Réka Juhász
Matthäus 17 – Die Verklärung Jesu
1 Und nach sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus, den Jakobus und dessen Bruder Johannes mit und führt sie abseits auf einen hohen Berg.
2 Da wurde er vor ihren Augen verwandelt, und sein Angesicht strahlte wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
3 Und siehe: Es erschienen ihnen Mose und Elija, und sie redeten mit ihm.
4 Petrus ergriff das Wort und sagte zu Jesus: Herr, es ist schön, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen: eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
5 Während er noch redete, warf eine lichte Wolke ihren Schatten auf sie, und eine Stimme sprach aus der Wolke: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Auf ihn sollt ihr hören!
6 Als die Jünger das hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr.
7 Da trat Jesus zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
8 Als sie wieder aufblickten, sahen sie niemanden mehr außer Jesus.
9 Während sie vom Berg hinunterstiegen, gebot ihnen Jesus: Sagt niemandem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt worden ist.
10 Da fragten ihn die Jünger: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, Elija müsse zuerst kommen?
11 Er antwortete: Ja, Elija kommt und wird alles wiederherstellen.
12 Ich sage euch aber: Elija ist schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie wollten. Ebenso wird auch der Menschensohn unter ihnen leiden.
13 Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach.
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Liebe Gemeinde,
aus sehr unterschiedlichen Lebenssituationen kommen wir heute zu diesem Gottesdienst. Einige von uns tragen die Erinnerung an geliebte Menschen mit sich, deren Abwesenheit besonders in der nahenden Weihnachtszeit schwer auf der Seele liegt. Da ist vielleicht ein Platz am Tisch, der leer bleibt – nicht nur äußerlich, sondern auch im Herzen. Vielleicht eine Stimme, die in diesem Jahr nicht singt, nicht lacht, nicht ruft. Manche spüren diese Leerstelle besonders stark, gerade dann, wenn alles um uns herum heller leuchtet.
Andere von uns gehen mit leiser Vorfreude in die kommenden Wochen: auf Lichter, Musik, Begegnungen, auf die Wärme, die wir gern teilen. Und wieder andere spüren Sorgen, die fast körperlich werden können. Eine Operation steht bevor, ein medizinischer Befund macht Angst, eine Sorge lastet schwer. Manche haben schlaflose Nächte, manche verborgene Lasten.
Und doch – bei aller Unterschiedlichkeit – verbindet uns heute etwas Grundlegendes: die Hoffnung, dass Gott uns findet. Nicht nur, wenn wir ihn suchen, sondern auch dann, wenn wir selbst nicht wissen, wie es weitergeht. Egal, wo wir stehen, egal, wie wir uns fühlen – Gott findet uns. Er kennt unsere Täler und unsere Höhen. Und er schenkt Kraftmomente – oft leise, oft überraschend, manchmal nur kurz – und doch so, dass sie uns durch schwere Tage tragen können.
Solche Kraftmomente kann man nicht organisieren. Man kann sie nicht bestellen und nicht festhalten. Aber man kann sie erbitten und erhoffen. Und wir können sie erkennen, wenn sie aufscheinen, oft im Kleinen.
Vielleicht erinnern wir uns an eigene Kraftmomente in unserem Leben: an einen Satz zur rechten Zeit; an eine Hand auf unserer Schulter; an ein Lied, das uns innerlich aufgerichtet hat; an einen Blick, der tröstete; an einen Moment tiefen Friedens – vielleicht nur einen Atemzug lang. Solche Augenblicke sind wie leise Verklärungen mitten im Alltag.
Auch im heutigen Predigttext geht es um einen solchen Moment – eine Szene, die nicht festzuhalten ist, obwohl man es mit aller Kraft möchte. Eine Szene, in der die Sehnsucht aufscheint, das Gute, das Schöne, das Heilige festzuhalten.
Die Verklärung Jesu gehört zu den geheimnisvollsten Texten der Bibel – voller Licht, voller Symbolkraft, voller Rätsel und zugleich voller Trost. Was können wir heute, an diesem Ewigkeitssonntag, daraus mitnehmen?
Vielleicht die Verbindung Jesu mit Mose und Elija, den großen Gestalten der Tora und der Propheten. Vielleicht das sehr menschliche Bedürfnis des Petrus, der sofort handeln will und sichern möchte, was er erlebt: „Lass uns bleiben, Herr! Lass uns Hütten bauen!“ – als wollte er sagen: Dieser Augenblick soll nicht vergehen.
Wie menschlich das ist, gerade in der Adventszeit. Auch wir bauen kleine Hütten: Weihnachtsmärkte, Krippen, Lichterketten, Punschstände. Wir verlängern das Schöne, das Leuchtende, das Tröstliche – denn das Herz hungert nach solchen Momenten. Niemand möchte, dass nach zwei Weihnachtstagen der graue Alltag beginnt.
Und auch sonst im Leben versuchen wir, unsere Kraftmomente festzuhalten: das Lachen eines Kindes, die Umarmung eines geliebten Menschen, einen friedlichen Tag, ein warmes Gespräch. Manchmal spüren wir, dass wir die Zeit am liebsten anhalten würden.
In der Verklärung Jesu begegnen sich zwei große Themen: die Ewigkeit Gottes, die Hoffnung auf Vollendung – und die menschliche Sehnsucht, schöne und heilige Momente festzuhalten.
Schauen wir die Geschichte noch einmal genauer an: Jesus nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg, einen Ort der Stille, fern vom täglichen Lärm. Und dort geschieht etwas, das die Jünger ihr Leben lang nicht mehr loslässt: Jesus verändert sich vor ihren Augen. Ein Licht, das sie nicht beschreiben können. Ein Leuchten, das nicht von dieser Welt ist. Sein Gesicht strahlt wie die Sonne, seine Kleider werden weiß wie das Licht. Mose und Elija erscheinen, gegen jede Erwartung.
In der Bibel sind Berge oft Orte besonderer Gottesbegegnung. Auch Mose und Elija bringen ihre eigenen Bergerfahrungen mit: Mose erhält auf dem Sinai die Weisungen für Leben und Glauben – die Zehn Gebote –, die bis heute Bestand haben.
Elija kämpft auf dem Karmel gegen fremde Götter, geht in seiner Verzweiflung viel zu weit und macht doch gerade in dieser dunkelsten Stunde eine tiefgreifende Erfahrung: Er wird getröstet, versorgt und bekommt eine neue Aufgabe. Am Ende seines Weges holt Gott ihn heim.
Die Gestalt des Mose erinnert an Gottes Zuspruch: Gott begleitet uns. Wie er sein Volk durch die Wüste führte, so führt er auch uns durch unsere Wüsten – durch Krankheit, Trauer, Angst, Ungewissheit. Mose steht dafür, dass Gott nicht loslässt, auch dann nicht, wenn wir uns selbst verloren fühlen.
Die Gestalt Elijas erinnert uns daran, dass Gott heimholt. Die Bibel berichtet, dass Elija nicht stirbt wie andere Menschen, sondern von Gott in den Himmel aufgenommen wird – auf einem Wagen aus Feuer. Elija steht für die Hoffnung, dass das Leben nicht im Tod endet. Dass die, die wir vermissen, nicht ins Nichts gefallen sind, sondern in Gottes Licht.
Und Jesus – Jesus steht in der Mitte. Er ist das Licht, das alles trägt. Er zeigt, wie unsere Zukunft aussieht: nicht dunkel, sondern hell; nicht verloren, sondern geborgen.
Petrus reagiert sofort. Er möchte drei Hütten bauen – ein sichtbares Heiligtum, etwas Festes, Greifbares. Natürlich verstehen wir ihn. Auch wir wollen heilige Momente bewahren. Für Petrus sind Mose und Elija die Verbindung zur Geschichte, Garantien der Treue Gottes.
Doch Gott lässt sich nicht in Hütten einschließen.
Wie eine Antwort auf das Verhalten des Petrus erscheint die Wolke – Zeichen der Gegenwart Gottes – und eine Stimme spricht: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“ Wie damals bei Jesu Taufe. Gott bindet sich nicht an Orte, nicht an den Jordan und nicht an den Berg der Verklärung. Er bindet sich an sein Wort in Jesus.
Dann verschwindet die Wolke. Der Moment endet. Das Außergewöhnliche löst sich auf.
Und die darauffolgende Szene ist vielleicht die stärkste in der ganzen Geschichte:
„Da trat Jesus zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Alles Überwältigende ist verschwunden. Und doch bleibt etwas – tiefer als das strahlende Licht: Jesus selbst. Seine Nähe. Seine Gegenwart. Und gerade darin liegt der Trost dieses Moments. Denn mit Jesus bleibt Gottes Wort bei ihnen: seine Verheißung, seine Treue, seine Ermutigung. „Steht auf und fürchtet euch nicht.“
Wie sehr dürsten und hungern wir nach einem solchen Zuspruch mitten in den Krisen unseres Lebens! Nach einem schlichten Satz: Steh auf und fürchte dich nicht!
Schlicht, aber machtvoll: Für jeden Tag finden wir eine Form dieses Satzes. So wurde die Bibel konzipiert – 365-mal kommt dieser Zuspruch tatsächlich vor.
Wenn der Berg hinter uns liegt,
wenn die Kraftmomente verflogen sind,
wenn die Lichter ausgehen,
wenn die Stimmen schweigen,
wenn wir loslassen müssen,
dann bleibt – nicht wenig, nicht ein Rest, nicht ein Schatten –
sondern Gott selbst und sein Zuspruch: Steh auf und fürchte dich nicht.
Dann bleibt der, der uns durch das Dunkle begleitet und dessen Wort stärker ist als der Tod.
Dann bleibt der, der uns trägt und in seiner Hand bewahrt.
Denn Gottes Wort trägt.
Gottes Verheißung vergeht nicht.
Gottes Treue ist stärker als jede Dunkelheit.
Amen