Johannes 9, 1-16 „augenlos durch die Dunkelheit“ von Pfarrer Harald Kluge youtube

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. »Rabbi«, fragten die Jünger, »wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?« 

»Weder noch«, antwortete Jesus. »Vielmehr soll an ihm die Macht Gottes sichtbar werden. 

Solange es Tag ist, müssen wir die Taten Gottes vollbringen, der mich gesandt hat. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 

Doch solange ich in der Welt bin, werde ich für die Menschen das Licht sein.« Dann spuckte er auf die Erde, rührte mit dem Speichel einen Brei an und strich ihn auf die Augen des Blinden. Dann forderte er ihn auf:

»Geh jetzt zum Teich Siloah und wasch dich dort.« Siloah heißt übersetzt: »der Gesandte«.

Der Blinde ging hin, wusch sich, und als er zurückkam, konnte er sehen. Seine Nachbarn und andere Leute, die ihn als blinden Bettler kannten, fragten erstaunt:

»Ist das nicht der Mann, der immer an der Straße saß und bettelte?« Einige meinten: »Er ist es.« Aber andere konnten es einfach nicht glauben und behaupteten: »Das ist unmöglich! Er sieht ihm nur sehr ähnlich.«

»Doch, ich bin es«, bestätigte der Mann selbst. Da fragten sie ihn: »Wie kommt es, dass du plötzlich sehen kannst?« 

Er berichtete: »Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen. Dann schickte er mich zum Teich Siloah. Dort sollte ich den Brei abwaschen. Das habe ich getan, und jetzt kann ich sehen!« »Wo ist denn dieser Jesus?«, fragten sie weiter.

»Das weiß ich nicht«, gab er ihnen zur Antwort. 

Liebe Gemeinde!

Schließen Sie einmal kurz die Augen- Und lassen Sie diesen Eindruck auf ihrer Netzhaut nachwirken. Jetzt stellen wir uns für einen Moment vor, wir würden nachher die Augen öffnen und es gäbe für uns kein Blau. Kein Grün. Kein blendendes Gelb der Morgensonne. Für den Mann in unserem heutigen Evangelium ist die Welt nicht bunt, sie ist ein Geflecht aus Geräuschen, Gerüchen und Berührungen. Er sieht die Welt mit anderen Augen und Sinnen.

Seit dem ersten Tag seines Lebens ist seine Welt: dunkel, nicht düster, aber er nimmt alles anders wahr.

Er sitzt am Straßenrand, Tag für Tag. Er hört das Schleifen von Sandalen auf dem Pflaster, das ferne Rufen der Händler, das Klimpern der Münzen, die in seine Schale fallen. Er ist ein Experte der Schatten.

Er weiß genau, wie sich die Hitze der Mittagssonne auf der Haut anfühlt, ohne jemals den Feuerball am Himmel gesehen zu haben.

Die Menschen um ihn herum diskutieren über ihn, als wäre er nicht da. Sie rätseln über seine Schuld, über die Sünden seiner Eltern, als wäre seine Blindheit ein schreckliches Siegel von Gott auf die Augen gedrückt. Er ist auch zum „Objekt“ einer religiösen Debatte geworden.

Doch dann tritt jemand aus der Menge der Schritte hervor. Jemand, der nicht über ihn spricht, sondern zu ihm. Er spürt die Kühle von feuchter Erde auf seinen Augenlidern. Er hört die Aufforderung: „Geh hin zum Teich Siloah und wasche dich.“

Er tastet sich voran, das Wasser ist kalt an seinen Händen, er wäscht sich das Gesicht und plötzlich passiert das Unvorstellbare: Das Schwarz bricht auf.

Konturen schneiden in die Dunkelheit.

In seinem Kopf explodieren die Farben. Zum ersten Mal sieht er nicht nur das Licht. Er sieht die Welt. Und noch viel wichtiger: Er begreift, dass er von Gott nicht vergessen, sondern gefunden wurde.

Wir begleiten heute einen Mann auf seinem Weg aus dem staubigen Schatten hinein ins Licht, das mehr ist als nur Helligkeit. Wir fragen uns: Was sehen wir eigentlich, wenn wir glauben?“

Jesus befindet sich da gerade in Jerusalem. Er selbst hätte ja nicht in die Stadt hingehen wollen. Aber seine Jünger, Simon, Andreas, Jakobus, Johannes und die anderen waren trotzdem zu Sukkot, dem siebentägigen  Laubhüttenfest, in die große Stadt Jerusalem gereist. Jesus war ihnen, wenn auch widerwillig, gefolgt.

Und Jesus kann es dann auch nicht lassen, sich im Tempel in Jerusalem umzuschauen, den Gruppen von Gelehrten zuzuhören.

So fängt er an, dort mit den Gelehrten zu diskutieren und schließlich einige Tage hintereinander zu predigen und seine Ansichten zum Glauben und der jüdischen Religion offen zu äußern.

Seine reformerischen Aussagen sind aber für einige dann doch zu steil und provokant.

Als die Priester und Gelehrten Jesus dann erkennen, wollen sie ihn festhalten und heben schon die Steine auf, um ihn dort auf der Stelle niederzustrecken.

Aber Jesus kann sich verstecken und flieht. Auf seiner Flucht aus dem Tempelgelände vor den wütenden mordlustigen Gelehrten und Geistlichen treffen er und seine Jünger nun auf einen blinden Mann, der ihr und unser aller Verständnis verändern wird.

Wir nennen ihn heute einmal einfach den blinden Mann Uriya. Ein typischer hebräischer Name. Er bedeutet „Gott ist mein Licht.“

Woran erkennt Jesus eigentlich, dass Uriya von Geburt an blind ist und nicht durch eine Krankheit oder einen Unfall blind geworden ist?

Angeblich sei das, so hab ich gelesen, an der Körperhaltung festzustellen, die öfters zu stereotypen Bewegungen wie Schaukeln oder Drehen des Oberkörpers tendiert.

Und es zeigt sich an der visuellen Neugier, dass Uriya sich nicht nachdem, was er sehen könnte, sondern hauptsächlich nach Gehör und Tastsinn orientiert.

Jesus bremst sich bei diesem Mann ein trotz der möglichen Gefahren durch die Verfolgenden.

Er geht zu Uriya. Und was tun die Umstehenden, sogar die Jünger Jesu? Sie stellen die einzige Frage, die ihnen durch den Kopf geistert:

»Rabbi, wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?«

Jesus hat es gleich erkannt. Uriya war von Geburt an blind, also kann er ja schwerlich Sünde auf sich geladen haben.

Die Jünger sind nie so aufmerksam und verhalten sich ein wenig begriffsstutzig wie Doktor Watson bei Sherlock Holmes. Und Jesus muss und kann es Watson, seinen Jüngern und uns erklären.

„Weder noch!“ „Weder er noch seine Eltern haben da irgendeine Schuld.“

Wir Menschen suchen oft krampfhaft nach Kausalitäten, fragen nach der Ursache und Wirkung, Henne und Ei.

Wenn mir was misslingt, frag ich mich: „Warum?“

Wenn ich krank werde, frag ich mich: „Warum?“

Wenn jemand aus der Kirche austritt, frag ich mich: „Warum? Was war der Grund? Hab ich was falsch gemacht?“

Wenn sich ein Liebespaar trennt, weil es nur mehr ein Paar aber ohne Liebe füreinander ist, in dem man sich nicht mehr liebevoll begegnet und keine Zärtlichkeit mehr an der Tagesordnung steht, suchen wir ebenso nach Erklärungen. „Wer hat Schuld?“

Und wir fragen uns das bei Krankheiten oder Unfällen. Wir fragen uns das bei Notlagen, wie wenn wer im Krieg aufwacht oder jemand in die Armutsfalle abrutscht.

Wer hat Schuld? Er oder sie selbst? Die Mitmenschen? Die Eltern? Gott?

Ich denke ja auch, wenn ich das Leid erklären kann, könnte ich es vielleicht auch kontrollieren. Und wenn ich den Grund für das Elend eines Menschen herausgefunden hab, kann ich irgendwem oder irgendeinem System die Schuld geben.

Aber diese Ansicht ist grundfalsch.

Da irren wir uns gewaltig.

Und weil wir nichts erklären können, werden wir leicht aggressiv und unleidig.

Und wir sind da wie die Jünger und sehen nur einen blinden Uriya und erklären es theologisch oder medizinisch oder gesellschaftlich.

Vielleicht lag es an der falschen Ernährung, den Chromosomen seiner Eltern, daran dass seine Urahnen Hexen oder Zauberer gewesen sind oder bei den Kreuzfahrern oder ökologisch gedacht Kreuzfahrten mitgereist sind.

Aber wir sehen nicht Uriya in seiner Not.

Obwohl es wird gar nicht gesagt, das Uriya sich mit seiner Blindheit so elendig fühlt.

Seine Eltern haben volles Vertrauen zu ihrem Sohn Uriya. Sie werden den Schriftgelehrten sagen, als die sie zu ihrem Sohn befragen wollen, fragt doch unseren Sohn, der ist erwachsen genug und kann euch selbst antworten.

Jesus bricht dieses Denkmuster von Schuld und Strafe radikal auf. Seine Antwort lautet:

»Es hat weder dieser blinde Mann gesündigt noch seine Eltern. Sondern, damit die Werke Gottes offenbar werden, müssen wir die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist.«

Jesus sagt damit nicht, dass Gott Krankheiten schickt, um sich später als Heiler zu profilieren.

Er sagt: Hört auf, in die Vergangenheit zu starren und nach Schuldigen zu suchen! Schaut nach vorne!

Die Frage ist nicht:

„Woher kommt das?“, sondern:

„Wozu führt es? Was macht Gott jetzt daraus? Was macht ihr daraus?“

Gott ist für unser Elend nicht blind. Gott verschließt die Augen nicht vor der Dunkelheit, in der dieser Mann lebt.

Obwohl seine Dunkelheit nicht so schlimm gewertet wird, wie die Blindheit, das nicht sehen wollen oder nicht sehen können von uns Menschen. Wenn wir wie die berühmten Affen Schlimmes, nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen können oder wollen.

So gesehen heilt Jesus hier Uriya zwar von seiner angeborenen Blindheit.

Aber Jesus heilt mit Gottes Wort gleichzeitig unsere Verschlossenheit. Zumindest will Jesus sie heilen. Den Brei dazu hat er uns bereits auf die Augen gedrückt. Aber ob wir zum Teich gehen und uns waschen, ist noch unsere Entscheidung.

Die Heilung selbst ist im Johannesevangelium seltsam „irdisch“.  Jesus spuckt auf die Erde, macht einen Brei daraus und streicht ihn Uriya auf die Augen.

Ein wenig erinnert es an die Schöpfungs-geschichte.

Als Gott uns Menschen aus dem Staub der Erde formt. Jesus vollzieht hier eine Neuschöpfung.

Er berührt den Schmutz des Lebens, um Licht hineinzubringen. Aber der noch blinde Uriya muss dann zusätzlich selbst aktiv werden. Er soll sich im Teich Siloah waschen.

Doch die Geschichte nimmt eine tragische Wendung. Sobald Uriya sehen kann, beginnt sein Verhör durch die Pharisäer.

Anstatt sich über das Wunder zu freuen, verbeißen sie sich in Paragrafen:

„Dieser Jesus ist nicht von Gott gesandt, weil er den Sabbat nicht hält.“

Hier zeigt sich die wahre Blindheit. Die religiösen Führer haben gesunde Augen, aber ihre Herzen sind hart, verstockt und sie sind Moralisten.

Sie sehen das Licht der Welt direkt vor sich stehen. Und sie erkennen es nicht, weil es nicht in ihr theologisches System passt.

Das ist die Warnung an uns:

Wir können noch so „sehend“ sein, noch so gebildet und glauben moralisch gefestigt zu sein, wenn wir die Not des Nächsten nicht mehr wahrnehmen und sehen und Gottes Wirken nur noch an unseren eigenen Regeln messen, dann sind wir es, die im Dunkeln tappen.

Und die Geschichte zeigt wie das gesamte Karfreitagsgeschehen auch:

Gott ist nicht blind.

Wenn wir glauben,

  • dass Gott nicht hört, wenn Menschen schreien und rufen,
  • dass Gott nicht sieht, wenn es Gewalt und Ausbeutung gibt,
  • dass Gott schweigt, wenn wir seine Worte am dringendsten brauchen, dann sind wir womöglich nur am falschen Ort.

Jesus hat die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Verrat durch einen engen Freund.

Die Gehässigkeit und Häme und den Spott.

Die Verhaftung und Folter.

Die Verhandlung und den Urteilspruch bis zur schrecklichen Urteilsvollstreckung am Kreuz.

Wenn Jesus eine Frau gewesen wäre, hätte sie bestimmt weitere schlimme Erfahrungen gemacht, die Frauen und Mädchen heute leider noch immer erleben. 

Gott kennt unsere Schmerzen.  

Gott ist nicht blind für unsere Sorgen, die wir vielleicht heute mit in den Gottesdienst gebracht haben.

Gott ist nicht blind für die Ungerechtigkeit in dieser Welt, die uns nicht ruhig schlafen lässt.

Aber Gott sieht anders als wir.

Gott sieht uns nicht durch die Brille von Leistung oder Schuld an.

Gott sieht uns als seine Geschöpfe, an denen er sein gutes Werk tun will.

Jesus Christus will unsere „blinden Flecken“ erhellen, wo wir neidisch sind, bitter geworden sind oder bereits resignieren.

Wir leben nicht an einem Ort der Abrechnung, sondern an einem Ort, an dem Gottes Licht jederzeit durchbrechen kann.

Und wer von ihnen auch bei einer Augenuntersuchung war und in diesen dunklen Raum und der Kopf in eine halbrunde Schüssel gesteckt wurde, kennt dieses Spiel: Sie haben einen Drücker in der Hand, und immer wenn ein Licht zur Testung des Sehfeldes auftaucht, soll man den Knopf drücken, um zu sehen, wie weitwinkelig mein Sehfeld ist.

Mit diesem sechsten Zeichen von Jesus im Johannesevangelium will Gott uns anscheinend darauf stoßen: Weite dein Sehfeld. Und immer wenn du wo ein Licht entdeckst, freu dich dran und drück die Daumen.