Jeremia 29, 1-14

„Frieden, Frieden, dir und denen, die dir helfen, denn ich steh dir bei, so spricht dein GOTT!“ AMEN. Liebe Gemeinde! So lautet ein alter Gruß aus einem Brief von vor 2.600 Jahren. Und einen Brief stelle ich heute ins Zentrum meiner Predigt. Jeremias Brief an die Verschleppten aus dem Königreich Juda ins ferne Babylon.

Es gab mehrere Wellen der Deportationen aus dem Land Judäa durch den babylonischen König Nebukadnezar II. Erstmals wurde Jerusalem und Judäa 597 v. Chr. erobert, dann nochmals 587/586 v. Chr. bei der Zerstörung Jerusalems und 582 v. Chr. mussten sich abermals hunderte und tausende Jüdinnen und Juden auf den Weg ins ferne Babylon machen. Nebukadnezar II. entvölkerte die von ihm eroberten gebiete und holte sich die angesehenen Herrschaften, die Vornehmsten samt Gefolge und Familien sowie die Handwerker und alle, die er selbst im Land brauchte in sein Reich. Ob diese jemals wieder nach Hause in ihre Heimat ziehen werden können, war völlig ungewiss. Aber so lange wie es möglich war, versuchten viele sich in den neuen Städten, Dörfern und Landstrichen, trotz allem ihre Sprache und Kultur und Religion zu erhalten.

Ähnlich wohl wie es bei jenen aus der Ukraine geflohenen Menschen ist, die nicht wissen, ob sie jemals nach Hause kehren werden können. Sollen sie ihren Kindern, die hier geboren werden und ihren Kleinkindern Ukrainisch beibringen, wie viel Kultur und Brauchtum möchte man erhalten, weitergeben. Für jede und jeden ist es bestimmt eine ganz private Frage: Will ich hier bleiben? Darf ich hier bleiben? Kann ich irgendwann zurück? Gerade in diese Stimmung hinein schickt der angesehene jüdische Prophet Jeremia vor 2.600 Jahren einen Brief von Juda ins ferngelegene Babylon, um seine Landsleute und Glaubensgeschwister im Exil über GOTTES Sprüche zu informieren.

Jeremia 29, 1-14 – ein Brief an die Verbannten in Babylonien

1 Der Prophet Jeremia schickte aus Jerusalem einen Brief an die Sippenoberhäupter, die Priester, die Propheten und alle anderen, die den Angriff der Babylonier überlebt hatten und von Nebukadnezar nach Babylonien verschleppt worden waren. 2 König Jojachin, seine Mutter, die Hofbeamten und die führenden Männer von Juda und Jerusalem waren zusammen mit den Schmieden und Schlossern Jerusalems in die Verbannung geführt worden. 3 Elasa, der Sohn von Schafan, und Gemarja, der Sohn von Hilkija, nahmen Jeremias Brief mit, als Zedekia sie zu König Nebukadnezar nach Babylon sandte. 4 Jeremia schrieb: »So spricht der HERR, der allmächtige Gott Israels, zu allen Verbannten, die er von Jerusalem nach Babylonien wegführen ließ: 5 Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und erntet ihre Früchte! 6 Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heiraten, damit auch sie Kinder zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. 7 Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen. 8 Ich, der HERR, der allmächtige Gott Israels, warne euch: Lasst euch nicht von den Propheten und Wahrsagern in die Irre führen, die mit euch in Babylonien leben! Gebt euch nicht mit diesen Träumern ab, die ja doch nur verkünden, was ihr hören wollt! 9 Sie erzählen euch nichts als Lügen und berufen sich dabei auch noch auf mich. Doch ich, der HERR, habe sie nicht gesandt. 10 Denn ich sage euch: Die Babylonier werden siebzig Jahre lang herrschen, und erst wenn diese Zeit um ist, werde ich mich euch wieder zuwenden. Dann lasse ich meine Verheißung in Erfüllung gehen und bringe euch wieder in euer Land zurück. 

11 Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der HERR, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt! 12 Wenn ihr dann zu mir ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, will ich euch ehören. 13 Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, 14 will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich, der HERR. Ich werde euer Schicksal zum Guten wenden: Aus allen Ländern und Orten, in die ich euch zerstreut habe, will ich euch wieder sammeln und in das Land zurückbringen, aus dem ich euch damals fortgejagt habe. Darauf könnt ihr euch verlassen!“

Liebe Gemeinde, also? Soll man die Koffer und Kisten auspacken oder lieber nicht? Man weiß ja nie, ob es nicht bald Frieden gibt in der eigenen Heimat. Und dann wird man zurückkehren können. In all die bekannten Gassen und Städte und Dörfer und Wälder und Felder und Berge. Alles, was einem vertraut ist, womit man aufgewachsen ist. Können wir uns das überhaupt vorstellen, wenn wir es nicht durchgemacht haben? Wer von uns ist schon einmal auf gepackten Koffern gesessen? Nicht voller Vorfreude auf den Urlaub, sondern mit diesem lähmenden Gefühl im Bauch: „Ich gehöre eigentlich hier nicht her. Das hier ist nicht meine Heimat. Ich warte nur darauf, dass dieser Albtraum endlich vorbei ist.“ Genauso stell ich mir vor, müssen sich die Menschen aus Jerusalem im Jahr 597 vor Christus gefühlt haben und die ukrainischen Flüchtlinge und die syrischen und die somalischen Flüchtlinge. Sie wurden entwurzelt. Sie sind weg aus ihrer Heimat gegangen oder sie sind gebracht worden, verfrachtet so wie vor 2.600 Jahren ins fremde Babylon. Die Route führte die Jüdinnen und Juden von Jerusalem aus nach Norden über das heutige Syrien und folgte dann den Flüssen Euphrat und Tigris hinab nach Süden bis nach Babylon. Es war ein gewaltiger mörderischer Fußmarsch von etwa 1600 Kilometern und man benötigte bestimmt 4 oder 5 Monate. Ihre Welt ist mit ihrer Deportation aus den Fugen geraten: Ihr Heiligtum, der Tempel war weg, die alten bekannten Gewohnheiten standen neuen gegenüber und die eigene Zukunft und jene der Kinder und Enkel ist völlig ungewiss. Und wie das in Krisenzeiten heute auch nun mal so ist, treten selbsternannte Hoffnungsexperten auf. Populisten und Möchtegern-Propheten, Lügenpropheten nennt sie Jeremia, die den Leuten nach dem Mund redeten: „Haltet durch! Packt eure Koffer gar nicht erst aus! In zwei Jahren ist alles wieder beim Alten. Gott holt uns hier raus!“, rufen sie ihnen zu. Das klingt immer verlockend. Aber es bleibt leider auch manchmal ein reiner Wunschtraum.

Denken wir nur kurz daran, dass der Krieg zwischen der Ukraine und Russland mit den 1701 Tagen bereits länger dauert, als der erste Weltkrieg, der nach 1.566 Tagen beendet worden ist. Und leider nehmen viele an, dass er noch länger als der Zweite Weltkrieg dauern könnte mit seinen 2.077 Zagen, 6 Jahre und 1 Tag. Sollen sie an der Idee festhalten, bald zurückkehren zu können? Oder sollen sie sich verstärkt anpassen und integrieren, die Sprache lernen, mit den Einheimischen anfreunden und sogar familiäre Bindungen eingehen? In solch einer Ungewissheit schreibt Jeremia einen Brief und lässt ihn von zwei treuen Boten überbringen. Ein Schreiben des Propheten Jeremia direkt aus der Heimat wurde herumgereicht, den Inhalt haben sie einander weitererzählt. Man hätte eine religiös formulierte Durchhalteparole oder ein diplomatisches Trostpflaster erwarten können. Aber Jeremia liefert stattdessen eine ehrliche, fast nüchterne Realitätsdusche. Und er will ihnen genau darin eine völlig neue Hoffnung zeigen. Jeremia schreibt im Auftrag Gottes: „Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und erntet ihre Früchte! Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heiraten, damit auch sie Kinder zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen. Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der HERR, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt! Dieser Brief ist ein wichtiges Dokument und liefert bis heute das Argument für unseren christlichen, unseren evangelisch-reformierten, unseren humanistischen Glauben. Jeremia beschreibt darin, warum es wichtig und gottgewollt ist, sich in die Belange unserer Stadt, unserer Dörfer, unseres Landes, unseres Bezirks einzumischen.

Der Glaube soll sich keinesfalls in eine fromme Parallelwelt oder in sakrale Hinterzimmer flüchten. Gerade, wenn die Zeiten rauer werden, bemüht euch um das Wohl der Stadt und eurer Mitbürger:innen. So klar lautet die damalige Botschaft. Und für Reformatoren im 16. und 17. Jahrhundert wie Johannes Calvin und Ulrich Zwingli und Heinrich Bullinger war es essentiell, dass sich Glaube nicht auf die Kirchenbänke beschränken darf, wenn wir dieses Wort Gottes ernst nehmen wollen und damit die gesamte jüdische und christliche Botschaft nicht völlig missverstehen wollen. Gott lässt sich nicht in Kirchenmauern einsperren. Gott ist kein Sonntagsgott, der erst aktiv wird, wenn die Glocken läuten und die Orgel spielt. Gott begegnet uns im Alltag, auf der Straße, in der Politik, in der Wirtschaft, in den Beziehungen, ja auch im Beziehungschaos, in den Brüchen unseres Lebens. Jeremia sagt den Menschen in Babylon klipp und klar: Packt eure Habseligkeiten aus und schlagt Wurzeln! Hört auf, einer Vergangenheit nachzutrauern, die es nicht mehr gibt. Hört auf, auf eine Abkürzung zu warten, auf eine Wunschvorstellung, mit der ihr euch aus der Realität flüchten wollt. Ein Haus zu bauen, braucht Zeit. Einen Garten zu pflanzen erfordert Geduld. Wer sät, rechnet damit, dass sie oder er bleiben wird. Das ist kein Aufgeben. Das ist gelebter aktiver Glaube. Gott sagt ihnen: „Ich bin nicht nur im Tempel von Jerusalem. Ich bin genau hier bei euch in Babylon. Mitten in der Fremde. Mitten in eurer Krise.“

Und diese Botschaft war damals überraschend. Nicht alle Verschleppten in Babylon wollten dem zustimmen. Viele dachten: Was, wenn Jeremia auch ein Lügenprophet ist und sie in ein zwei Jahren wieder zurück gehen können? Wozu dann Felder bestellen, wozu heiraten, wozu die Sprache lernen? Wenn wir hier nur noch so wenig Zeit haben, dann macht es doch keinen Sinn, sich hier zu engagieren und sich hier eine neue Heimat einzurichten? Ähnliches gilt ja auch am Ende unseres Lebens, uns auch des Arbeitslebens. Wenn ich mir denke, ich hab vielleicht nicht mehr so lange hier, warum soll ich dann denn noch dies und das tun und anfangen? Ich werde voraussichtlich längstens nur noch 10 Jahre hier sein und warum soll ich mir einen Haxen ausreißen? Weil ich es soll! So lautet die einfache Antwort von Jeremia. Weil ich es soll. Weil wir es sollen. Das gilt für uns hier und heute mitten in Wien. Wir lesen ja immer, wie großartig es hier ist. Regelmäßig gewinnt Wien Preise als lebenswerteste Stadt der Welt. Und ja, wir haben die Donauinsel, den Wienerwald, funktionierende Öffis und eine hohe Lebensqualität. Aber wir alle wissen auch: Das ist nur die eine Seite der Medaille. Wien hat genauso seine Schattenseiten und Härten. Die Anonymität hinter den imposanten Gründerzeitfassaden schlägt sich in krankmachende Einsamkeit nieder. Die Einsamkeit, die viele Menschen gerade in den großen Gemeindebauten erdrückt, nimmt drastisch zu. Es gibt eine gefühlte kühle Distanz, die oft als „Wiener Charm“ oder Grant abgetan wird, aber manchmal einfach nur soziale Kälte ist. Viele Familien haben viele Sorgen, weil das Leben spürbar teurer wird. Es gibt tiefe Gräben zwischen Bezirken, Kulturen und Einkommen. Jeremias Wort schlägt genau da in eine Selbstgenügsamkeit und Abgeschottet-Sein hinein: „Suchet der Stadt Bestes!“ Im hebräischen Urtext steht an dieser Stelle das Wort Schalom. Schalom bedeutet so viel mehr als nur „kein Krieg“. Es meint ein umfassendes Wohlergehen, benennt soziale Gerechtigkeit, steht für ein echtes Aufatmen und führt zu einem gelingenden Miteinander für alle – oder seien wir realistisch fast alle. Aber warum eigentlich realistisch bleiben. Jeremia richtet Gottes Botschaft aus und verlangt von den Verschleppten etwas absolut Radikales. Sie sollen nicht den Untergang Babylons, ihres Feindes, der sie zwangsvoll deportiert hatte, herbeiwünschen. Sie sollen für das Wohlergehen der Stadt beten, die sie gefangen hält!

Übertragen auf unser Leben in Wien heißt das: Wir sollen aktiv werden, anstatt zu matschkern und uns ständig zu beschweren. Konstruktive Kritik ist eben mehr als nur zu sagen: Das sind alles geldgierige ahnungslose Politiker:innen, die eh nicht aufs Wohl der Stadt schauen, sondern aufs Wohl der Partei oder von sich selbst. Wer glaubt, soll Verantwortung übernehmen. So engagieren man sich, wenn man einen Raum für alle öffnen will, für Barrierefreiheit, für Chancengleichheit in der Bildung, bei der Arbeit, für klimagerechte Stadtteile und soziale Netzwerke. Wenn mir das Wohlergehen der Mitbürger:innen am Herzen liegt, sollte es möglichst vielen gelten. Und dann muss ich mich schon fragen, wo versucht wird zu hetzen und zu spalten. Wenn es Wien gut geht, und zwar möglichst vielen Menschen in dieser Stadt, von Favoriten bis Döbling, vom Augarten bis nach Liesing, dann geht es jedenfalls allen ein wenig besser. Das ist aber kein krampfhafter Aufruf zur Selbstaufgabe. Jeremia fordert nicht, dass wir mit eigener Kraft so eine Art Paradies auf Erden bauen sollen. Die Kraftquelle für all das liegt in Gottes Zuspruch: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Das ist das Fundament: Gott hat Pläne mit unserer schönen Welt und mit unserem Leben, mit jeder und jedem einzelnen von uns. Weder die globalen Krisen noch die persönlichen Umbrüche werden das letzte Wort haben.

Jeremia rät hier ganz einfache Dinge zu tun, um diese Hoffnungszeichen sprießen zu lassen. Legen wir einen Garten an, auf dem Balkon oder im Gemeinschaftsgarten. Seien wir füreinander da und machen wir uns gegen Armut und Ausgrenzung stark. Und tun wir das nicht aus der Idee heraus, eine Pflicht erfüllen zu müssen, sondern aus einer tiefen Entspannung heraus, als Antwort auf diesen Zuruf: „Such das Beste für deine Stadt!“