„Alles braucht seine Zeit!“ Prediger/ Kohelet 3, 1-15

„Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.“, hat Paul Gerhardt gedichtet.

Alles im Leben braucht Zeit – so wie das Feiern heute, oder das sich Besinnen, das Ausruhen oder der Schlaf. Für alles zahlen wir mit unserer Lebenszeit ein. Dieses Bild ist in einem der Texte im Alten Testament, dem Predigerbuch/ Kohelet – zu finden. Kohelet ist die Bezeichnung für den Versammlungsleiter, also bei uns heute würden wir sagen: Kurator?

Prediger 3, 1-15

1 Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: 

2 Geborenwerden und Sterben, Pflanzen und Ausreißen, 3 Töten und Heilen, Niederreißen und Aufbauen, 

4 Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, 

5 Steinewerfen und Steinesammeln,

Umarmen und Loslassen, 6 Suchen und Finden,

Aufbewahren und Wegwerfen, 

7 Zerreißen und Zusammennähen,

Schweigen und Reden, 

8 Lieben und Hassen,

Krieg und Frieden. 

9 Was also hat der Mensch davon, dass er sich abmüht? 10 Ich habe erkannt, was für eine schwere Last das ist, die Gott den Menschen auferlegt hat. 11 Für alles auf der Welt hat Gott schon vorher die rechte Zeit bestimmt. In das Herz des Menschen hat er den Wunsch gelegt, nach dem zu fragen, was ewig ist. Aber der Mensch kann Gottes Werke nie voll und ganz begreifen. 

12 So kam ich zu dem Schluss, dass es für den Menschen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und das Leben zu genießen. 13 Wenn er zu essen und zu trinken hat und sich über die Früchte seiner Arbeit freuen kann, ist das Gottes Geschenk. 

14 Ich begriff, dass Gottes Werk für immer bestehen wird. Niemand kann etwas hinzufügen oder wegnehmen. So hat Gott es eingerichtet, damit die Menschen Ehrfurcht vor ihm haben. 

15 Was immer sich auch ereignet oder noch ereignen wird – alles ist schon einmal da gewesen. Gott lässt von neuem geschehen, was in der Vergangenheit bereits geschah. 

Liebe Gemeinde!

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ So bringt es der Prediger Kohelet, der Kurator, schon am Anfang seines kurzweiligen Buches in der Bibel auf einen Punkt. Nichts kann uns mehr schrecken, nichts mehr überraschen, nichts Menschliches ist uns fremd oder auch: Nichts Unmenschliches ist uns mehr fremd. Alles ist schon einmal da gewesen.

„By the way, the same procedure as last year, Miss Sophie?“

„The same procedure as every year, James!“

Jedes Jahr Lametta zu Weihnachten und dann kommt das Lamentieren. Nach Weihnachten als Hochfest und spannendes Experiment in Sachen Familienbegegnungen, kommt mit dem Einläuten und Einsetzen des Neuen Jahres so ein seltsam gemischtes Gefühl auf. So ein gemischter Satz zwischen Sehnsucht nach den vergebenen und vergeigten Momenten und Chancen und dazu einer unerklärlichen Euphorie, weil es in den nächsten 365 Tagen durchaus gelingen könnte. Also das, was wir uns so halt vornehmen fürs neue Jahr. Wir ziehen Bilanz und verbuchen auf der schönen Seite des Lebens: Ist in unserer Familie oder im weiteren Umfeld ein süßes Baby geboren worden. Haben sich unsere Pflanzungen gut entwickelt, daheim am Küchentisch oder auf der Veranda oder für die Reichen unter uns im Garten. Gab es guten Ertrag für alles, was wir veranlagt haben. Sind wir und unsere Liebsten von Krankheiten oder schlechten Angewohnheiten geheilt worden oder auf einem guten Weg. Haben wir was Gutes, Beständiges, Hübsches geplant und gebaut, mit unseren Kindern aus Legosteinen oder das erträumte Eigenheim.

Wie viel haben wir unbeschwert gelacht und wie oft leichtfüßig getanzt. Was haben wir angesammelt und wie gut haben sich die innigen Umarmungen angefühlt. Was haben wir nicht alles Schönes und Brauchbares gefunden. Und konnten wir Risse zuschmieren, Zerrissenes zusammennähen, Konflikte wieder kitten. Wer hat große Reden gehalten oder sich mit kleinen Gesprächen die Beziehung belebt. Mit wem in unserer Nähe sind wir in inniger Liebe verbunden.

Für all das brauchen wir Zeit, wie schon der weise Lehrer vom Buch des Predigers sagt. Und wie es gilt dass wer a sagt auch b sagen muss, mischen sich die erhabenen und erhebenden Augenblicke unseres Lebens mit der beinharten Welt der Gegensätze, die uns das Leben so mühsam machen. Und 2025 war ein echt mühsames Jahr. Es war zumindest in meinem Umfeld so richtig zäh und ich kann noch nicht sagen, ob es nun ein gutes oder ein schreckliches Jahr war. Ich frage mich ja, was bleibt an Gutem fürs kommende Jahr und meinetwegen Jahrzehnt? Und diese Frage: „Was bleibt?“ ist zutiefst in uns hineingelegt, sagt der Prediger. In unser Herz hat GOTT den Wunsch gelegt, zu fragen, was bleibt, was überdauert die Zeit, was ist ewig dran, was wichtig und wirklich bedeutsam? Was? Könnten Sie da ein, zwei, drei Dinge aufzählen von diesem Jahr, die bleiben, die nicht von neuen Geschehnissen überlagert werden und die wir nicht sofort aus dem Blickfeld verlieren, wenn eine neue Eilmeldung auf dem Newsticker vorbeizieht. Wir müssen danach fragen, können gar nicht anders. Es ist unser Naturell zu fragen und es uns auch zu wünschen. Es soll doch was bleiben.

Weil wenn nichts bleibt, wenn nichts wirklich wichtig war in diesem letzten Jahr und den Jahren davor, dann … wär das nicht frustrierend, himmelschreiend ungerecht, unfair? Wozu das alles, wenn nichts bleibt, keine Träne, die wir vergossen haben, keine liebestollen Glücksmomente, die uns gepackt haben, keine Friedensverhandlungen und keine Konfliktlösungen in der eigenen Familie. Wir werden es nie voll und ganz begreifen, ist der lapidare Schluss des Predigers. Alles in der Welt, alles was passiert und geschieht und was wir erleben hat die vorherbestimmte Zeit und die angesetzte Stunde und Minute und Sekunde, zu der es passieren wird. Was geboren wird, wird sterben. Was wir pflanzen, wird ausgerissen. Was wir aufbauen, wird niedergerissen. Wer lacht, wird weinen. Wer tanzt, wird auch mal klagen, dass nicht mehr getanzt werden kann. Wer Steine sammelt, muss damit rechnen, dass Steine geworfen werden. Wenn wir uns heute umarmen, könnten wir morgen schon auf Distanz gehen. Wer redet, sollte manchmal lieber schweigen. Und wir alle kennen den Klassiker in der Liste: Wer Dinge gerne aufbewahrt, wird sich mal ums Wegwerfen kümmern müssen. Also gibt es wohl wirklich nichts Besseres, als fröhlich zu sein, so gut es eben gerade geht, und das Leben zu genießen, so gut es eben gerade geht. Oder sich damit zu begnügen, dass ich gerade schweigen will, meine Ruhe brauche, keine frohe Stimmung aufkommen will. Für all das hat GOTT den Zeitpunkt bestimmt. Wenn wir zu essen und zu trinken haben und wenn wir uns über unsere Arbeit freuen können, weil wir eine haben, die uns Freude bereitet, oder eine gehabt haben, die uns erfüllt hat und uns gute Erinnerungen beschert hat, wenn wir nicht hungern müssen, nicht frieren, dann denken wir daran: Das alles gibt’s geschenkt, von GOTT.

Was bleibt also, von allem, was wir tun und sagen und schreiben und konstruieren und von all der Zeit, die gelebt haben? Gerade wenn Sie solche Fragen umtreiben, dann sollten sie den Prediger lesen. Denn er stellt auch die Frage, wenn es uns gutgeht, wieso geht es anderen dann nicht auch gut oder wenn es uns schlecht geht, warum dann nicht auch den anderen? Das ist eine zutiefst menschliche Frage. Der Prediger ist ein Grundlagenwerk für eine praktische Weisheit für den Alltag, eine Philosophie aus der jüdischen Glaubenswelt, die sich bei anderen Kulturen durchaus bedient hat. Geschrieben vor 3000 oder 2.500 Jahren stellt es die Gesetzmäßigkeiten des Lebens in Frage und versucht vorsichtig darauf Antworten zu finden. Dabei bleibt der Prediger immer in Gespräch mit GOTT und der Glaube bildet seine Basis für alle Überlegungen. Dabei merkt der aufmerksame Leser oder die konzentrierte Leserin, dass sich der Glaube da durchaus mit entwickelt. Der Glaube an den gerechten GOTT wird ebenso hinterfragt wie der nach dem liebevollen GOTT, dem fürsorglichen GOTT, dem unparteiischen GOTT. Und wie das Buch „Hohelied“ ist der Prediger/ Kohelet eine Ode an das Leben und die Lebensfreude. Sie werden staunen, wenn sie es lesen.

Hier geht es zum einen nicht um die messbare Zeit. Wie lange braucht es sich zu verlieben und wie lange sich nach einem Streit wieder zu vertragen? Es fragt vielmehr nach der qualifizierten Zeit, der „Quality Time“ in meinem Leben. Der Mühe wird der Genuss und der Plage die freien Tage gegenübergestellt. Aber all das zu fragen und hinter die Kulissen unseres Alltags zu schauen, macht nicht glücklich und es liefert auch keine zufriedenstellenden Antworten. Wie es in der Glaubenswelt eben immer dazugehört, bleiben manche Sätze einfach stehen. Die Antworten sind nicht befriedigend, frustrieren vielmehr. Sie sind wie das Leben, einfach nicht fassbar. So viel Leben ist nicht zu fassen. Und dazu kommt eine klare gesellschaftspolitische Dimension und Position des Predigers dazu. Er stellt fest und blind, wer es nicht sieht, dass die Gerechteren und die Schurken zumindest immer das gleiche Schicksal trifft. Manchmal trifft es die Gutmeinenden auch noch einen Deut schlimmer im Leben als diejenigen, die kein Gewissen zwackt und drückt und die sich nichts scheren, denen alles egal ist.

Der Regen fällt auf den Gerechten und den Ungerechten, wie es Jesus dann ausdrückt: Mt 5,45 „Denn GOTT lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Der englische Richter Charles Bowen (1831-1894), Spitzname: The Polite Judge, der höfliche Richter, hat hier aus seiner juristischen Expertise folgendes zu Prediger und Matthäus 5,45 gedichtet:

„The rain it raineth on the just
And also on the unjust fella
But more upon the just because
The unjust steals the just’s umbrella.“

Die britische Band Dog Faced Hermans haben dazu ein Lied, wir können sagen einen Psalm, geschrieben. Das von Marion (Marion-Anna-Moor) geschriebene Lied verwendet biblische Anspielungen wie „Regen fällt auf die Gerechten und Ungerechten“, um gesellschaftliche Ungerechtigkeit hervorzuheben, in der die Bösen gedeihen, während die Guten leiden.

The justly man is thus condemned
Attrition and a life of constant rain

The unjust man is not disturbed
For one man’s loss another’s natural gain

Der Gerechte ist dazu verurteilt, sich zu verausgaben und im Regen zu leben. Der Ungerechte wird nicht gestört. Was der eine verliert, bereichert den anderen.

Oh woe, oh woe is he
Oh woe, oh woe is he, oh woe

The justly man will thus erode
And unjust men the world will overrun
There’ll be no more of charity
And rainclouds shall pile up across the sun

Der Gerechte wird sich aufreiben, und die Ungerechten werden die Welt überrennen. Es wird keine Wohltätigkeit mehr geben. Und Regenwolken werden dann die Sonne für immer verdecken.

Oh woe, oh woe is hе – Ojemine, die armen
Oh woe, oh woe is he, oh woe – Ojemine ojemine …

Ojemine ist übrigens eine Mischung der beiden Wörter Jesus und Domine. Oh Gott o Gott. Könnte man es übersetzen. Aber dabei sollten wir doch nicht stehenbleiben.