Pfr. Harald Kluge Youtube

Danach fuhr Jesus an das andere Ufer des Sees Genezareth, den man auch See von Tiberias nennt. Eine große Menschenmenge folgte ihm dorthin, weil sie die Wunder gesehen hatten, mit denen er Kranke heilte. Zusammen mit seinen Jüngern ging Jesus auf einen Berg, und dort setzten sie sich. Das jüdische Passahfest stand kurz bevor. Als Jesus aufblickte, sah er die vielen Menschen, die zu ihm kamen. Darauf wandte er sich an Philippus: »Wo können wir für alle diese Leute Brot kaufen?« 

Er fragte dies, um zu sehen, ob Philippus ihm vertraute; denn er wusste schon, wie er die Menschen versorgen würde. Philippus überlegte: »Wir müssten über 200 Silberstücke ausgeben, wenn wir für jeden auch nur ein wenig Brot kaufen wollten.« Da sagte ein anderer von seinen Jüngern zu Jesus – es war Andreas, der Bruder von Simon Petrus: »Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische dabei. Aber was ist das schon für so viele Menschen!« Jetzt forderte Jesus die Jünger auf: »Sagt den Leuten, dass sie sich hinsetzen sollen!« Etwa fünftausend Männer ließen sich auf dem Boden nieder, der dort von dichtem Gras bewachsen war, außerdem noch viele Frauen und Kinder. Dann nahm Jesus die fünf Gerstenbrote, dankte Gott dafür und ließ sie an die Menschen austeilen. Ebenso machte er es mit den Fischen. Jeder bekam so viel, wie er wollte. Als alle satt waren, sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Sammelt die Reste ein, damit nichts verdirbt!« Das taten sie und füllten noch zwölf Körbe mit den Resten. So viel war von den fünf Gerstenbroten übriggeblieben. Als die Leute begriffen, was für ein Wunder Jesus getan hatte, riefen sie begeistert: »Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll, so wie Mose es angekündigt hat!« Jesus merkte, dass die Leute kurz davorstanden, ihn festzuhalten und zu ihrem König auszurufen. Deshalb zog er sich wieder auf den Berg zurück, er ganz allein.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren! Amen.

Liebe Gemeinde!

Wenn ich Sie heute im Anschluss zum Mittagessen einladen möchte, was würden Sie dazu sagen? Und wenn ich Ihnen sage: Sie brauchen nichts zu bezahlen und sich keine Sorgen machen, dass ich arm davon werde. Weil ich hab für uns alle fünf Amicellis, diese leckeren Schokoröllchen mit Haselnussfüllung, und zwei butterweiche Minipinzen dabei. Und ich verspreche Ihnen, wir werden alle satt. Dazu wird mehr übrigbleiben, als wir vorher hatten. Das wird nicht nur für uns alle reichen, sondern auch noch andere mitversorgen, die es brauchen könnten. Klingt verrückt, wie diese Szene von Jesus und den 5.000 und mehr hungrigen Mäulern.

Oft greifen wir Menschen in der laufenden Geschichte ja auf vergangene gute Traditionen zurück. Und es war Tradition in der Antike in manchen Gegenden und Kulturen, dass nach einem Festmahl, wie hier von 5.000 Männern und wohl genauso viele Frauen und Kindern dazu, also 15.000 Menschen, die Reste gesammelt wurden. Diese Essensreste wurden wie heute von den lebensmittelrettenden Initiativen gesammelt und entsprechend der Bedürftigkeit verteilt. Es war damals bereits der Versuch vor 2.000 Jahren gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen vorzugehen. Diese Szene zeigt uns, dass sich mit der Bibel immer wieder eine ganz eigene Form von Mathematik ergibt. Beim Teilen ist es keine Frage der Logik und der anfangs scheinbar in geringer Menge vorhandenen Ressourcen. Wir teilen und es wird nicht nur nicht weniger, sondern es wird sogar noch mehr. Jesus erlaubt sich hier mit seinen Jüngern einen kleinen Spaß. Er fragt Philippus: »Wo können wir für alle diese Leute Brot kaufen?«

Na, was denkst du? Wir sind hier ja nicht am Anfang der Jesusgeschichte, sondern die Jünger und Anhänger von Jesus haben ihn bereits bei einigen Wunderhandlungen erlebt. So hat er bei der Hochzeit in Kana für ausreichend Weinnachschub gesorgt, als alle dachten, es sei nur noch Wasser da. Die Fernheilung des Jungen dieses einen Hauptmanns aus Kapernaum und die Heilung des Mannes am Teich von Bethesda hatten die Runde in Galiläa und Judäa gemacht. Die Menschen wollten Jesus sehen, berühren und sich anrühren lassen. Sie haben auf diesen Moment gewartet, und sie waren in Scharen gekommen. 5.000 Männer, also rund 15 bis 20 Tausend Menschen sollen sich hier versammelt haben. Das entsprach der üblichen Einwohnerzahl Jerusalems zu dieser Zeit.

Philippus merkt an, dass 200 Denare, sprich 200 Silberstücke, nicht ausreichen würde, alle zu verpflegen. Dieses riesige Megapicknick würde noch mehr Geld verschlingen. Eine Silbermünze reicht in etwa aus, eine Familie einen Tag lang zu ernähren. 200 Denare entsprechen dem Jahreseinkommen eines Arbeiters. Und wir müssen dazu sagen, dass es in der damaligen Zeit eine große Inflation gab, ähnlich wie heute und es oft schwer war, mit einer Arbeit das Auslangen zu finden. „Na, wie wollen wir das machen, wenn wir alle mit Nahrung versorgen wollen, guter Philippus?“ Jesus scheint sich fast lustig machen zu wollen. Andreas nimmt die Herausforderung jedenfalls an und sucht und findet ein wenig Verpflegung: Ein Junge hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische bei sich und zeigt sie auch her. Stellen wir uns diesen Jungen vor.

Er steht da und hört Jesus und seine Schar darüber reden, dass sie überlegen, alle zu verpflegen. Der Junge, nennen wir ihn Aaron, hört schon das Knurren der fünfzehntausend hungrigen Mägen – ein Geräusch wie heraufziehender Donner. Aaron sieht die ratlosen Gesichter der Jünger, die ihre leeren Geldbeutel vorzeigen. „Zweihundert Silberstücke reichen da nicht!“, ruft Philippus verzweifelt.

Und mitten in diesem Chaos, wo alle herumrechnen und sich nur den Mangel vor Augen führen, nimmt sich der junge Aaron ein Herz und tritt mutig vor. Er ist ganz allein zu dem Hügel gekommen, um Jesus zu sehen und tritt jetzt mitten zwischen diese Jüngerschar und präsentiert, was er bei sich hat. Vielleicht hat er zuvor gezögert. Vielleicht hat er sein Bündel fest an sich gedrückt. Wer ist er denn schon. Er soll etwas anzubieten haben, um diesen Hunger zu stillen? Aaron hat nur das übliche „Arme-Leute-Essen“ dabei. Nicht mehr als fünf flache Fladen aus Gerste, trocken, hart und ungewürzt. Und dazu hat ihm seine Mutter zwei kleine, gesalzene Fische mitgegeben. Das reicht gerade mal für ein Zwutschgerl wie ihn selbst. Und es muss der junge Aaron sein, weil er noch nicht die Banalität des Egoismus so stark ausgebildet hat, wie wir das oft im Erwachsenenalter haben. Wenn du immer alles hergibst, bleibst du übrig und bist zum Schluss ein armer Schlucker. Zeig bloß nicht, was du hast, und teile weise – also im Zweifel lieber nicht.

Solche Gedanken wie: „Na hätten die Leute halt selbst schauen sollen, dass sie genug zu essen mitbringen.“ „Wieso soll ich was von meinem wenigen hergeben.“ Wenn er es teilt, wird er selbst hungrig bleiben, und die anderen werden immer noch nicht satt sein. Logisch wäre es zu sagen: „Behalt es lieber. Dein Bisschen, die paar Bissen ändern sowieso nichts am Elend der Welt.“ Doch dann geschieht das Unerwartete. Aaron gibt die Brote und Fische ab. Er legt sein Ein und Alles in die großen, schwieligen Hände von Jesus.

„Da, du kannst sie haben. Ich glaube dir. Du wirst was daraus schaffen können, auch wenn es niemand sonst glaubt.“ Was macht Jesus? Er schickt den Jungen nicht weg. Er lacht nicht über die kümmerliche Gabe. Er nimmt sie wie einen Schatz entgegen. Und die Jünger staunen und raunen und schauen in ihre Taschen und sehen dort auch die drei Gerstenbrote und die Stücke Trockenfleisch, die Trauen, Granatäpfel. Und so wie die Jünger, Philippus, Andreas Simon, Johannes und die anderen schauen sie alle bei sich nach und sie können nicht geiziger sein als dieser Junge. Und sie wollen nicht egoistisch sein. Sie sehen nicht mehr den Mangel allein, sondern sie finden den Reichtum, den sie gemeinsam haben. Als Jesus die Brote und Fische austeilt und herumtragen lässt, als allen klar wird, hier hat der Junge Aaron sein ganzes Essen hergegeben, weil er darauf vertraut, dass es am Ende für alle reichen wird und dann eben auch für ihn, als das geschieht, verschwimmt die Grenze zwischen „Meins“ und „Deins“.

Durch dieses Zeichen bereichert Jesus alle rund um ihn mit der Erfahrung von Geben und Teilen. Anstatt alles festhalten und bewahren zu wollen, nur auf den eigenen Vorteil, das eigene Essen und Trinken zu schauen, reicht es plötzlich für alle und zeigt die Fülle, die ja bereits davor schon da aber noch unsichtbar war. Als das Brot durch die Reihen gereicht wird, verbreitet sich diese Großzügigkeit von Aaron unter allen Anwesenden. Sicherlich war da auch ein bisschen psychologischer Druck dabei, wenn alle was geben, ja wenn alle alles geben, möchte man nicht schlechter dastehen. Aus dem Jungen, der eigentlich nur ein Zuschauer sein wollte, wird der Funke für eine Kettenreaktion der Großzügigkeit. Ich stelle mir vor, wie die Menschen im Gras sitzen und sehen, dass da jemand angefangen hat zu geben. Vielleicht hat der eine oder andere doch noch einige Datteln in der Tasche gefunden, einige Stück Käse, niemand wird ohne Schlauch Wein oder Wasser gekommen sein. Und plötzlich wurde, auch dem Anlass angemessen, denn es war kurz vor dem Passahfest, aus der kargen Ration ein Festmahl, ein unvergessliches Picknick.

An diesem Tag haben sie auf die Stimmen, die wir sonst oft im Hinterkopf hören, nicht geachtet.

„Ich hab doch selbst kaum was, was soll ich da noch anderen geben.“

„Ich habe doch kaum Zeit, was soll ich mich da noch engagieren?“

„Ich habe selbst kaum genug Geld, was bringt meine kleine Spende?“

„Ich bin nur ein einzelner Mensch, was kann ich schon gegen die Ungerechtigkeit tun?“

Jesus antwortet mir durch diesen Jungen Aaron: „Bring mir mal deine fünf Brote. Bring mir mal deine zwei Fische. Daraus wird schon was. Lass dich überraschen.“ So wie damals, als sich die Leute gewundert haben und es als das vierte Zeichen erkannten, mit dem sich Jesus als GOTTES Bote, als GOTTES Sohn zu erkennen gab.

Das Wunder, von dem wir hier bei Johannes 6 lesen, ist kein Zaubertrick. Dieses Wunder, wie es die Menschen „Semion“ damals schon genannt haben, entsteht durch die völlige Hingabe allen Besitzes eines Jungen. Es zeigt mir: Wenn ich aufhöre zu horten und anfange zu vertrauen, hebt Gott die Grenzen der Erschöpfung auf. Am Ende bleiben zwölf Körbe übrig. Genug, um es den Ärmsten in der Gegend, den Kranken und Verbannten zu bringen und sie damit zu versorgen. Wenn ich, was ich hab, teile, es GOTT in die Hände lege, kann Segensreiches daraus entstehen.