„Gott vergisst uns nicht“ Jesaja 49, 13-16

13Frohlocke, Himmel, und juble, Erde!

Ihr Berge, brecht in Jubel aus,

denn der Herr tröstet sein Volk,

und seiner Elenden erbarmt er sich.

Verheissung für Zion

14Zion aber hat gesagt: Der Herr hat mich verlassen,

und vergessen hat mich der Herr.

15Würde eine Frau ihren Säugling vergessen,

ohne Erbarmen mit dem Kind ihres Leibs?

Selbst wenn diese es vergessen würden,

werde doch ich dich nicht vergessen!

16Sieh, ich habe dich in die Handflächen geritzt,

stets sind deine Mauern mir vor Augen.

Predigttext: Lukas 2,25–38

25Und da war in Jerusalem einer mit Namen Simeon, und dieser Mann war gerecht und gottesfürchtig; er wartete auf den Trost Israels, und heiliger Geist ruhte auf ihm. 26Ihm war vom heiligen Geist geweissagt worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. 27Nun kam er, vom Geist geführt, in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um an ihm zu tun, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, 28da nahm er es auf die Arme und pries Gott und sprach:

29Nun lässt du deinen Diener gehen, Herr,

in Frieden, wie du gesagt hast,

30denn meine Augen haben das Heil gesehen,

31das du vor den Augen aller Völker bereitet hast,

32ein Licht zur Erleuchtung der Heiden

und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.

33Und sein Vater und seine Mutter staunten über das, was über ihn gesagt wurde. 34Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, seiner Mutter: Dieser hier ist dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen und viele aufzurichten, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – 35ja, auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

36Und da war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuels, aus dem Stamm Asser, die war schon hochbetagt. Nach ihrer Zeit als Jungfrau war sie sieben Jahre verheiratet 37und danach Witwe gewesen bis zum Alter von vierundachtzig Jahren. Sie verliess den Tempel nie, weil sie Tag und Nacht Gott diente mit Fasten und Beten. 38Zur selben Stunde trat auch sie auf und pries Gott und sprach von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

„Bitte, vergessen Sie mich nicht zu Weihnachten in Ihrem Gebet einzuschließen.“
So bat mich eine alte Dame, als ich vor Weihnachten im Spital ein Gemeindemitglied besuchte. Es war keine große Bitte. Kein theologischer Satz.
Aber eine Bitte, die tief ging. Nicht vergessen zu sein – danach sehnen wir uns alle.
Wir sehnen uns nach Gesten, die uns sagen: Da ist jemand, dem bin ich nicht egal.
Solange jemand an uns denkt, sind wir für ihn lebendig. Wenn niemand mehr an uns denkt, fühlen wir uns verloren. Vergessen zu werden ist fast so schlimm wie nicht mehr zu leben –
vielleicht sogar schlimmer, weil man es ja bewusst erlebt. Genau in diese Erfahrung hinein spricht die Bibel ihr tröstliches Wort:
Gott vergisst uns nicht.

Ich möchte heute zwei Bilder, zwei starke Geschichten miteinander verbinden.
Die eine stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja, die wir als Lesung gehört haben; und
die andere aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas: die Geschichte von Simeon und Hanna.

Die Kontexte könnten kaum unterschiedlicher sein. Historisch, politisch und gesellschaftlich liegen Welten zwischen diesen beiden Texten.
Und doch ist die Botschaft dieselbe:
Auf die Rettung Gottes zu warten ist nie vergeblich – auch wenn es sich im Moment so anfühlt.

  1. Das Bild aus Jesaja: „Ich vergesse dich nicht“

Seit Jahrzehnten leben die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft, viele hunderte von KM-ern von der Heimat entfernt.

Jerusalem ist zerstört, der Tempel niedergebrannt, die politische Selbstständigkeit verloren. Das Volk lebt als besiegtes Volk im Machtbereich eines fremden Großreichs.
Sie haben unendlich viel verloren:
den Tempel, wo Gott hörbar und spürbar war,
das Land, das Gott ihnen geschenkt hatte,
den Kontakt zu Verwandten und Freunden in Jerusalem.

Als Angehörige der Oberschicht hatten sie früher Ansehen. Nun werden sie wie Sklaven gehalten und müssen für andere arbeiten. Menschen können viel verlieren, ohne zu verzweifeln – wenn sie wenigstens einen festen Halt haben. Doch genau dieser Halt fehlt ihnen. Nicht nur wirtschaftlich und politisch, sondern auch religiös fühlen sie sich entwurzelt: Wo ist Gott, wenn der Tempel zerstört ist? Wo ist seine Macht, wenn Babylon regiert?
Darum klagen sie: Der Herr hat uns vergessen. Er hört uns nicht. Für ihn sind wir Luft.

Wie reagiert Gott auf diese Klage?
Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Distanz. Sondern mit einer Liebe und Leidenschaft, die selbst in der Bibel einzigartig ist. Gott lässt durch den Propheten sagen:

„Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Siehe – dieses Wort fordert uns auf hinzusehen, genauer hinzuhören. Gott gebraucht ein Bild aus der damaligen Welt: In Babylon ritzten Verliebte den Namen der Geliebten in ihre Hände.
So hatten sie sie immer vor Augen – unauslöschlich, unvergesslich.

So, sagt Gott, ist es auch mit euch. Euren Namen habe ich mir in die Hände gezeichnet.
Bei allem, was ich denke, plane und tue – ich habe euch vor Augen. Darum kann ich euch nicht vergessen.

Und noch etwas schwingt mit:
Nicht nur die Verliebte, sondern auch die Sklaven trugen den Namen ihres Herrn auf der Hand. Wenn Gott sich den Namen seines Volkes einritzt, dann macht er sich selbst zum Knecht. Er bindet sich an sein Volk. Er stellt sich nicht über sein leidendes Volk, sondern bindet sich an dessen Geschichte – mitten hinein in politische Ohnmacht und religiöse Zweifel. Er arbeitet für sein Heil. Keine Schuld, kein Zweifel, keine Macht der Welt kann ihn davon abbringen.

So sieht sich auch Jesus.
So lebt er. Er richtet Verunsicherte auf, stellt Selbstsicheren den tragenden Grund unter die Füße und lässt in seiner Nähe etwas vom Reich Gottes aufscheinen.

  • Simeon und Hanna: Warten, das sich erfüllt

Aber wie erkennt man diesen Gott, der nicht vergisst?
Wie begegnet man ihm?

Die Weihnachtsgeschichte erzählt: leise, unscheinbar, unauffällig.

Auch zur Zeit Simeons ist Israel politisch nicht frei. Das Land steht unter römischer Besatzung. Fremde Truppen sichern den Frieden, fremde Machthaber entscheiden über Recht und Ordnung. Viele warten auf einen Retter, der endlich politische Befreiung bringt.

Nicht die Mächtigen erkennen ihn zuerst, sondern Menschen, die in den Augen anderer wenig gelten: Maria, die junge Frau; Elisabeth, die kinderlose Alte; die Hirten auf dem Feld; und schließlich zwei alte Menschen im Tempel: Simeon und Hanna.

Von Simeon heißt es, er habe sich vom Geist Gottes leiten lassen. Vielleicht würden wir heute sagen: Er hörte auf eine innere Stimme, die ihn genau jetzt in den Tempel führte.

Simeon gehört zu denen, die trotz römischer Besatzung und religiöser Ernüchterung an Gottes Verheißungen festhalten. Er wartet nicht auf Gewalt oder Aufstand, sondern auf Trost, auf Rettung von Gott selbst. Dort sieht er ein Elternpaar. Die Mutter trägt ihr Kind, der Vater zwei Tauben – das Opfer der Armen. Kein außergewöhnliches Bild. Und doch weiß Simeon plötzlich: Das ist er. Mit diesem Kind beginnt Gottes Rettung.

Er nimmt das Kind auf die Arme und dankt Gott. Für die Erfüllung seines Wartens. Für das Licht, das in die Dunkelheit kommt. Und auch Hanna erkennt:
Gott hat uns nicht vergessen.
Sie erzählt es allen, die auf die Erlösung warten.

Doch Simeon ahnt: Dieser Retter wird anders sein als erwartet.

Kein politischer Befreier, kein militärischer Anführer, sondern ein Kind, dessen Weg durch Leid und Ablehnung führen wird. Er kündigt Maria Schmerz an, Widerstand, Ablehnung.
Friede, Heil und Licht gehen von diesem Kind aus – aber nur, wer sich auf seinen Weg einlässt, wird sie erkennen: den Weg der Liebe, der Gewaltlosigkeit, des Vertrauens.

  • Zwei Bilder – ein Zuspruch

Zwei Bilder. Zwei tröstende Geschichten. Zwei Zeiten politischer Ohnmacht, religiöser Müdigkeit und enttäuschter Hoffnungen.

Gott vergisst uns nicht.

So spricht Gott seit Jahrhunderten zu den Menschen. Und damit wir es begreifen können, ist er selbst Mensch geworden. Lasst uns diesen Zuspruch aus der Weihnachtsgeschichte heraushören und mitnehmen in unseren Alltag.

Gottes Wege mit uns sind oft nicht spektakulär. Nicht laut. Nicht überwältigend.

Aber sie sind tragend. Und kräftigend. Und darum gilt auch zwischen den Jahren, zwischen Rückblick und Ausblick:

Auf Gottes Rettung zu warten ist nie vergeblich.

Liebe Gemeinde,
wenn wir hören, wie Gott zu seinem Volk spricht und wie Simeon und Hanna warten und vertrauen, dann wird deutlich:
Gottes Nähe zeigt sich nicht immer im großen Jubel, sondern oft im stillen Erkennen.

Simeon jubelt nicht laut. Er hält ein Kind im Arm – und weiß: Das genügt.

So dürfen auch wir gehen, nicht mit allen Antworten, aber mit dem Vertrauen, dass Gott uns nicht aus dem Blick verliert. Und das trägt – auch zwischen den Jahren.

Amen.