Harald Kluge Youtube
Lesung aus dem Lukasevangelium 2, 41-52 – Jesus als 12 Jähriger wird von seinen Eltern in der großen Stadt Jerusalem gesucht. Sie finden ihn im Tempel wieder.
Na, liebe Gemeinde! Und jetzt einmal Hand aufs Herz. Wer von euch hat sich nicht schon mal so große Sorgen gemacht wie Maria und Josef um ihren Sohn Jesus? Wer hat sein Kind nicht schon mal verzweifelt gesucht? In den letzten neun Monaten hattet ihr, liebe Eltern der Konfirmandinnen und Konfirmanden, es da leichter. Zumindest freitags zwischen 18:00 und 19:30 Uhr wusstet ihr genau, wo euer Nachwuchs steckt: Im Haus Gottes. In der Dorotheergasse 16.
Neun Monate Konfi-Kurs. Es war keine schwere Geburt, eher eine Punktlandung. Nach einem etwas stotternden Start haben wir flott den richtigen Kurs gefunden. An 23 Abenden, zu einem Zivilcourage-Training sind wir zusammengekommen. Und zwei Wochenenden haben wir gemeinsam in der Veitsch und am Stubenbergsee verbracht. Wir saßen, Konfis und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Freitag, oft auch, wenn eigentlich gar kein Kurs angesetzt war, im Sesselkreis im Gemeindesaal. Und ihr habt untereinander diskutiert wie der zwölfjährige Jesus im Tempel mit den Gelehrten seiner Zeit.
Zugegeben, es war ein Schnellsiedekurs über das Leben. Wir haben über eure Berufsträume, Hobbys und Lieblingsspiele gesprochen, aber auch über den richtig schweren Fragen in unserem Nest gebrütet:
Worauf hoffe ich eigentlich? Wie geht das: das Beten & das Predigen? Und – ganz wichtig – wie streitet man richtig, ohne alles kaputt zu schlagen? Wir haben uns über Antisemitismus und Ausgrenzung aufgeregt, das Mahnmal am Albertinaplatz analysiert und bei „Orange the World“ ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen gesetzt. Ihr habt uns da am letzten Sonntag frisch aus dem 3D Drucker von Jakob auch gleich dieses starke Zeichen gegen Gewalt – den White Ribbon mitgegeben. Übrigens hat Jakob da auch die Nummer der FRAUENHELPLINE gegen Gewalt eindrucken lassen – 0800 222 555. Da kommt man direkt österreichweit zur telefonischen Beratung, wenn man als Frau oder Mädchen mit Gewalt konfrontiert ist – rund um die Uhr, kostenlos, anonym, mehrsprachig, 365 Tage im Jahr. Am Ausgang gibt es da noch einige der White Ribbons für Sie. Danke Jakob! Wir haben miteinander Anfang Dezember sogar gemeinsam versucht, eine eigene Religion zu erfinden – inklusive Rituale und Räume und Zeiten: Wann würden wir am liebsten gemeinsam feiern und was machen wir dann?
Euch ist zu jeder Frage des Lebens etwas eingefallen. Unsere 20 Köpfe haben eine Gemeinschaft heraufbeschworen. Und ich bin überglücklich ein Teil davon zu sein. Wir haben uns mit „Jesus und die Frauen“ beschäftigt, was wohl die Initialzündung für euren eigenen Gottesdienst war: „Feminismus – ein Tag ist nicht genug!“ Ihr habt gelernt: Wir sind Evangelische. Und wir sind Reformierte. In Österreich sind wir da ja eine kleine Herde (unter 10.000 Schäfchen), aber weltweit sind wir 100 Millionen. Unser gemeinsames reformiertes Motto könnte lauten: „In Vielfalt geeint!“ wie bei der EU. Das bedeutet: Jede und jeder soll sich eine eigene Meinung bilden. Keine Stimme ist zu leise, keine zu jung. Und wir müssen uns immer neu überlegen, wie will GOTT, dass wir leben und was hat Jesus mit seinen starken Aussagen und Handlungen gemeint? Woran soll ich mich orientieren?
Und wichtig war es uns, also dem Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Anna, Babsi, Cornelia, Leoni, Sarah, Emil, Lukas, Nandor, Oliver und Harald, dass gleich von Anfang an seit dem ersten Treffen klargestellt ist: Wir begegnen einander alle auf einem Niveau.
Lasst euch niemals also nicht einreden, ihr wärt zu jung, zu unerfahren oder „noch voll in der Pubertät“. Wenn euer Gewissen euch sagt: „Das hier ist der richtige Weg“, dann geht ihn. Denkt nicht: „Das kann ich eh nicht.“ GOTT hat uns dieses Gewissen als Kompass fürs Leben geschenkt!
Einem Jugendlichen, der damals genau in eurem Alter war, ging es vor gut 2600 Jahren ganz ähnlich: Jeremia. Er hatte eines Tages einen Anruf – oder besser: einen Ruf – der sein Leben veränderte.
Die Berufung (Jeremia 1, 4-11)
Jeremia wird von Gott berufen4 Eines Tages sprach der HERR zu mir: 5 »Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt, um mir allein zu dienen. Du sollst ein Prophet sein, der den Völkern meine Botschaften verkündet.« 6 Ich aber erwiderte: »O nein, mein HERR und Gott! Ich habe keine Erfahrung im Reden, denn ich bin noch viel zu jung!« 7 Doch der HERR entgegnete: »Sag nicht: Ich bin zu jung! Zu allen Menschen, zu denen ich dich sende, sollst du gehen und ihnen alles verkünden, was ich dir auftrage. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und werde dich beschützen. Darauf gebe ich, der HERR, mein Wort.« 9 Er streckte mir seine Hand entgegen, berührte meinen Mund und sagte: »Ich lege dir meine Worte in den Mund 10 und gebe dir Vollmacht über Völker und Königreiche. Du wirst sie niederreißen und entwurzeln, zerstören und stürzen, aber auch aufbauen und einpflanzen!« 11 Dann fragte er mich: »Jeremia, was siehst du dort?« »Einen Mandelbaumzweig, dessen Blüten bald aufgehen.«
Gott sagt Jeremia: „Bevor du überhaupt im Mutterleib warst, kannte ich dich schon. Ich hab dich ausgesucht. Du sollst mein Prophet sein.“
Das ist ein starker Satz. Gott sucht dich als Individuum aus – ganz persönlich, ganz intim. Jeremias Reaktion? Verständlich. „O nein, Gott! Ich kann nicht gut reden, ich bin doch noch viel zu jung!“ Doch Gott kontert sofort: „Sag nicht: Ich bin zu jung!“ Was glauben Sie, wie alt Jeremia da war? Manche sagen ein Teenager, manche Anfang 20. Damals wie heute gilt: Die Jungen sollen mal schön still sein, die haben ja noch keine Ahnung. Aber wie viel mehr wissen wir Erwachsenen denn wirklich? Und wenn wir es wissen, warum handeln wir dann nicht? Jugendlicher Übermut ist zuallererst genau das: MUT.
Es sind oft die Jüngeren, die gegen Umweltzerstörung und den blinden Glauben an die Wirtschaft, gegen den Kadavergehorsam, gegen das vermeintlich „Faktische“, gegen das von allen so genannte „Unvermeidbare“ aufstehen. Sich auflehnen und nicht abzufinden, sondern Lösungen finden zu wollen.
Darum geht es doch.
Nicht nur den Kopf schütteln, wenn wir hören: FEMINISMUS?! Geh bitte. Das ist doch Schnee von gestern. Das haben wir hinter uns.
Bei eurem Them ahab ich mir gedacht: Es gibt wohl nur ein Thema mit dem ihr mehr Kopfschütteln erzeugt hättet – also ich finde es gut, wenn die Leute den Kopf schütteln, weil dann kommen die Schrauben und Rädchen im Gehirn vielleicht wieder in die richtige Position und man fängt neu zu denken an. Also statt FEMINISMUS hab ich mir gedacht. Ein Thema wäre wohl noch aufregender: Woke und Wokismus. Da hättet ihr wohl auch viel zu sagen. Denn WOKE heißt und meint: Wir sollten woke, also wachsam sein gegenüber jeder Art und Form von Diskriminierung und Abwertung! Gott sagt zu euch Jüngeren, Jugendlichen und Junggebliebenen: „Lasst euch nicht einreden: Ihr seid nicht zu jung!“
Und wir als Kirche müssen das irgendwann auch endlich begreifen, reifen: Ihr habt ein Gespür dafür, wenn etwas schiefläuft. In einer unserer Konfi-Stunden habt ihr als „Jugend-Gemeindevertretung“ getagt und über Verschiedenes abgestimmt. Die notwendige Sanierung unseres Kirchturms war euch etwa ein großes Anliegen. Euch ist der Turm, wie uns nicht egal. Und ihr, Konfis und Mitarbeiterinnenteam, habt euch einstimmig und euphorisch für die Initiative „A und O – akzeptierend und offen“ eingesetzt. Dank euch hat unsere Gemeinde jetzt dieses Prädikat, das vermitteln soll: Wir wollen eine offene und akzeptierende Gemeinde sein, werden und bleiben. Ihr habt gezeigt, dass ihr gestalten wollt.
Gott sagt: „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und beschütze dich. Darauf hast du mein Wort.“ Gott will euer Selbstbewusstsein nicht nur ein bisschen pushen, er will es zementieren. Das Spiel des Lebens Und hier kommen wir zu einem unserer Lieblingsspiele im Jugendkeller: „Stadt, Land, Vollpfosten“. Lassen Sie uns das kurz gemeinsam spielen. Nehmen Sie die ersten beiden Buchstaben Ihres Vornamens. Ich stelle eine Frage, und wer zuerst eine Antwort mit einem dieser beiden Anfangsbuchstaben herausruft, gewinnt:
- Zum Einstieg: Das gehört für mich zu einem guten Frühstück…
- Das verbinde ich mit KIRCHE…
- Daran denke ich, wenn ich an die Konfirmandinnen und Konfirmanden denke…
- Darüber hab ich mich in letzter Zeit gefreut…
- Das macht mir Angst…
- Das bringt mich zum Lächeln…
- Das stärkt mein Selbstbewusstsein…
- Das schenkt mir Hoffnung…
(Kurze Interaktion mit der Gemeinde)
Ein Impuls reciht aus, um eine Stimme zu finden. Bei Jeremia war es so: Gott streckt seine Hand aus, berührt ganz sanft seinen Mund und sagt: „Ich lege dir meine Worte in den Mund. Du wirst Dinge einreißen, aber auch aufbauen und einpflanzen!“ Dann fragte Gott: „Jeremia, was siehst du?“ Und er antwortete: „Einen Mandelbaumzweig, dessen Blüten bald aufgehen.“
Liebe Gemeinde, heute ist es leicht, Dinge niederzureißen. Das können wir in jedem Videospiel. Da sind wir bei Beziehungen leider auch ganz gut drin. Aber etwas aufzubauen und einzupflanzen und beim Wachsen zuzusehen – da müssen wir geduldig sein und uns Zeit nehmen. So wie ihr alle euch heute Zeit genommen habt, um euren Liebsten – den Konfis – den Rücken zu stärken. Der Mandelzweig ist ein ganz starkes Bild der Hoffnung. Ihr, liebe Konfis, seid genau solche Hoffnungsträger. Ihr seid die Botinnen und Boten für eine Hoffnung, die man sehen, hören und sogar angreifen kann.
Zuletzt noch einmal zurück zu „Stadt, Land, Vollpfosten“. Nehmen Sie den Anfangsbuchstaben Ihres Namens. Fällt Ihnen dazu etwas ein, worüber sie in Jubel ausbrechen? Mir fallen: Armin, Arno, Benedikt, Constantin, Emma, Florian, Jakob, Jasmin, Simon und Sophie. Eure Namen sind Namen einer neuen Generation und einer neuen Hoffnung. Wenn ihr an euren Namen denkt, denkt daran: Ihr seid die Zeichen der Freude und der Liebe Gottes gegen jede Form von Hoffnungslosigkeit.
AMEN