Wenn biblische Geschichten uns nicht zur Ruhe kommen lassen: Stephanus

Liebe Gemeinde,
nicht jede biblische Geschichte erfüllt uns mit Wohlgefühl.
Das merken wir schnell, wenn wir die Bibel nicht nur ausschnittweise lesen, sondern uns wirklich auf sie einlassen. Die Bibel ist kein Märchenbuch. Sie erzählt nicht nur Geschichten mit einem glücklichen Ende. Viele biblische Geschichten enden – aus menschlicher Sicht – offen, hart oder sogar tragisch.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir manche Texte lieber meiden.
Weil sie uns nicht sofort trösten. Weil sie uns nicht schnell beruhigen.
Weil sie Fragen offenlassen, statt sie zu schließen.

Und doch lebt der christliche Glaube von einer großen Hoffnung. Von der Hoffnung, worauf sogar in den letzten Kapiteln der Bibel hingewiesen wird. Das Buch der Offenbarung schließt mit dem Versprechen: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und als letzter Satz hören wir: „Ja, ich komme bald.“ Der christliche Glaube ist auf dieses Happy End ausgerichtet. Auf die Hoffnung der Erlösung vom menschlichen Leid.
Diese Hoffnung steht nicht am Anfang, sondern am Ende.
Und genau deshalb können die Geschichten dazwischen so schwer sein.
Aber diese Hoffnung bedeutet nicht, dass jede einzelne Geschichte gut ausgeht. Die Geschichte des Stephanus gehört zu den Geschichten, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ist keine Geschichte zum Wohlfühlen, sondern zur Klärung dessen, woran wir uns halten.

In diesem Sinne lesen wir den heutigen Predigttext:
Apostelgeschichte 6,8–15; 7,54–60

8Stephanus, erfüllt von Gnade und Kraft, tat grosse Wunder und Zeichen im Volk. 9Es traten aber einige auf von der sogenannten Synagoge der Libertiner, Kyrener und Alexandriner und einige von denen aus Kilikien und der Provinz Asia, die diskutierten mit Stephanus, 10vermochten aber der Weisheit und dem Geist, durch den er sprach, nichts entgegenzusetzen.

11Da stifteten sie einige Männer an zu sagen: Wir haben gehört, wie er Lästerreden gegen Mose und gegen Gott geführt hat. 12Und sie wiegelten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, machten sich an ihn heran, ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat. 13Und sie liessen falsche Zeugen auftreten, die behaupteten: Dieser Mensch hört nicht auf, Reden zu führen gegen diesen heiligen Ort und gegen das Gesetz. 14Wir haben nämlich gehört, wie er gesagt hat: Dieser Jesus von Nazaret wird diese Stätte zerstören und die Bräuche ändern, die Mose uns überliefert hat.

15Da blickten alle, die im Hohen Rat sassen, gespannt auf ihn. Und sie sahen, dass sein Antlitz wie das eines Engels war […].

1Der Hohe Priester fragte nun: Verhält es sich so? 2Er aber sprach: […]

51Ihr Halsstarrigen, die ihr unbeschnitten seid an Herz und Ohren, stets von neuem widersetzt ihr euch dem heiligen Geist, wie schon eure Väter, so auch ihr. 52Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Getötet haben sie alle, die vom Kommen des Gerechten kündeten. Und an ihm seid ihr jetzt zu Verrätern und Mördern geworden, 53ihr, die ihr das Gesetz durch Anordnungen von Engeln empfangen und euch nicht daran gehalten habt.

54Als sie dies hörten, wurden sie rasend vor Zorn und knirschten mit den Zähnen. 55Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen. 56Und er sprach: Ja, ich sehe die Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 57Sie aber überschrien ihn, hielten sich die Ohren zu und stürzten sich vereint auf ihn. 58Sie stiessen ihn aus der Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab, zu Füssen eines jungen Mannes namens Saulus. 59Sie steinigten den Stephanus, er aber rief den Herrn an und sprach: Herr, Jesus, nimm meinen Geist auf! 60Er fiel auf die Knie und rief mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er dies gesagt hatte, verschied er.

2. Stephanus – ein glaubwürdiger Mensch im Alltag

Liebe Gemeinde,
wer war eigentlich dieser Stephanus?
Er war Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde. Gemeinsam mit sechs anderen war er für die Versorgung der Armen und Witwen der Gemeinde zuständig.
Stephanus war kein Apostel. Er gehört nicht zum engsten Kreis um Jesus. Er war kein Prediger im eigentlichen Sinn. Er war Diakon. Mehr erfahren wir über ihn aus der Bibel nicht.

Auch über die Hintergründe des Konflikts mit einigen Schriftgelehrten wird nicht viel berichtet. Nur ein einziger Satz deutet auf die innere Haltung dieses Mannes hin: Stephanus war „erfüllt von Glauben und heiligem Geist“.
Ein besonders engagiertes Mitglied also. Einer, der im Hintergrund arbeitet. Einer, der dafür sorgt, dass Menschen nicht übersehen werden. Arme, Witwen, Menschen am Rand.
Gerade darin liegt etwas Entscheidendes. Er lebt seinen Glauben im Alltag. Und genau das macht ihn angreifbar. Denn dort, wo Glaube sichtbar wird, ohne laut zu sein, dort wird er manchmal unerträglich.

Denn wer öffentlich zur Urgemeinde gehörte und sich so intensiv für sie einsetzte, riskierte viel.
Für die Römer war diese neue jesuanische Bewegung politisch verdächtig, weil sie den Kaiser nicht als höchste Autorität anerkannte. Für Teile der jüdischen Führung war sie religiös unerträglich. Stephanus geriet zwischen diese Fronten. Nicht, weil er provozierte, sondern weil er sich nicht zurückzog. Er suchte keinen Konflikt. Aber er wich auch nicht aus, wenn es um den Kern seines Glaubens ging.

3. Wenn Argumente enden und Gewalt beginnt

Der Text erzählt, dass Menschen mit ihm diskutieren. Es sind gebildete Leute, fromme Leute, Menschen, die sich auskennen. Und doch heißt es: Sie konnten der Weisheit und dem Geist, durch den er sprach, nichts entgegensetzen. Das ist ein wichtiger Satz. Stephanus gewinnt keine Debatte. Er triumphiert nicht. Aber etwas an ihm lässt sich nicht widerlegen.
Und dann kippt die Situation. Wo Argumente nicht mehr tragen, greifen andere Mittel. Es werden falsche Zeugen organisiert. Die Anklage klingt vertraut: Lästerung, Angriff auf das Gesetz, Bedrohung des Tempels. Religiöse Vorwürfe. Ernsthafte Vorwürfe. Und doch sind sie innerlich leer. Einen solchen Prozess kennen wir bereits – auch Jesus wurde so angeklagt.

4. Die Kraft der inneren Klarheit

Was mich besonders berührt, ist Vers 15. Dort heißt es: Alle, die im Hohen Rat saßen, blickten gespannt auf ihn, und sie sahen, dass sein Antlitz wie das eines Engels war. Das ist kein triumphales Bild. Kein strahlender Sieger. Es ist ein Bild von Ruhe. Von innerer Klarheit. Stephanus ist nicht verhärtet. Er ist gesammelt.

Vielleicht ist genau das schwer auszuhalten: ein Mensch, der nicht ausweicht, aber auch nicht zurückschlägt. Der nicht laut wird, aber auch nicht klein beigibt.

5. Der Blick zum Himmel mitten in der Gewalt

Dann kommt der Wendepunkt der Geschichte. Die Situation eskaliert. Die Zuhörenden werden rasend vor Zorn. Der Text beschreibt das sehr körperlich: Zähneknirschen, Schreien, Ohren zuhalten. Es ist, als würde etwas Unerträgliches hörbar.
Und mitten in dieser Gewalt geschieht etwas ganz anderes. Stephanus blickt zum Himmel. Nicht weg von der Wirklichkeit, sondern tiefer hinein. Er sieht die Herrlichkeit Gottes. Und er sieht Jesus zur Rechten Gottes stehen. Das ist kein Fluchtbild. Es ist ein Gegenbild zur Gewalt.
Während die einen schreien, schweigt er innerlich nicht. Während sie töten, betet er. Stephanus sieht nicht sie. Er sieht Gott. Und genau das verändert alles. Seine letzten Worte sind keine Anklage. Sie sind Gebet. Übergabe. Vergebung.

Hier hilft uns der Text aus dem Hebräerbrief weiter, den wir gehört haben. Dort heißt es, dass das Wort Gottes lebendig ist und schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Im Kommentar wird dieses Bild erklärt – nicht als Waffe, sondern wie ein chirurgisches Messer. Nicht, um zu töten, sondern um zu unterscheiden. Um freizulegen, was im Inneren verborgen ist.
Genau das geschieht hier. Das Wort Gottes richtet nicht Stephanus. Es legt offen, was in den Herzen der anderen ist. Und das ist schwer auszuhalten. Nicht Stephanus verurteilt. Die Wahrheit selbst wird unerträglich.
Stephanus stirbt. Aber er stirbt nicht im Hass. Nicht im Kampf. Er stirbt in Beziehung. Und vielleicht ist genau das der Ernst des Glaubens, von dem diese Geschichte spricht.

6. Wie ernst nehmen wir unseren Glauben?

Wenn wir diese Geschichte hören, spüren wir schnell eine Distanz zu unserem eigenen Leben. Wir leben heute in einer ganz anderen Situation. In Europa sind wir dankbar für Glaubensfreiheit. Dankbar dafür, dass niemand verfolgt wird, weil er oder sie Christ ist. Diese Dankbarkeit ist wichtig. Und doch müssen wir ehrlich sagen: Religion erfüllt heute oft einen anderen Zweck.
Christlicher Glaube ist für viele zu einer Art Wohlfühlsache geworden. Etwas, das gut tun soll. Etwas, das man auch wieder ablegen kann, wenn es unbequem wird. Etwas, wofür viele Menschen nicht einmal mehr bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – wie wir es an den Kirchenaustritten sehen.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung.
Und sie stellt uns eine Frage, der wir nicht ausweichen sollten:
Wie ernst nehmen wir unseren Glauben eigentlich noch?

Ein Schüler hat mich einmal unterbrochen:
„Wir müssen die Bibel ja nicht wortwörtlich nehmen – aber warum waren Menschen bereit, für diese Worte zu sterben?“
Diese Frage klingt vielleicht naiv. Aber sie trifft einen wunden Punkt.
Das ist eine unbequeme Frage.
Denn sie zwingt uns, genauer hinzusehen. Nicht wortwörtlich – aber ernst. Passt das zusammen? Oder haben wir uns daran gewöhnt, den Glauben nur dort ernst zu nehmen, wo er uns nicht fordert?
Die Geschichte des Stephanus drängt uns diese Frage nicht auf. Aber sie lässt uns ihr auch nicht ausweichen.

7. Das Wort Gottes klärt und trägt

Der Lesungstext aus dem Hebräerbrief hilft, das zu verstehen. Dort heißt es:
„Denn lebendig ist das Wort Gottes und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“
Dieser Satz hat viele Menschen erschreckt. Auch Predigende.
Man möchte dieses Bild gern entschärfen. Aber es geht hier nicht um Gewalt. Nicht um ein Richtschwert. Sondern um ein Wort, das unterscheidet. Das klärt. Das freilegt, woran wir uns wirklich halten – und was nur Gewohnheit oder Fassade ist.

Das Wort Gottes ist lebendig. Es lässt uns nicht unberührt.
Nicht, um uns zu verurteilen, sondern um uns zu stärken.
Damit unser Glaube nicht nur Fassade bleibt, sondern eine tragende, heilende Kraft, die uns besonders in herausfordernden Momenten hält und trägt.

8. Zeugen des Glaubens bis in unsere Gegenwart

Dass solche Geschichten keine Vergangenheit sind, zeigt ein Blick in unsere Gegenwart. Im Jahr 2015 wurden in Libyen einundzwanzig christliche Männer ermordet. Es waren einfache Arbeiter. Keine Theologen. Keine kirchlichen Amtsträger. Zwanzig von ihnen gehörten zur koptischen Kirche in Ägypten. Einer von ihnen war ein Mann aus Ghana. Er war ursprünglich kein Christ.
Alle waren gemeinsam gefangen. Als man sie vor die Wahl stellte, ihren Glauben zu verleugnen oder zu sterben, hätte dieser Mann aus Ghana gehen können. Doch er blieb. Er sagte sinngemäß: Ihr Gott ist mein Gott. Und er starb mit den anderen.
Auch diese Männer wollten leben, sie suchten nicht den Tod.
Aber sie hielten sich an etwas, das größer war als ihre Angst.

Diese Geschichte ist keine Aufforderung zum Märtyrertum. Sie ist auch kein Maßstab, an dem wir uns messen müssten. Sie ist eine Frage an uns:
Wie lebendig ist das Wort Gottes in uns? Kann uns unser Glaube wirklich tragen?

9. Verantwortung für die Hoffnung

Die Geschichte von Stephanus stellt uns genau diese Frage.
Er ist keine Geschichte zum Nachmachen. Er ist eine Geschichte zur Klärung. Er zeigt uns keinen Weg des Heldentums, sondern eine Haltung. Eine Haltung des Vertrauens.

Und damit kommen wir zum Schluss zu einem Satz aus dem 1. Petrusbrief:
„Seid allezeit bereit zur Verantwortung über die Hoffnung, die in euch ist – mit Sanftmut und Respekt.“
Es heißt nicht: Verteidigt euch; Setzt euch durch.
Es heißt: Seid bereit, Auskunft zu geben über die Hoffnung, die euch trägt.
Diese Verantwortung geschieht nicht laut und nicht hart. Sie geschieht mit Sanftmut und Respekt. Vielleicht ist das der deutlichste Schutz davor, den Glauben zu verharmlosen oder zu verhärten.

10. Was uns im Glauben trägt

Liebe Gemeinde,
christlicher Glaube wird nicht daran gemessen, wie viel wir aushalten,
sondern daran, ob uns unsere Hoffnung noch trägt – auch in Situationen, in denen es schwer ist.
Vielleicht ist das der Ernst des Glaubens:
nicht alles zu verstehen, aber sich tragen zu lassen.

Amen.