Apostelgeschichte 2, 1-21 mit Pfr. Harald Kluge

Liebe Gemeinde, haben Sie schon einmal auf einem belebten Marktplatz einer Weltmetropole gestanden? In London, New York, Paris – oder einfach am Wiener Brunnenmarkt, am Graben oder in der Kärntnerstraße? Wenn man dort die Augen schließt und nur lauscht, wird man Zeuge eines faszinierenden Phänomens: Ein dichtes, wogendes Meer aus Lauten brandet an unser Ohr. Das weiche Melodische des Spanischen, das Kehlige des Arabischen, die rhythmischen Klicks afrikanischer Dialekte, das fast singende Chinesische.

Was zuerst wie ein unentwirrbares Chaos klingt, entpuppt sich bei genauem Hinhören als enorme Lebendigkeit. Jede Sprache ist ein eigenes Universum. Jede Sprache transportiert eine eigene Art, die Welt zu sehen, zu fühlen, zu lieben und zu trauern. Fühlen auf Spanisch „Feel“, lieben auf Arabisch الحب (al-ḥubb). Trauern auf Chinesisch 哀悼. (āidào – eidau).

Vor wenigen Tagen, am 21. Mai, haben wir weltweit den „Tag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung“ begangen. Dieser Welttag wurde vor 25 Jahren von der UNO ins Leben gerufen – als Reaktion auf Ereignisse, die die Menschheit zutiefst erschütterten, wie die barbarische Sprengung der jahrhundertealten Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im März 2001.

Solche Taten führen vor Augen, wie zerbrechlich Kulturen sind. Keine ist davor gefeit, mutwillig zerstört zu werden. Der „Tag der kulturellen Vielfalt“ ist im Grunde ein sperriger Name für etwas zutiefst Menschliches: Wir feiern die Tatsache, dass Gott uns eben gerade nicht aus einer einzigen Schablone gestanzt hat. Und heute, am Pfingstsonntag, feiern wir – so wird allgemein gesagt – den Geburtstag der Kirche, dem, was sie ausmacht. An diesem Tag haben die Anhängerinnen und Anhänger Jesu den Schritt aus ihrer Traurigkeit und ihrem Rückzug hinein ins Leben gewagt. Diese beiden Anlässe gehören untrennbar zusammen. Pfingsten ist das biblische Ur-Fest der kulturellen Vielfalt.

Hören wir dazu die Erzählung aus der Apostelgeschichte:

Zum Beginn des jüdischen Schawuotfestes waren alle, die zu Jesus gehörten, in Jerusalem beieinander. Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, jeder so, wie der Geist es ihm eingab.

In Jerusalem hatten sich viele fromme Juden aus aller Welt niedergelassen. Als sie das Brausen hörten, liefen sie von allen Seiten herbei. Fassungslos hörte jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache reden. »Wie ist das möglich?«, riefen sie außer sich. »Alle diese Leute sind doch aus Galiläa, und nun hören wir sie in unserer Muttersprache reden; ganz gleich ob wir Parther, Meder oder Elamiter sind. Andere kommen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus, Asia, Phrygien, Pamphylien, Ägypten, Libyen oder Rom. Wir sind Juden, Kreter und Araber.

Doch jeder von uns hört diese Menschen in seiner eigenen Sprache von Gottes großen Taten reden!« Erstaunt und ratlos fragte einer den anderen: »Was soll das bedeuten?« Einige aber spotteten: »Die haben doch nur zu viel getrunken!«

Da erhob sich Petrus mit den elf Aposteln und rief der Menge zu: »Hört her! Diese Männer sind nicht betrunken, es ist ja erst neun Uhr morgens. Nein, hier erfüllt sich, was Gott durch den Propheten Joel vorausgesagt hat: ›In den letzten Tagen, spricht Gott, will ich die Menschen mit meinem Geist erfüllen. Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure jungen Männer werden Visionen haben und die alten Männer Träume. Allen Männern und Frauen, die mir dienen, will ich in jenen Tagen meinen Geist geben. Wer dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.‹«

Liebe Festgemeinde!

Wenn wir an die Vielfalt von Sprachen denken, fällt uns meist zuerst der Turmbau zu Babel ein. Menschen wollten hoch hinaus, ein Denkmal der eigenen Macht setzen – ganz ähnlich wie heutige Tech-Milliardäre, die ihre Server ins Weltall verlagern wollen.

Damals sprachen alle dieselbe Sprache. Doch Gott schritt ein, verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie. Jahrhundertelang wurde diese Geschichte so ausgelegt, als sei Vielfalt eine Strafe Gottes, ein Fluch.

Das Pfingstfest räumt gründlich mit diesem Missverständnis auf. 50 Tage nach Ostern bricht der Heilige Geist über die verlassenen Jünger herein. Nicht leise, sondern wie ein kosmischer Weckruf. Und was macht dieser Geist? Bringt er ihnen eine himmlische Einheitssprache bei? Verlangt er, ab jetzt nur noch auf Latein, Griechisch oder Aramäisch zu predigen? Nein! Gerade im Glauben soll es keine standardisierte Kommunikation geben. Der Geist Gottes lässt diese einfachen Fischer aus Galiläa, die man an ihrem Dialekt sofort erkannte, in den Muttersprachen der Völker reden. Das Wunder besteht darin, dass die Menschen sich nicht anpassen müssen, um Gott zu verstehen. Gott passt sich ihnen und ihrer Kultur an.

Für uns in der evangelisch-reformierten Tradition ist das ein zentraler Gedanke. Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf predigten ganz bewusst in der Sprache des Volkes, nicht auf Latein. Warum? Weil das Evangelium die jeweilige Kultur nicht verdrängen, sondern bereichern will. In unserer heutigen Gesellschaft erleben wir eine merkwürdige Gleichzeitigkeit. Auf der einen Seite ist unsere Welt durch Globalisierung und Migration so vielfältig wie nie zuvor. In den Wiener Schulen haben über 50 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund – Wien war eben immer schon ein Schmelztiegel. Auf der anderen Seite erleben wir eine enorme Angst vor dieser Vielfalt. Die einen fordern radikale Assimilation, die anderen flüchten sich in aggressiven Nationalismus. Und Ewiggestrige faseln von „Remigration“, als ob man Menschen wie Waren hin- und herschieben könnte.

Pfingsten zeigt uns einen dritten Weg.

Die Geistausgießung schafft Einheit, aber nicht Gleichheit. Der Kreter bleibt Kreter, die Araberin bleibt Araberin. Ihre kulturelle Identität wird nicht ausgelöscht. Aber das Trennende, das Feindselige wird überwunden. Sie verstehen einander. Karl Barth schrieb einmal, dass die Gemeinde kein Monolith ist, sondern ein lebendiger Organismus, der von den Unterschieden seiner Glieder lebt. Wenn alle gleich wären, wäre der Leib Christi gelähmt. Gott liebt die Biodiversität des Geistes. Petrus wehrt sich gegen die Spötter, die sagen: „Mein Gott, sind die besoffen?!“ und zitiert den Propheten Joel. Dieser Text bricht alle Hierarchien auf:

Söhne und Töchter werden weissagen. Nicht die gelehrten und älteren angesehenen Männer. Junge und Alte arbeiten zusammen, anstatt sich in Grabenkämpfen zu zerreiben. Und sogar auf die Knechte und Mägde – die sozial Benachteiligten – wird der Geist ausgegossen. Hier wird eine radikale Gleichwertigkeit proklamiert, die jede soziale Barriere sprengt. Pfingsten ist ein zutiefst befreiendes, demokratisches Ereignis.

Kulturelle Vielfalt in der Kirche bedeutet deshalb nicht, einmal im Jahr ein „interkulturelles Buffet“ mit Hummus und Frühlingsrollen zu veranstalten. Es bedeutet Machtteilung. Es bedeutet anzuerkennen, dass unsere westlich-europäische Art, Christsein zu leben, nur eine von vielen Farben im göttlichen Malkasten ist. Was fangen wir nun an mit diesem Pfingstgeist?

Der Predigttext schließt mit den Worten: „Wer dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“

Das ist die Kernbotschaft, die alle Kulturen verbindet. Unser Auftrag als reformierte Kirche – als ecclesia semper reformanda, die sich ständig erneuert – ist der Auftrag zur Übersetzung. Wir müssen Sprachbarrieren abbauen und Räume des Dialogs öffnen. Aber wir müssen die Botschaft von der Gnade Gottes auch in die Sprachen der heutigen Zeit übersetzen: in die Sprache der Digitalisierung, in die Sprache der sozialen Nöte, zu den Menschen, die mit traditionellen kirchlichen Begriffen nichts mehr anfangen können. Das Wunder von Pfingsten liegt nicht in der Vergangenheit. Pfingsten passiert auch heute noch – überall dort, wo wir den Mut aufbringen, aus unseren geschlossenen Räumen herauszutreten, direkt auf den Marktplatz des Lebens.

Die Vielfalt bedroht uns nicht, sie bereichert uns. Sie ist das lebendige Zeichen dafür, dass Gottes Geist weht, wo er will. Ein Tag der kulturellen und sprachlichen und religiösen Vielfalt gemeinsam mit dem Pfingstfest wäre toll als ein gemeinsames Fest einer weltweiten Geschwisterlichkeit. Das würde doch vieles heilen helfen.

Amen.