Matthäus 3, 13-23
„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“ Das mein Elias Canetti. Und ich meine das auch. Aber das ist nicht so wichtig. Ein Traum kann mehr sein als bloß ein Traum zur Verarbeitung der Eindrücke und Geschehnisse zur wachen Zeit. Dann, wenn wir dem Traum mehr zumuten wollen.
Es folgt eine Geschichte nach der Geburt Jesu, die einsetzt, nachdem die drei Heiligen Könige aus dem Morgenland Jesus, dem Baby, und seinen Eltern Maria und Josef die Aufwartung gemacht haben. Kaspar, Melchior und Balthasar haben Gold, Weihrauch und Myrrhe dem trauten Paar übergeben und haben sich, einer Engelsstimme im Traum folgend über einen anderen Weg nach Hause aufgemacht. Dass es nicht drei waren, keine Könige, keine Heilige noch aus dem Morgenland ist jetzt nicht weiter wichtig. Sie folgten einem Stern nach Bethlehem, und folgten ihren Träumen und hatten genug gesehen, um für den Rest ihres Lebens begeistert und von Glückseligkeit erfüllt zu sein. Hier also beginnt unsere heutige Geschichte.
Matthäus 3, 13-23
13 Nachdem die Sterndeuter fortgezogen waren, kam ein Engel des Herrn im Traum zu Josef und befahl ihm: »Steh schnell auf und flieh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten! Bleibt so lange dort, bis ich dir etwas anderes sage, denn Herodes lässt das Kind suchen und will es umbringen.« 14 Da brach Josef noch in der Nacht mit Maria und dem Kind nach Ägypten auf. 15 Dort blieben sie mit Jesus bis zum Tod von Herodes. So erfüllte sich, was der Herr durch seinen Propheten angekündigt hatte: »Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.«
…
Als Herodes gestorben war, hatte Josef in Ägypten einen Traum. Darin erschien ihm wieder ein Engel des Herrn und befahl ihm: »Steh auf und kehre mit dem Kind und seiner Mutter heim nach Israel! Die Leute, die das Kind umbringen wollten, sind tot.« Josef gehorchte und ging mit Maria und dem Kind nach Israel zurück.
Unterwegs aber erfuhr er, dass Archelaus, der Sohn von Herodes, nun König von Judäa geworden war. Da bekam Josef Angst, dorthin zu gehen. Nachdem Gott noch einmal im Traum zu ihm gesprochen hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa. So kamen sie in die Stadt Nazareth und ließen sich dort nieder. Auf diese Weise sollte sich erfüllen, was Gott durch die Propheten angekündigt hatte: »Man wird ihn den Nazarener nennen.«
Liebe Gemeinde!
»Es ist Gottes Sache, Träume zu deuten«, entgegnete Josef. »Erzählt mir doch einmal, was ihr geträumt habt!« Josef im Alten Testament ist ein Traumdeuter und Traumtänzer. Denn dieser Josef, Opfer von Menschenhandel durch seine Brüder, bewegt sich immer auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Verkauft an Menschenhändler wird er aus Israel ins ferne Ägypten verschleppt. Dort wird er als Sklave im Haus Potifar Opfer von Missbrauchsvorwürfen und wird ins Gefängnis des Pharaos geworfen. Er wird wohl mit dem Leben abgeschlossen haben, seine letzten Gebete gesprochen haben, als ihm eines Morgens auffällt, dass zwei andere Häftlinge, der Bäcker und Mundschenk des Königs, sehr zerknirscht aus der Wäsche schauen. Sie hatten schlecht geträumt und so sagt Josef zu ihnen: „Na, erzählt mir doch einmal, was ihr geträumt habt.“ Der Mundschenk wird wie geträumt wieder ehrenvoll in sein Amt an der Tafel des Pharaos eingesetzt. Aber auch nachdem Josef dem Bäcker seine Träume gedeutet hat, kann er das darin angedeutete Schicksal nicht wenden und endet am Strick.
Wir lernen aus dieser Geschichte, dass auch gut gedeutete Träume unser Schicksal nicht verändern. Sie deuten aber an, wohin die Reise geht, wenn wir uns darauf einlassen. Und wie haben Sie geschlafen? Können Sie sich an ihren Traum von heute Nacht erinnern? Ich habe heute scheinbar nichts geträumt. Aber ich weiß, dass es eine Lüge ist. Denn wir alle träumen so gut wie bei jedem Nickerchen und längerem Schläfchen. Also können wir uns die Frage sparen oder beantworten: „Hat Jesus geträumt?“ Wir Menschen träumen alle und auch die Tiere, denke ich mir. Ich bin in meiner Kindheit mit einem Hund, Rauhaardackel Susi aufgewachsen und kann mich gut daran erinnern, wenn sie im Schlaf die Augen gerollt und mit den kurzen Hundebeinen um sich geschlagen hat. Meine liebe Schwester und ich haben uns dann oft überlegt, ob Susi gerade von der Jagd auf Katzen träumt. Oder läuft sie über blühende Wiesen. Dabei hängt die Zunge hechelnd aus dem Maul. Und die langen Ohren schlackern hin und her.
Der Traum ist noch immer ein unentdecktes Land, zwar gut erforscht, aber da sind noch viele atlasweiße Felder vor uns. Oder wissen Sie, woher ihre Träume kommen? Wer von uns hatte nicht schon einen beunruhigenden Traum, oder gar einen Alptraum. Den will ich am liebsten gleich vergessen. Aber gerade die dunkleren Traumbilder sind gar nicht so leicht abzuschütteln. Aber wir leben von unseren Traumvorstellungen. Weil wir denken irgendwann im Leben an den Traumurlaub, die Traumfrau, den Traummann, den Traumjob, die Traumwohnung, das Traumhaus, die Traumstadt, Traumhobby.
Josef, der Verlobte und dann Ehemann von Maria und Vater von Jesus, hatte auch jede Menge an Träumen. Sie haben ihm und seiner jungen Familie das Leben gerettet, mehrmals. Für die Menschen damals und davor und auch heute sind Träume eben nicht nur zur Alltagsverarbeitung da, sondern können durchaus eine Bedeutung haben, wenn wir sie ihnen geben. Ich sage so leichtfertig, dass Josef für mich der leibliche Vater von Jesus ist. Und wenn sie sich oder mich jetzt fragen: „War denn nicht GOTT der Vater von Josef?“, dann antworte ich gerne kurz darauf.
Zwei der Evangeliumsberichte, die wir haben, jene, die mit Markus und Johannes bezeichnen und auch bei all den Briefen von Paulus, erwähnen nirgendwo, dass nicht Josef der leibliche Vater gewesen sein soll. Die Evangelien namens Matthäus und Lukas sind wesentlich später geschrieben worden als etwa die Paulusbriefe und als das Markusevangelium. Wir dürfen also davon ausgehen, dass Josef als Vater von Jesus angenommen wurde. Denn dann macht die Genealogie, die Aufzählung der früheren Väter und Väterväter in Matthäus 1 Sinn. Die Abstammungsgeschichte wurde zu der Zeit Jesu über die Vaterschaft definiert. Dreimal vierzehn Generationen seien es von Abraham bis zu Josef und Jesus gewesen. Und der Opa von Jesus hieß übrigens Jakob und der Urgroßvater Mattan.
Dreimal vierzehn Generationen sind dann 42 Generationen von Abraham bis zum Menschenkind und Gotteskind Jesus. 42 ist eine besondere Zahl in jeder Hinsicht. In der kabbalistischen jüdischen Zahlenmystik wird 42 als Zahl gesehen, die Gott für die Schöpfung des Universums nutzt. In der Science-Fiction Literatur wird die Zahl „42“ vom Autor Douglas Adams in seinem Werk „Per Anhalter durch die Galaxis“ als „die Antwort auf die große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ von einem Megacomputer ausgerechnet. Um die Frage zur Antwort auf alles, 42, zu finden, wird dann im Buch von Adams die Erde als Megamegacomputer gebaut. Die Zahl 42 ist gewiss nicht zufällig vom Schreiber des Matthäusevangeliums gewählt. Aber durch die gesamte Geburtsgeschichte von Jesus im Evangelium namens Matthäus hindurch steuert GOTT mit Träumen die Geschehnisse in GOTTES Sinne. Dass es die Sterndeuter, Astrologen oder Magier aus dem fernen Land nach Jerusalem und Bethlehem zieht, ist Träumen geschuldet. Dass Herodes, der in dieser Erzählung als sehr grausam dargestellte König, sich bedroht sieht, kann auf den Traum der Magier zurückgeführt werden. Die sind nichtsahnend bei Herodes reinspaziert und haben ihm von einem Neugeborenen, der König werden soll, erzählt.
Josef hat gerade die Magier dann aus dem Haus geleitet, Maria, er und Jesus schlafen ein, da wird er von einer Engelsstimme in seinem Traum heimgesucht. Aber er träumt nicht davon, wie Maria und er mit dem Jesusbaby sich mit dem Gold der Magier nun ein größeres Haus leisten werden können. Er träumt auch nicht von einer schönen Zukunft, die vor dem jungen Paar liegen mag. Josef quält ein Alptraum, weil die Stimme des Boten sagt:
»Josef. Komm und steh schnell auf und flieh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten! Bleibt so lange dort, bis ich dir etwas anderes sage, denn Herodes lässt das Kind suchen und will es umbringen.«
Warum? Wieso soll er das tun? Wer heute so einen Drang spürt, fortzuziehen, die Heimat zu verlassen, das vertraute traute Heim aufzugeben, nur die können nachempfinden wie groß der innere Kampf wohl gewesen sein wird, den Josef da auszufechten hatte. Er war Zimmermann mit einem Haus, einer Frau, die gerade ihr erstes Kind bekommen hatte, mit einem Gschrappn, der gerade ein paar Tage die Luft der Umgebung in sich aufsaugt. Da soll Josef seine Sachen packen, und sofort in die völlige Ungewissheit ziehen? Wie Abram damals die Stimme so völlig aus dem Nichts gesagt hat:
„Abram! Mache dich auf! Ziehe fort!“
„Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!“
Dass mir eine innere Stimme manchmal mitteilt, was besser wäre, kennen wir wohl alle. Aber meist ist sie eher leise und drängt uns, das eigene Leben so eher im Kleinen zu ändern, zu verbessern. Wir spüren, dass wir weniger trinken und gesünder essen sollten, dass wir auf unsere Gesundheit achten sollten und auf unsere Mitmenschen auch.
Gottes Stimme aber drängt Josef dazu, alles hinter sich abzubrechen. Und Josef soll noch in der Nacht mit Maria und Jesus nach Ägypten aufgebrochen sein.
Da Herodes der Große vier Jahre vor unserer Zeitrechnung, vor Christi Geburt, gestorben ist, kann man an der historischen Wahrheit dieser ganzen Geschichte mit den Magiern und Herodes durchaus zweifeln. Nichtsdestotrotz wird hier Josef als Ehemann und Vater so beschrieben, dass er alles, wirklich alles für seine Familie tut.
Wir Eltern würden alles für unsere Kinder tun, um sie zu retten, um ihnen bessere Lebensbedingungen zu verschaffen. Wer nicht. Und auch heute hören viele Männer und Frauen, Eltern diesen Ruf: Steht auf! Nehmt eure Kinder und geht in ein anderes Land, in dem ihr darauf hoffen dürft, euren Kindern und Enkelkindern ein besseres Leben zu bescheren.
Niemand von uns wird es Josef und Maria wohl verdenken, dass sie aus dem unsicheren Judäa ins vielversprechende Ägypten fliehen. Die Lage im Land Judäa mit dem herrschsüchtigen unberechenbaren König Herodes wurde ihnen zu brenzlig, zu gefährlich.
So sind heute etwa nach UNHCR Angaben 117 Millionen Menschen auf der Flucht. Und es ist irgendwie ein bemerkenswerter Umstand, dass wir gestern das Land mit der größten aktuellen Fluchtbewegung plötzlich in den Nachrichten hatten. Die meisten flüchtenden Menschen stammen aus Venezuela. Die Zahl der Venezolaner*innen, die weltweit Schutz suchen oder migrieren, liegt bei fast 7,9 Millionen. Viele von ihnen benötigen dringend internationalen Schutz und humanitäre Hilfe. Die Gastländer in der Region haben Venezolaner*innen bislang großzügig aufgenommen, stehen aber zunehmend vor großen Herausforderungen. Viele Venezolaner*innen leben in Armut und haben nur eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen oder formellen Arbeitsmöglichkeiten. Rund die Hälfte kann sich keine drei Mahlzeiten am Tag leisten und hat keinen sicheren Wohnraum. Um zu überleben, sind viele gezwungen, auf riskante Mittel wie Überlebenssex, Betteln oder Verschuldung zurückzugreifen. Wer keine Dokumente oder Arbeit hat, setzt oft sein Leben auf gefährlichen, irregulären Routen aufs Spiel, um weiterzuziehen. Ob die militärischen Aktionen hier der Bevölkerung helfen können, ist noch ungewiss.
Aber dass viele Menschen in Venezuela auch so eine Stimme im Traum gehört haben werden, die ihnen sagt: „Steh auf! Nimm deine Familie und deine jungen Kinder und flieh in ein anderes Land.“ Das ist doch durchaus vorstellbar. Und dass wir nicht nur im Traum diese innere Stimme, vielleicht auch eine Engelsstimme hören, die uns sagt: „Steht auf! Und nehmt euch der Vertrieben und Flüchtenden an, die es brauchen!“ Das ist doch auch durchaus vorstellbar.
Damals brach Josef noch in der Nacht mit Maria und dem Kind nach Ägypten auf. Dort bleiben sie mit Jesus bis zum Tod von Herodes. Wie lange Zeit, das erfahren wir nicht. Aber es habe sich damit erfüllt, was GOTT der Herr durch seinen Propheten angekündigt hatte: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ Diese Voraussage eines Propheten musste sich bewahrheiten, wie auch die Aussage, dass Jesus ein Nazarener ist. Also träumt es Josef, dass er nicht nach Judäa und Bethlehem gehen soll, sondern lieber in den Norden nach Nazareth ziehen sollte.
Ob diese Erzählung mehr Wahrheitsgehalt hat als jene von Lukas, der meint, Jesus sei eigentlich ein Nazarener aber durch die Volkszählung sei seine Geburt in Bethlehem gewesen, wir wissen es nicht. Beides jedenfalls macht keinen Unterschied, aber beides kann nicht wahr sein.
Und darauf kam es den Geschichteschreibern auch nicht an. Sie wollten uns zeigen, dass GOTT unsere Träume lenkt, unsere Schritte lenkt, aber wir diejenigen sind und bleiben, die sich dann aufmachen oder auch nicht.
Dass GOTT weiß, wie wir uns entscheiden werden, ist seiner Majestät geschuldet. Aber wir können da und dort gut und gern den Träumen folgen und andere dabei unterstützen ihre Träume zu ergründen und dann, dann werden sich da und dort die guten Träume erfüllen.
Mose hat sich aus Ägypten rufen lassen. Josef hat sich rufen lassen. Und wir können uns fragen: Folgen wir dem Ruf?
Aber Vorsicht vor den Träumen! Jesu Sirach 34 mahnt uns:
„1 Leere, trügerische Hoffnungen sind etwas für Leute ohne Verstand und nur Uneinsichtige lassen sich von Träumen in Unruhe versetzen. 2 Wer auf Träume achtet, ist wie jemand, der Schatten fangen will oder dem Wind nachjagt. 3 Was du im Traum siehst, ist nur eine Spiegelung, so unwirklich wie das Spiegelbild eines Gesichtes, verglichen mit dem Gesicht selbst. … Träume sind alle gleich sinnlos. 6 Darum schenke einem Traum keine Beachtung, es sei denn, Gott, der Höchste, hätte ihn dir zur Warnung geschickt. 7 Träume haben schon viele in die Irre geführt; sie haben sich Hoffnungen gemacht und sind enttäuscht worden.“ Ich halte es aber dennoch mit dem Schriftsteller Hans Kruppa, der meint: „Wirklich reich ist der, der mehr Träume in seiner Seele hat, als die Wirklichkeit zerstören kann.“
AMEN