„Man wird auch nicht sagen können: Hier ist es! oder: Dort ist es!
Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Liebe Gemeinde, liebe Familien, liebe Kinder,
den heutigen Predigttext können Sie – ganz ungewöhnlich – direkt hier über mir und über der Kanzel ablesen. Ich meine nicht einen langen Bibeltext, sondern diese Worte, die hier stehen.
„Dein Reich komme.“
Dieser Satz steht hier nicht zufällig. Und er steht hier auch nicht nur zu Weihnachten.
Er begrüßt jede und jeden, der diese Kirche betritt, und er begleitet uns durch das ganze Jahr.
Die meisten von uns kennen diesen Satz auswendig. Wir sprechen ihn im Vaterunser, in dem Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe.“
Und vielleicht sprechen wir ihn manchmal, ohne lange darüber nachzudenken. Doch wenn man einen Moment innehält, dann merkt man: Dieser Satz ist alles andere als harmlos.
Denn er fragt uns: Was erwarten wir eigentlich von Gott?
Was erhoffen wir uns?
Was wünschen wir uns für diese Welt – und für unser eigenes Leben?
Gerade zu Weihnachten kommen viele Menschen mit großen Erwartungen: nach Frieden, nach Geborgenheit, nach einem Moment, in dem die Welt heil erscheint. Und zugleich wissen wir alle: Die Wirklichkeit sieht oft anders aus.
Wenn wir an ein Reich denken, dann haben wir oft sofort Bilder im Kopf: Könige und Königinnen, Macht, Regeln, vielleicht auch Prunk – und manchmal sogar Angst. Ein Reich ist etwas, das von oben organisiert wird. Einer sagt, wo es langgeht. Die anderen müssen folgen.
Liebe Kinder, ihr habt heute am Eingang eine Krone bekommen. Ihr dürft jetzt eure Krone aufsetzen, wenn ihr möchtet. Spürt einmal kurz hinein: Wie fühlt sich das an, eine Krone zu tragen?
Man fühlt sich vielleicht ein bisschen wichtig. Vielleicht auch stark. Vielleicht besonders.
Könige haben Macht. Sie dürfen entscheiden. Aber sie müssen sich auch an Regeln halten. Und oft verbinden wir mit Herrschern nicht nur Gutes, sondern auch Druck und Angst.
Genau in diese Vorstellungen hinein spricht Jesus vom Reich Gottes – und er meint etwas völlig anderes.
Er meint kein Land auf der Landkarte. Kein Gebiet mit Grenzen.
Kein Reich, das man verteidigen oder erobern muss.
Jesus meint eine Wirklichkeit, in der Gott so präsent ist, dass Menschen aufatmen können. Eine Welt, wie Gott sie sich gedacht hat. Eine Welt, in der niemand nur nach Leistung bewertet wird. Eine Welt, in der Würde nicht verdient werden muss.
Und deshalb haben die Menschen Jesus immer wieder gefragt: Wann kommt dieses Reich endlich? Wann sieht man es? Wann wird alles anders?
Und Jesus hat geantwortet – überraschend anders, als viele gehofft hatten:
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte.
Man wird auch nicht sagen: Siehe hier oder dort.
Denn seht: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Das ist erstaunlich. Denn viele dachten: Wenn Gottes Reich kommt, dann muss alles sofort anders werden. Kein Leid mehr. Keine Angst. Gott setzt sich mit Macht durch.
Aber Jesus sagt: So kommt Gottes Reich nicht.
Es kommt nicht laut. Nicht gewaltsam. Nicht von oben herab. Es kommt leise. Unscheinbar. Mitten hinein ins Leben.
Und genau hier kommt Weihnachten ins Spiel. Weihnachten ist nicht nur eine schöne Geschichte. Weihnachten ist der Beginn dieses Reiches Gottes.
Gottes Reich beginnt mit einem Kind. Mit einem Baby in einer Krippe. Schutzlos. Abhängig. Angewiesen auf andere. Und doch sagen wir: Dieses Kind ist König.
Weihnachten zeigt uns: Gottes Reich beginnt nicht mit Macht, sondern mit Nähe. Nicht mit Angst, sondern mit Vertrauen.
Liebe Kinder, wer von euch erinnert sich an die Geschenke, die die Sterndeuter dem Kind gebracht haben?
Gold. Weihrauch. Myrrhe. Das waren keine zufälligen Geschenke.
Gold war ein königliches Geschenk um zu zeigen: dieses Kind ist wertvoll. Es ist ein König – aber keiner mit Palast, sondern einer, der den Menschen dient.
Somit steht Gold für Würde. Es sagt: Dieses Kind ist kostbar. Und mit ihm jeder Mensch. Nicht wegen dessen, was er leistet, sondern weil er ist.
Weihrauch wurde im Tempel verwendet. Er steht für Gott. Damit wollten die Sterndeuter sagen: In diesem Kind ist Gott den Menschen ganz nahe gekommen. Weihnachten sagt: Gott bleibt nicht fern. Er teilt unser Leben.
Myrrhe war ein kostbares Öl zur Pflege von Kranken. Sie erinnert daran: Jesus kennt Leid. Er weiß, wie Schmerz sich anfühlt. Gottes Reich ist kein Reich ohne Dunkelheit – aber eines, in dem die Dunkelheit nicht das letzte Wort hat.
Diese Geschenke erzählen uns, wer dieser König ist – und wie sein Reich aussieht.
Jesus bringt eine andere Macht in diese Welt. Eine Macht, die nicht zwingt, sondern einlädt. Eine Macht, die nicht einschüchtert, sondern ermutigt.
Diese Macht zeigt sich dort, wo Menschen vergeben, obwohl es schwerfällt. Wo sie teilen, obwohl sie Angst haben, zu kurz zu kommen. Wo sie hoffen, obwohl vieles dagegenspricht.
Man muss dafür kein perfekter Mensch sein. Man muss nicht einmal alles glauben. Es reicht, sich berühren zu lassen von dieser anderen Art zu leben.
Und damit bin ich euch noch eine Antwort schuldig: Was hat dieses Reich Gottes – ganz konkret – mit uns zu tun?
Liebe Kinder, setzt eure Krone noch einmal auf.
Diese Krone sagt nicht: Du bist besser als andere. Sie sagt: Du bist eingeladen. Eingeladen, an diesem Reich mitzuwirken. Mitzugestalten. Mitzumachen.
Jesus sagt: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Nicht erst irgendwann. Nicht nur im Himmel. Sondern jetzt. Dort, wo Menschen einander helfen.
Wo sie teilen. Wo sie vergeben. Wo sie Zeit, Geduld, Hoffnung verschenken.
Jedes freundliche Wort, jede ausgestreckte Hand, jede Vergebung lässt dieses Reich wachsen.
Ihr habt heute nur zwei verschiedene Kronen bekommen. Aber wenn ihr sie zu Hause ausmalt, wird jede einzelne einzigartig sein – so wie jeder Mensch einzigartig ist.
Weihnachten endet nicht heute Abend. Es beginnt heute Abend.
Dort, wo wir diese andere Macht Jesu leben – im Kleinen, im Alltag, zu Hause.
Über der Kanzel steht: „Dein Reich komme.“ Vielleicht heißt das heute: Dein Reich beginnt – mit uns. Mit offenen Herzen. Mit Liebe, Glaube und Hoffnung.
Das ist die andere Macht von Jesus. Das ist Weihnachten.
Amen.