„Denn ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ Galater 3,26–28

Welchen Hut ziehe ich an?

Liebe Gemeinde, bei uns in der Gemeinde gibt es eine sehr ernste Frage, eine Frage, die jedes Jahr neu entschieden werden muss. Sie lautet: Welchen Hut ziehe ich an?

Unsere Seniorinnenrunde hat am vergangenen Donnerstag wieder das Hutfest gefeiert. Und wer einmal dabei war, weiß: Da geht es nicht um irgendeinen Hut. Da geht es um Stilfragen, um Mut zur Farbe und manchmal auch um die Frage, ob dieser Hut wirklich noch auf den Kopf gehört – oder vielleicht besser auf den Tisch. Aber genau das macht dieses Fest so schön. Denn bei allem Lachen wird eines ganz deutlich: Hüte machen gute Laune, aber sie machen keine Menschen.

Und doch wissen wir: Manchmal sagt das, was wir tragen, mehr als das, was wir sagen. Ein Hut zum Beispiel kann zeigen, wer ich bin oder wer ich sein möchte, welche Rolle ich habe oder welche Aufgabe mir zugeschrieben wird. Und doch gilt auch hier: Ein Hut allein macht noch keinen Menschen.

Dieses Spannungsfeld zwischen außen und innen, zwischen Rolle und Haltung, zwischen Wirkung und Wahrheit zieht sich durch unser Leben – und auch durch unseren Glauben.

Der Katzohr-König

Dazu habe ich heute eine meiner Lieblingsgeschichten mitgebracht: ein ungarisches Volksmärchen, eine Geschichte über einen Cousin – könnte man sagen – des gestiefelten Katers. Doch die beiden Kater unterscheiden sich in vielem, und die Aussage dieses ungarischen Märchens passt besser zu unserem heutigen Thema.

Es geht um einen Kater, einen vertriebenen Kater, der gerade auf der Flucht vor dem Besen seines Frauchens ist. Auf einer Brücke sitzend sieht er zum ersten Mal einen Fuchs. Nun – zum Glück des Katers sieht auch der Fuchs zum ersten Mal einen Kater.

„Wer bist du denn?“, fragt der Fuchs.

Der Kater spürt: Seine Stunde ist gekommen. Er kann jetzt ganz neu anfangen und sich Ehre und Würde aufbauen. Mit ernster Stimme antwortet er: „Weißt du denn nicht, wer vor dir steht? Ich bin der Katzohr-König. Ich kann jedes Tier zur Ordnung rufen.“

Als Entschuldigung für sein Unwissen lädt der Fuchs ihn zu einer Hühnersuppe ein. Nach dem Mittagessen legt sich der Kater hin und befiehlt dem Fuchs, für absolute Ruhe zu sorgen. Und der Fuchs tut dies auch: Er stellt sich als Wache vor die Fuchshöhle.

Ein Kaninchen hüpft vorbei. „Sei still!“, ruft der Fuchs es zur Ordnung. „Weißt du denn nicht, wer hier gerade ruht? Der Katzohr-König. Er kann jedes Tier in Schranken weisen.“

Das Kaninchen hüpft hastig weiter. Nicht viel später kommen zuerst der Bär, dann der Wolf und schließlich der Rabe vorbei. Auch sie werden vom Fuchs zur Ordnung gerufen, denn sie kennen den Katzohr-König nicht, und dieser braucht nun absolute Ruhe.

Die Tiere wollen dem mysteriösen Katzohr-König schließlich begegnen und ihm ihre Ehre erweisen. So laden sie ihn – über den Fuchs – zu einem Festessen ein.

Groß ist die Aufregung unter den Tieren, aber ebenso groß ist sie im Inneren des Katzohr-Königs. Je höher er steigt, desto größer wird seine Angst: die Angst, entdeckt zu werden, und die Angst, dass jemand merkt, dass hinter der Rolle Unsicherheit steckt.

Als schließlich alles bereit ist und die Tiere den Kater mit Hut, Stiefeln und Stock auf sich zukommen sehen, bricht Panik aus. Aus Versehen verbrennt sich das Kaninchen den Schwanz und springt auf den Wolf. Der panische Wolf kratzt reflexartig den Bären, und der Bär ohrfeigt den inzwischen angekommenen Katzohr-König derart, dass auch dieser panisch davonrennt.

Wer ist der Gewinner der Geschichte? Wohl der Fuchs, der Abstand und Ehre bewahrt – und sich am verlassenen Festtisch den Magen füllt.

Rolle und Angst

Diese Geschichte ist ehrlich. Der Kater trägt Hut, Stiefel und Stock, er wirkt selbstbewusst und steigt auf. Aber innerlich bleibt er voller Angst.

Kacor ist König – aber innerlich bleibt er verletzlich. Genau darin liegt die Tiefe dieser Geschichte. Denn sie sagt uns: Der Hut schützt nicht vor Angst, die Rolle schützt nicht vor Zweifel, und auch Erfolg schützt nicht davor, sich manchmal zu fragen: Bin ich wirklich genug?

Das Märchen verschweigt diese Angst nicht. Und gerade deshalb ist es wahr.

Äußere Zeichen und innere Haltung

Auch die Bibel kennt dieses Spannungsfeld.

Schon im Alten Testament tragen Priester Kopfbedeckungen. Nicht aus Eitelkeit, nicht aus Mode, sondern als Zeichen: Ich stehe in einem Auftrag, der größer ist als ich selbst. Das Äußere ordnet das Leben, sei es ein Amt, eine Amtskleidung oder ein Diensthut. Aber es ersetzt nicht das Innere.

Und das gilt auch für das christliche Leben: Glaube bedeutet nicht, unangreifbar zu werden. Glaube bedeutet, sich tragen zu lassen – auch mit Angst. Haltung heißt nicht, keine Angst zu haben. Haltung heißt, trotz Angst zu stehen.

Das ist eine wichtige Botschaft, gerade heute und gerade für uns, die wir unterschiedliche Verantwortungen tragen und unterschiedliche Rollen erfüllen müssen – einige von ihnen in der Gemeinde, andere in der Familie und in der Gesellschaft.

Vor Gott ohne Rang und Hut

An dieser Stelle fehlt noch ein wichtiger Gedanke, einer, der uns davor bewahrt, uns selbst höher zu stellen als andere.

Darauf wies auch Jesus hin in unserem heutigen Lesungstext. Diesen jesuanischen Gedanken griff die Praxis der Urgemeinde auf: Für die Männer galt keine Kopfbedeckung mehr. Der Mann soll mit unbedecktem Kopf vor Gott stehen, als Geschöpf vor dem Schöpfer, ohne Zeichen von Rang, ohne sichtbare Abgrenzung, ohne Hut.

Und diese Praxis war besonders in der Reformationszeit wieder sehr wichtig, um zu betonen: Vor Gott steht kein Amtsträger. Vor Gott steht kein Würdenträger. Vor Gott steht kein Mensch, der sich über andere erhebt. Vor Gott steht ein Mensch, als Geschöpf vor seinem Schöpfer.

Damit wird etwas Entscheidendes gesagt: Niemand kommt Gott näher durch seine Rolle. Niemand ist Gott wichtiger wegen seines Amtes. Niemand steht höher, weil er etwas darstellt. Christus selbst ist das Haupt der Gemeinde – nicht wir.

So wird der Hut der Hierarchie abgenommen, nicht um Ordnung aufzulösen, sondern um sie neu zu begründen: in der Gnade.

Würdig ist der Mensch

Ich möchte noch einmal zum König Kacor zurückkommen.

Noch etwas zeigt die Geschichte: Die Tiere lassen sich blenden. Sie fürchten nicht den Kater – sie fürchten seinen Titel. Der Name reicht, der Rang genügt, und die Angst entsteht.

Genau hier wird die Geschichte wichtig für uns. Denn die reformierte Tradition hat mit dieser Angst vor Rang gebrochen. Würdig ist nicht der Titel. Würdig ist der Mensch. Ehrfurcht gehört nicht Menschen. Ehrfurcht gehört Gott allein. Kein Mensch ist so hoch, dass wir ihn fürchten müssten. Kein Name, kein Amt, kein Rang darf unser Gewissen binden.

Darum sagt Jesus so klar im Markusevangelium:
„Wer unter euch der Erste sein will, soll den anderen dienen.“

Das ist der Gegenentwurf zur Welt des Katzohr-Königs. Nicht Angst macht Ordnung, nicht Titel schaffen Frieden, sondern Dienst, Verantwortung und Haltung.

Verantwortung statt Schutzschild

Die Geschichte zeigt uns zwei Dinge.

Erstens: Verantwortung verpflichtet. Wer eine Aufgabe übernimmt, wer eine Rolle trägt, wer für andere Verantwortung hat, soll nicht gefürchtet werden.

Amt ist kein Schutzschild, kein Hut, hinter dem man sich versteckt. Verantwortung heißt: für andere da zu sein, nicht sich über andere zu stellen.

Ein Blick auf Josef II.

Liebe Gemeinde,

vielleicht ist es kein Zufall, dass wir hier, in unserer Geschichte, auch einen anderen „König mit Hut“ kennen: Josef II.

Er verzichtete auf große Inszenierung. Er wollte Reformen, er wollte Verantwortung. Und letztlich verdanken auch wir ihm, dass evangelische Gemeinde hier Raum bekommen hat – bis heute in der Dorotheergasse.

Er war kein Heiliger. Aber er zeigt: Macht wird nicht glaubwürdig durch äußere Zeichen, sondern durch Haltung.

Was uns trägt, wenn wir den Hut abnehmen

Und damit sind wir wieder bei uns. Wir alle tragen Hüte, manche sichtbar, manche unsichtbar: Hüte der Verantwortung, Hüte der Erwartungen, Hüte der Rollen, die andere uns geben – oder die wir uns selbst aufsetzen.

Sie können wichtig sein. Aber sie dürfen nicht zur Maske werden.

Denn vor Gott zählt nicht, welchen Hut wir tragen, sondern was uns trägt, wenn wir ihn abnehmen. Und das ist nicht unsere Stärke, nicht unsere Rolle, nicht unser Rang, sondern allein die Gnade Gottes.

Amen.