Psalm 98, 2 Korinther 8, 7-15 von Harald Kluge
Psalm 98 Freut euch mit uns Gott hat uns befreit! Ein Lied. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat Wunder getan! Der heilige Gott hat den Sieg errungen durch seine gewaltige Kraft. Alle Völker konnten sehen, wie der HERR befreit, seine Gerechtigkeit hielt er der Welt vor Augen! Er erfüllte das Versprechen, seinem Volk gnädig und treu zu sein. Bis in die fernsten Länder ist die Nachricht gedrungen: »Gott hat Israel gerettet!« Jubelt dem HERRN zu, ihr Menschen auf der Erde! Preist ihn mit Liedern, singt und jubelt laut vor Freude! Lasst für ihn die Saiten der Harfe erklingen und erfreut den HERRN mit eurem Gesang! Trompeten und Hörner sollen für Gott, euren König, erschallen! Das Meer mit allem, was in ihm lebt, soll zu seiner Ehre brausen und tosen! Die ganze Welt soll in Jubel ausbrechen! Ihr Flüsse, klatscht in die Hände; ihr Berge, preist unseren HERRN, denn er kommt, um die Welt zu richten. Sein Urteil über die Völker ist unbestechlich und gerecht.
2 Korinther 8, 7-15 „Mit anderen teilen“ Ihr seid durch so vieles überaus reich beschenkt: durch euren Glauben, durch Worte, die der Heilige Geist euch schenkt, durch das Verständnis der Botschaft Gottes, euren Einsatz für den Herrn und die Liebe, die wir in euch geweckt haben. Lasst diesen Reichtum nun auch sichtbar werden, indem ihr der Gemeinde in Jerusalem helft. Natürlich will ich euch nichts befehlen. Aber angesichts der Opferbereitschaft der anderen würde ich gern sehen, wie echt eure Liebe ist. Ihr wisst ja, was unser Herr Jesus Christus in seiner Liebe für euch getan hat: Er war reich und wurde doch arm, um euch durch seine Armut reich zu machen. Nach meiner Meinung kann es nur gut für euch sein, wenn ihr die Sammlung durchführt. Ihr habt sie euch ja im vorigen Jahr vorgenommen und auch schon damit begonnen. Jetzt solltet ihr die Sache zu Ende bringen, damit es nicht bei guten Vorsätzen bleibt. Gebt so viel, wie es euren Möglichkeiten entspricht! Wenn nämlich der gute Wille da ist, dann ist jeder willkommen mit dem, was er hat, und man fragt nicht nach dem, was er nicht hat. Denn es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen, wie es in der Schrift heißt: „Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel, und wer wenig, hatte nicht zu wenig.“
Liebe Gemeinde! Liebe Sängerinnen und liebe Sänger!
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Das hat uns der Psalm 98 heute zugerufen. Wir alle wissen, dass Singen mehr ist als nur Töne treffen – oder es zumindest zu versuchen. Was ich nicht sagen will, kann ich mit Singen ausdrücken. Das Singen war und ist und bleibt immer ein Protest gegen die Hoffnungslosigkeit.
In der Bibel sind es nicht nur die Menschen, die singen. Hier jubelt und singt die gesamte Schöpfung. Und physikallisch gesehen ist es ja auch so, dass alles schwingt, die gesamte Materie existiert allein durch die in ihr vorhandenen Schwingungen. Deshalb singt das Meer, weil es braust, die Ströme singen, weil sie in die Hände klatschen, die Berge singen, weil sie frohlocken.
Es ist der Sound der Natur, den wir hier in der Großstadt nur leise und selten durch all die Kakophonien hören können.
Aber wir hören es beim Zwitschern und Singen der Vögel, die auch hier in den Ranken an unserem Gebäude ihre Nester gebaut haben und bauen werden. Wir hören es beim Sausen des Windes und im Sturm und hoffentlich bald auch im Platschen und Klatschen der Regentropfen auf den Dächern.
Wir hören die Schöpfung jubeln, wenn ein Wal, der auf Grund gelaufen war, nach Wochen der Anstrengungen wieder frei in die Ozeane losschwimmen kann.
Wer ein Leben rettet, rettet die gesamte Art. Weil sie und er zeigen, dass wir Anstrengungen unternehmen und nicht einfach nur beim Sterben zuschauen wollen.
Jubel und Singen und Klatschen und Musizieren wir. Warum?
Weil Gott kommt. Das allein ist schon eine tolle Botschaft. GOTT bleibt nicht fern, unberührt, sodnern GOTT kümmert`s, was hier passiert.
GOTT kommt, um das Erdenreich zu richten, die Erdenreiche zu bewerten. Welche Reiche entsprechen am ehesten den Vorstellungen des gnädigen und liebenden GOTTES? Reiche, die allein auf Kraft und Macht und Waffen und Drohgebärden setzen? Oder nicht eher Reiche, in denen man sich anstrengt, einen gerechten Ausgleich zu schaffen, zwischen denen, die ausreichend und jenen, die zu wenig haben.
Und darauf geht der Apostel Paulus, einst als Saulus ein gewalttätiger Verfolger der Christengemeinden und dann als Paulus ein glühender Verfechter der frohen Botschaft, des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus.
Wie klingt dieses „neue Lied“, von dem wir in den Psalmen hören im Alltag? Paulus wird im zweiten Korintherbrief da schon sehr konkret. Er schreibt über eine Kollekte, eine Spendensammlung für die damals arg gebeutelte arme christliche Gemeinde in Jerusalem.
Übrigens geht es den christlichen Gemeinden und Kirchen in Jerusalem derzeit auch wieder eher schlecht. Der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem Benediktinerpater Nikodemus Schnabel sagt: „Meine Sorge ist, dass das Heilige Land zu einer Art ‚christlichem Disneyland‘ werden könnte.“
Grund dafür sind die Anfeindungen und der dadurch erzeugte Druck für Christinnen und Christen, Jerusalem und Israel zu verlassen. Es gebe Anspucken auf offener Straße, Vandalismus, Brandstiftung, Schändung und Hassgraffiti.
Der Benediktiner Nikolaus Schnabel verwies darauf, dass viele Christen im Heiligen Land weder in der israelischen noch in der palästinensischen nationalen Erzählung als zugehörig wahrgenommen werden. Vor dem Hintergrund wachsender Polarisierung bekräftigt Schnabel die Haltung der Kirchen vor Ort:
„Wir sind weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch.“
Die Gemeinde in Jerusalem war und ist eine Gemeinde mit einer einzigartigen Geschichte und damals vor 2000 Jahren hat sie Geld benötigt, da viele der Anhänger des Glaubens an Jesus nicht zu den finanzstarken Einwohnerinnen und Einwohnern gezählt haben.
Sie können mir jetzt gerne vorwerfen, die Zusammenschau von Psalm 98 und dem Text aus dem Korintherbriefsei schon arg divergierend: Da der kosmische Jubel eines Psalms, dann die Buchhaltung einer Gemeinde, wie wir sie heute auch machen müssen.
Für Paulus gehören der Jubel und die Buchhaltung zusammen. Er schreibt:
„7 Ihr seid durch so vieles überaus reich beschenkt: durch euren Glauben, durch Worte, die der Heilige Geist euch schenkt, durch das Verständnis der Botschaft Gottes, euren Einsatz für den Herrn und die Liebe, die wir in euch geweckt haben. Lasst diesen Reichtum nun auch sichtbar werden, indem ihr der Gemeinde in Jerusalem helft.“
Ein neues Lied zu singen bedeutet, wir können den Rhythmus der Welt verändern. Und oft meinen wir, im Rhythmus klingt das so: „Jeder für sich, ich für mich, und Gott gegen alle.“
Das Lied Gottes aber zielt schon irgendwie auf einen Ausgleich.
Die Einstellung: „Alle sind willkommen“ muss in der Folge auch heißen: „Alle haben genug“.
Paulus entwirft hier ein damals schon für viele und immer mehr Menschen faszinierendes Modell von Gemeinschaft. Ein Zusammenleben, in dem alle einen Platz haben, Sklavinnen und Sklaven, wie Herren Und Damen des Hauses, Soldaten und Bauersleute, Handwerker und Menschen, die gepflegt werden. Fremde und Einheimische, Männer und Frauen.
„13 Ihr sollt nicht selbst in Not geraten, weil ihr anderen aus der Not helft. Es geht nur um einen gewissen Ausgleich. 14 Heute habt ihr so viel, dass ihr ihnen helfen könnt. Ein andermal werden sie euch von ihrem Überfluss abgeben, wenn es nötig ist. Das meine ich mit Ausgleich.“
Wenn wir sagen „Alle sind willkommen und werden akzeptiert“, dann meinen wir nicht nur, dass die Tür offensteht. Wir meinen, dass wir auch das Schicksal und alles, was die Zukunft bringt, gemeinsam anpacken.
Wer gerade viel hat (an Kraft, an Geld, an Hoffnung), gibt etwas ab. Wer gerade wenig hat, darf empfangen, ohne sich zu schämen.
Paulus zitiert in dem Zweiten Brief an die Christinnen und Christen in Korinth hier das „Manna-Wunder“ aus dem Alten Testament, Exodus 16. „Wer viel sammelte, hatte keinen Überfluss, und wer wenig sammelte, hatte keinen Mangel.“ Das Mannawunder gehört zu einer der eindrücklichsten Erzählungen des Alten Testaments als Geschichte GOTTES mit seinem Volk. In Exodus 16 finden wir bei den Anweisungen, die GOTT Mose und den aus Ägypten geflohenen Hebräerinnen und Hebräern gibt, das spirituelle Rückgrat für das Motiv des Teilens. Und das zitiert Paulus hier ganz bewusst. Das Volk Israel zog damals nach ihrer Flucht vor den Truppen des Pharaos durch die Wüste. Ihre Vorräte sind erschöpft, der Hunger groß, und die Stimmung kippt in Murren und Verzweiflung um. Gott antwortet jetzt darauf nicht mit Strafe, sondern mit Fürsorge: Jeden Morgen nach dem Tauen liegt etwas „Feines, Flockiges“ auf dem Boden, wie Reif. Die Israeliten fragen: „Man hu?“ „Was ist das?“ Daher hat diese Nahrung den Namen Manna. Gott knüpft dieses Wunder aber an zwei Bedingungen, die heute noch radikal sind: Es kam täglich neu. Manna konnte man nicht horten. Wer versucht, Vorräte für den nächsten Tag anzulegen – aus Angst, morgen gäbe es nichts mehr -, bei dem verfaulte es und wurde wurmig. Alle mussten lernen, auf das Morgen zu vertrauen.
GOTT verordnet ein Maß des Bedarfs. Alle durften nur so viel sammeln, wie sie zum Essen brauchten. Nicht mehr. Das Entscheidende geschah dann beim Nachmessen. Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel; und wer wenig gesammelt hatte, hatte nicht zu wenig. Es entstand eine natürliche Gerechtigkeit durch das Teilen.
Dieses Manna ist ein echt starkes Symbol, dass wir ins „Brot des Lebens“ unser Vertrauen setzen. GOTT gibt es uns gegen die Angst. In einer Welt, die auf Anhäufung und Absicherung setzt, erinnert uns das Mannawunder daran, dass genug für alle da wäre, wenn wir nicht aus Angst horten würden. Bei Gott sollte es keinen „Überfluss“ auf Kosten anderer geben. Der Reichtum ist in der Bibel nie Selbstzweck, sondern immer eine Ressource, die gut verwaltet sein muss, und zum Ausgleich beitragen soll. Das Manna in der Wüste ist auch das Vorbild für das „tägliche Brot“ im Vaterunser, um das wir bitten. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Und das Manna hat auch eine Verbindung zum Abendmahl. So wie das Manna, das vom Himmel fiel, ist die Gnade Gottes ein Geschenk, das wir uns nicht verdienen können. Die Gnade und Liebe Gottes liegen aber jeden Tag neu „vor unserer Haustür“. Es wär schön, wenn unsere Stadtkirche sich zu einem „Manna-Ort“ entwickeln würde. Hier am Tisch können wir lernen, dass wir genug haben, wenn wir bereit sind, den Tisch mit anderen zu teilen.
Liebe Gemeinde, der Gottesdienst heute am 3. Mai, zwei Tage nach dem Tag der Arbeit, könnten wir als Generalprobe für das Leben da draußen ansehen. Wenn wir gleich das Abendmahl feiern, dann schmecken wir diese „Gleichheit“. Am Tisch des Herrn gibt es keine Hierarchien. Da sind wir alle Gästinnen und Gäste. In der Nüchternheit des Paulus können wir uns nachher selber fragen: Wo kann ich in dieser Woche für Ausgleich sorgen? Wo kann ich jemanden willkommen heißen, der oder die sich sehnlichst Zuwendung wünscht?
Ein bisschen mehr…
Ein bisschen mehr Friede
und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte
und weniger Neid,
ein bisschen mehr Liebe
und weniger Hass,
ein bisschen mehr Wahrheit,
das wär doch schon was.
Statt soviel Hast
ein bisschen mehr Ruh’.
Statt immer nur Ich
ein bisschen mehr Du!
Statt Angst und Hemmungen
ein bisschen mehr Mut
und Kraft zum Handeln,
das wäre gut.
Kein Trübsinn und Dunkel,
mehr Freude und Licht.
Kein quälend Verlangen,
ein froher Verzicht
und viel mehr Blumen
so lange es geht,
nicht erst auf Gräbern,
da blühn sie zu spät!
Peter Rosegger (1843 – 1918)