur schöne Sätze, sondern Wahrheit. Und sein Handeln wurde zum Maßstab für die Gottesgläubigen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ 

III. Karfreitag will uns aufrütteln 

Liebe Gemeinde, 

wir denken heute nicht nur an den Tod eines jüdischen Reformers vor 2000 Jahren. Wir denken an das, was Gott in Christus für uns getan hat. Paulus fragt: 

„Wenn Gott uns seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns mit ihm nicht alles schenken?“ 

Das heißt: nicht Entzug, sondern Hingabe; nicht Gottes Abwesenheit, sondern seine unbegreifliche Nähe. 

Darum fordert Gott von uns zuerst nicht Leistung, sondern Vertrauen. Vertrauen auf ihn, auf seinen lebensschaffenden Geist. Und daraus wächst dann die Bewahrung dessen, was menschliches Leben ausmacht: Würde, Freiheit, Dankbarkeit und Frieden. 

Karfreitag ist darum auch eine Einladung zum Widerspruch gegen alles, was das Leben zerstört: eine Einladung, einzustehen für den Wert des Lebens, für die Würde jedes einzelnen Menschen, für den Glauben und für den Frieden. Und das nun schon seit beinahe 2000 Jahren. 

Karfreitag will uns aufrütteln. Es ist keine Nichtigkeit, wofür Christus getötet wurde. Es ist keine Nichtigkeit, wenn Menschen am christlichen Glauben festhalten. Es ist keine Nichtigkeit, was Menschen hier, in der Reformierten Stadtkirche, aber auch im Rahmen der weltweit verbundenen christlichen Kirchen bis heute zusammenbringt. 

IV. Die Maßstäbe der Welt 

Zugleich zeigt Karfreitag, wie schwer es ist, auf dem Weg Gottes zu bleiben. Die Werte, die Jesus vorgelebt hat, sind immer wieder bedroht und werden unterdrückt, weil sie oft den Maßstäben dieser Welt widersprechen, den Maßstäben menschlicher Ordnungen und Interessen. Die Bibel nennt das Sünde: dass der Mensch nicht beständig fähig ist, in Würde, in Frieden und in der Kraft der Versöhnung zu leben. 

Karfreitag sagt darum: Der Protest Jesu und sein Tod waren nicht umsonst. Gott will, dass wir dem Leben dienen und nicht den zerstörerischen Mächten dieser Welt. Im Tod Jesu am Kreuz zeigt er uns, dass diese Wahrheit nicht aufgegeben werden darf. Im Leiden Christi zeigt sich, dass weder Leid noch Tod größer sind als Gottes Macht und Gottes Liebe. 

Und wir wissen: Die Geschichte geht weiter. Seine Wahrheit kann kein Mensch und keine Macht auslöschen. Denn Gott, der seinen Sohn nicht verschont hat, wird auch sein letztes Wort nicht dem Tod überlassen. 

So bleibt Karfreitag ein Protest gegen alles Leid und gegen den Tod. Denn weder Leid noch Tod haben das letzte Wort über das Leben. 

Und noch tiefer: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. 

Amen.