Keine leeren Worte

Predigt zu Jes 55,6–13

Ulrich H.J. Körtner

Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem HERRN soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird. 

(Lutherbibel 2017)

Worte, Worte, nichts als leere Worte! Alltäglich werden wir mit Phrasen abgespeist, mit Plastikworten und Nullaussagen, zum Beispiel auf Wahlplakaten. Überhaupt der Politikersprech: Wir schauen uns das ganz genau an. Wir lassen niemanden zurück. Wir haben verstanden. Wie heißt es doch so schön: Für Worte kann man sich nichts kaufen. Leere Versprechungen kennen wir zu Hauf, mündlich wie schriftlich. Auch Papier ist geduldig.

Nun also auch noch fromme Worte am Sonntagmorgen. In einer katholischen Messe gibt es wenigstens noch etwas Sinnlichkeit, Weihrauch zum Beispiel. Der reformierte Wortgottesdienst hingegen scheint ganz auf den Hörsinn reduziert. Gut, es gibt auch den Gesang und Orgelmusik, aber auch diese beiden richten sich an unseren Hörsinn. Aber was ist mit unseren übrigen Sinnen? Überhaupt: Was vermögen Worte im Gottesdienst schon auszurichten? Und wie steht es mit Gott? Werden wir auch von ihm mit frommen oder leeren Worten abgespeist?

Nein, sagt der Prophet in unserem Predigttext. Bei Gott gibt es keine leeren Worte. Es mag sein, dass auch in der Kirche manches Stroh gedroschen wird. Aber wenn Gott selbst spricht, dann zeigen seine Worte Wirkung. Wenn er spricht, wird sein Wort nicht leer zu ihm zurückkommen. Es bewirkt etwas in der Welt und im Leben derer, die es erreicht. Unsere Erfahrung scheint dem häufig zu widersprechen. Kehrt Gottes Wort nicht doch leer zu ihm zurück, ohne irgendetwas auszurichten?

Da heißt es zum Beispiel in unserem Predigttext: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Dieser Satz wird oft als Eingangswort zu Beginn einer Trauerfeier verlesen. Und nicht selten scheint er den Angehörigen, die um ihren Verstorbenen trauern, aus dem Herzen gesprochen zu sein. Sind wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, dessen Sinn wir nicht verstehen? Wie oft stellt sich uns die Frage, wenn jemand schwer krank ist oder nach schwerem Leiden stirbt: Warum? Und wie viele Menschen machen die Erfahrung, dass sie auf diese ihre Frage keine Antwort erhalten, so dass sie am Ende resignieren und sich in ihr dunkles und rätselhaftes Schicksal glauben ergeben zu müssen. Der Prophet Jesaja scheint uns darin zu bestärken. Und nichts anderes als Ergebung und Resignation scheint übrigzubleiben, wenn Gott sich trotz unserer verzweifelten Fragen in Schweigen hüllt.

Ist Gottes Wort nicht leer und kraftlos? So fragen sich heimlich viele engagierte Gemeindeglieder, Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Pfarrer. Ist die manchmal dürftige Resonanz ihres Engagements, sind ihre Misserfolge nicht auf die Kraftlosigkeit der Glaubensbotschaft zurückzuführen, die sie doch weitergeben möchten? Wird Gottes Wort in unserer heutigen Welt nicht weithin einfach überhört? Sind andere Botschaften, Lebensauffassung und Wertvorstellungen als die christliche nicht viel mächtiger?

Gewiss doch, in der Bibel finden sich viele schöne und große Worte. Aber sind es auch mehr als bloße Worte? Nächstenliebe: schön und gut, aber im Berufsleben und im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf kommt man mit ihr nicht sehr weit. Frieden und Gerechtigkeit: Wer wäre nicht dafür? Aber mit der Bergpredigt, so denken doch viele, kann man nun mal keine Politik machen. Sonntags in die Kirche gehen: gern zu Weihnachten und zu Ostern. Aber sich Sonntag für Sonntag eine Predigt anhören – noch dazu im nüchtern reformierten Ambiente – gibt mir nicht so viel. Kann ich nicht schöne Lebensweisheiten auch woanders finden? Zum Beispiel im Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry?

Ganz ähnlich dachten die Juden im Babylonischen Exil. Waren die alten Überlieferungen ihrer Religion nicht reichlich überholt? Gottes Verheißung des gelobten Landes, der Auszug aus Ägypten, das alles lag schon lange zurück. Das Land der Verheißung schien für immer verloren. Und in Babylon hatten andere Götter das Sagen, nicht Jahwe, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Da trat unter den deportierten Juden ein neuer Prophet auf – die Bibelwissenschaftler nennen diesen unbekannten Mann heutzutage Deuterojesaja, den zweiten Jesaja. Was dieser Propheten den Leuten erzählte, klang allerdings völlig illusorisch. Er sprach von der baldigen Rückkehr nach Israel, in die Heimat. Doch wer konnte unter den gegebenen Machtverhältnissen an ein Ende der Verbannung glauben? War diese angebliche Botschaft Gottes nicht völlig weltfremd? Unter den Zuhörern herrschten erhebliche Zweifel.

Der Deuterojesaja genannte Prophet, dessen Verkündigung später Aufnahme im Jesajabuch fand, ließ sich nicht beirren. Seiner Sache ganz gewiss versuchte er, die deprimierten Juden in der Verbannung zum Glauben zu ermutigen und ihnen neue Hoffnung zu geben. Den Zweiflern und den Abgestumpften unter seinen Hörer versicherte er ein ums andere Mal, dass der Tag ihrer Befreiung kommen würde und nicht mehr fern wäre. Dies sei Gottes Versprechen, das er gewiss halten und erfüllen werde. So aberwitzig es klingen mochte: Die Juden in der Verbannung sollten sich auf die Rückkehr ins Land ihrer Väter und Mütter vorbereiten.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“: Dieses Wort ist ganz anders gemeint als wir es vorhin hörten. Nämlich gar nicht als Aufforderung, sich in sein Schicksal zu ergeben, sondern ganz im Gegenteil als Ermutigung, neue Hoffnung zu schöpfen, als Aufforderung zum Umdenken.

Sich auf die Rückkehr vorbereiten, das hieß schon jetzt sein Leben – auch in der Fremde –nach Gottes Geboten auszurichten, welche die künftige Lebensordnung im gelobten Land bestimmen sollten. Hoffen, das heißt nun eben auch: Ihr sollt euer Leben ändern. Löst euch endlich von dem niederdrückenden Gedanken, alles sei aus und vorbei! Macht euch mit dem Gedanken vertraut, dass Gott euch nicht aufgegeben hat, sondern euch aus Babylon befreien wird.

Stand nicht auch im Buch des Propheten Jeremia im 28. Kapitel: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (V. 11). Diese Hoffnung wollte auch der zweite Jesaia in den Menschen wecken. Darum sagte er: „Sucht den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.“ Nehmt ihn beim Wort! Nehmt ernst, was ich euch in seinem Auftrag gesagt habe!

Auch uns, liebe Gemeinde, will Gott aus der Babylonischen Gefangenschaft befreien: aus der Gefangenschaft unserer Mutlosigkeit, aus der Gefangenschaft unserer Hoffnungslosigkeit, aus der Gefangenschaft unserer Resignation. Die Worte des Propheten sollen auch uns dazu ermutigen, Gott beim Wort zu nehmen, auf sein Wort zu vertrauen, sich auf die biblische Botschaft, auf das Evangelium einzulassen und Gottes Wort mehr zuzutrauen als wir es oft tun.

Dass Worte sehr wohl etwas ausrichten und bewirken können, kennen wir als alltägliche Erfahrung. Worte können verletzen, aber auch heilen. Sie können Menschen klein machen und vernichten, aber auch aufrichten, trösten und Menschen den Rücken stärken. Worte können befreiend wirken. Sie können Vertrauen schaffen und uns mit Hoffnung erfüllen, zum Beispiel, wenn uns jemand ein ernst gemeintes Versprechen gibt. Mit einem Versprechen, versprechen wir uns selbst.

Das ist allerdings eine doppeldeutige Aussage. Man könnte meinen, es bedeutet, dass es jemand nicht so gemeint hat und eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte. „Tut mir leid, ich habe mich versprochen“. Aber wir kennen die Redewendung auch in einer anderen Bedeutung. Wenn man nämlich sagt, dass zwei Menschen einander versprochen sind oder sich einander versprochen haben. Ganz so hat sich uns Gott versprochen, wenn er zu jedem von und in der Taufe sagt: Ich bin Dein und Du bist mein.

Könnte die scheinbare Wirkungslosigkeit oder Bedeutungslosigkeit des Wortes Gottes, der biblischen Botschaft, nicht auch daher rühren, dass wir selbst Gottes Wort und seinem Versprechen für unser eigenes Leben zu wenig Bedeutung beimessen? Dass wir ihm zu wenig zutrauen?

„Ich glaube“, so hat Dietrich Bonhoeffer, der vor 120 Jahren am 4. Februar 1906 geboren wurde, im Gefängnis geschrieben, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. […] Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ Das hieße doch, dass wir Gottes Macht und Kraft neu erfahren, wenn wir ganz persönlich bereit sind, uns auf sein biblisch bezeugtes Wort einzulassen. Und vielleicht erfahren wir dann auch, dass Gott eben nicht der Name für eine blinde Schicksalsmacht ist, sondern dass er auch über uns Gedanken des Friedens hat und auch uns Zukunft und Hoffnung schenken will. Aufrichtig beten und verantwortlich leben und handeln könnte dann für uns heißen: Gott zu suchen, solange er zu finden ist.

Wer Erfahrungen mit Gott und seinem Wort machen will, wird freilich auch Durststrecken und Zeiten des Zweifels erleben. Dass Gottes Wort nicht wirkungslos bleibt, will bisweilen gegen den Augenschein geglaubt werden. Gott spricht eben nicht einfach ein Machtwort, so als wenn jemand mit der Faust auf den Tisch hauen würde. Er spricht ein bisweilen schwaches und leises Wort, dessen Kraft gerade in seiner Schwachheit mächtig ist.

Deutlich wird das am Leben und Sterben Jesu. Redete und handelte er nicht im Namen Gottes? Ja, war er nicht geradezu Gottes Wort in Person? Aber er wurde angefeindet und ans Kreuz geschlagen. Gottes Wort erwies sich auf Golgatha als schwach, behaftet mit der Schwäche und Ohnmacht des Menschen Jesus.

Die Jünger aber durften die Erfahrung machen, dass Gottes Wort gerade in der Schwachheit des Gekreuzigten mächtig war. Die Botschaft des zweiten Jesaja, dass Gottes Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt, sondern Wirkung zeigt und Früchte trägt, hat sich doch gerade mit Jesus erfüllt. Im Johannesevangelium findet sich der Satz: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). In diesem Satz spricht sich die Erfahrung der Jünger aus, dass Jesu Worte und die Botschaft von ihm, von seinem Sterben und seiner Auferstehung, ihr Leben und das Leben vieler Menschen von Grund auf verändert und neu gemacht hat.

Vielleicht erweist Gottes Wort ja auch in unserem Leben seine Kraft und Bedeutung erst, nachdem es zunächst wie ein Weizenkorn in die Erde gefallen ist, um zu sterben. In Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow sagt der Starez Sossíma, ein russischer Einsiedlermönch, zu seinen Anhängern: „Es bedarf ja nur eines kleinen Samens, eines winzigen: möge [sc. ein Priester] solchen nur in die Seele des einfachen Mannes werfen, und der Same wird nicht sterben, er wird vielmehr in dessen Seele leben sein ganzes Leben hindurch, er wird sich in ihm bergen unter der Finsternis und unter dem Gestank seiner Sünden wie ein lichter Punkt, wie eine große Erinnerung.“

Auch heute können Menschen von solchen Erfahrungen berichten. Und vielleicht haben auch wir schon eine derartige Erfahrung gemacht. Menschen erzählen davon, wie ein Bibelwort, dass sie irgendwann einmal gehört oder gelesen haben, im späteren Leben unvermutet für sie eine tiefe Bedeutung gewonnen hat. Andere können erzählen, wie ein Wort aus der Bibel ihnen in einer Lebenskrise, zum Beispiel als sie sehr krank waren oder einen Angehörigen verloren haben, sie getröstet und ihnen neuen Lebensmut geschenkt hat. Wieder andere erinnern sich, wie ihnen Worte Jesu, zum Beispiel aus der Bergpredigt, Mut gemacht haben, sich für andere Menschen einzusetzen, auch wenn ihnen Gegenwind ins Gesicht geblasen ist.

Wenn Regen vom Himmel fällt, womit unser Bibeltext Gottes Wort vergleicht, geht die Saat nicht sofort auf. Das Wasser muss erst in den Boden sickern und ihn durchtränken. Die Saat braucht Zeit, um zu keimen. Aber eines Tages geht sie auf. Diese Gewissheit gibt mir Mut, wenn ich zum Beispiel, wie heute morgen, auf die Kanzel steige.

„Suchet den Herrn“, lautet die Einladung des Propheten, „solange er zu finden ist.“ Ich bin davon überzeugt, dass Gott sich auch heute in den Worten der Bibel und mit ihrer Hilfe in unserem Leben finden lassen will. Jesus sagt im Neuen Testament: „Suchet, so werdet ihr finden!“ Nehmen wir ihn beim Wort!